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Liebeserklärung an: den Tatort

Der Sonntagabend ist reserviert für die Verbrecherjagd. Warum der Tatort trotz seines Alters Kulturgut ist.

Es sind die kleinen Dinge, die uns unseren tristen Alltag versüßen und das Leben ein bisschen besser machen. Ob es hübsche Gänseblümchen sind, die am Straßenrand wachsen oder eine Kugel deiner liebsten Eissorte – wir alle haben kleine Muntermacher in unserem Alltag, über die wir nur selten ein Wort verlieren. Das soll sich jetzt ändern! Wir bieten euch eine Liebeserklärung an die kleinen Dinge, die uns in stressigen Situationen retten, an schleppenden Tagen motivieren oder uns die guten Tage versüßen!

Sonntag, 20:15 Uhr. Ich sitze in meine Lieblingsdecke gewickelt im Wohnzimmer meiner Eltern und warte gespannt darauf, dass Jan Hofer mir einen schönen Abend wünscht und die Tagesschau mit diesen Worten beendet. Dann verdunkelt sich der Fernsehbildschirm und die mir so vertraute Titelmelodie ertönt.

Lieber Tatort,

uns beide verbindet eine lange Beziehungsgeschichte, wir hatten unsere Höhen und Tiefen. Als kleines Kind wollte ich immer sehr gerne dabei sein, wenn sich meine Eltern am Sonntagabend für 90 Minuten im Wohnzimmer verschanzten. Ich ließ es nicht einmal unversucht strumpfsockig und mit der unauffälligsten Mimik, die mein Gesicht damals zustande brachte, in den Raum zu huschen. Nur nichts anmerken lassen. Gestoppt wurde ich dann immer vom gleichen Satz, der mich vor Spannung innerlich fast zerriss: “Das ist nichts für dich, dafür bist du zu jung”. Ich hielt also auf halbem Weg zwischen Tür und Sofa inne und erhaschte manchmal einen kurzen Blick auf den Bildschirm. Dort war meines Erachtens meistens erst einmal nichts Spektakuläres zu sehen und ich konnte die Aufregung meiner Eltern keineswegs nachvollziehen. Du schienst also etwas an dir zu haben, das gefährlich für mich werden könnte. Ich wäre kein Kind gewesen, wenn diese seltsame Geheimniskrämerei meine Neugierde nicht erst recht maximal entfacht hätte. Trotzdem entnahm ich dem entschlossenen Ton in den Stimmen von Mama und Papa, dass es schlauer wäre, den Raum jetzt zu verlassen und mich bettfertig zu machen. Es war ja schließlich auch schon spät.

Funkstille

Über die Jahre meines Erwachsenwerdens vergaß ich dich dann ein bisschen und dafür möchte ich mich hiermit von Herzen entschuldigen. Ich war zu sehr mit mir selbst, der Pubertät und überhaupt allem anderen beschäftigt, als dass mir dein Reiz ins Gedächtnis zurückgekehrt wäre. Ich erschuf mit dem Chaos in meinem Zimmer meinen ganz eigenen Tatort, den niemand betreten sollte. Vermutlich wollte eh niemand freiwillig in die Sperrzone, in der ich den Tatortreiniger und die Spurensicherung mit offenen Armen empfangen hätte. Damals hätte man da drin so einiges an Beweismaterial sicherstellen können. Während meine Eltern mir in dieser Zeit eher fernblieben, waren sie dir weiterhin treu verbunden – vermutlich hatten sie die Auszeit vom alltäglichen Wahnsinn damals auch besonders dringend nötig. Trotzdem bin ich mir relativ sicher, dass ich hätte bleiben dürfen, wäre ich in diesen Jahren nochmal in Richtung Fernseher getippelt.

Unser Wiedersehen

Später warst du dann plötzlich wieder Thema und meine Freunde begannen, sich Montag Morgens über dich zu unterhalten. Von „Ich wusste gleich, dass er es war“ bis „Das hätte ich im Leben nicht gedacht“ reichte die Messlatte damals. Sie ist deine wohl stärkste Kritik, an ihr misst sich bis heute dein Erfolg. Machst du dem Privatdetektiv in mir zu leichtes Spiel, langweile ich mich und bin in meiner Ehre gekränkt. Ich hätte das auch sicher ohne den zwanzigsten Hint verstanden, okay? Führst du mich bis ganz zum Schluss auf eine völlig falsche Fährte, stehst dann plötzlich vor mir und präsentierst die Mutter (die MUTTER!!!) als Täterin, dann hast du es geschafft und ich verneige mich ehrfürchtig. Kein Teil dieses wöchentlichen Spiels zu sein, erschien mir damals fatal. Erstens machte es offensichtlich allen Spaß und zweitens musste ich ja wohl mitreden können. Irgendwann kam es, wie es kommen musste, ich nahm zwischen meinen Eltern auf dem Sofa Platz und endlich wurde das Geheimnis um dich gelüftet. Aber nicht nur das: es entstand eine tiefe Freundschaft zwischen uns beiden. Nun konnte ich verstehen, warum mir als Kind wöchentlich für eineinhalb Stunden der Zutritt zum Wohnzimmer versperrt blieb. Auch heute noch gibt es Fälle, die ich nur hinter vorgehaltenem Kissen verfolgen kann. Besonders dann, wenn du wieder mit besonders grausamen und blutigen Specials lockst.

Warum ich dich mag

Lieber Tatort, wenn wir uns treffen bin ich bin manchmal vielleicht etwas schreckhaft und nervös. Mein Vater ermahnt mich dann noch heute, dass übrigens „alles nur gespielt ist“. Dessen bin ich mir vollkommen bewusst, mache dir aber doch trotzdem das größte Kompliment, wenn ich dir sage: An den meisten und besten Sonntagabenden überfällt mich deine Crew um 20:15 Uhr mit Sturmhauben, entführt mich für 90 Minuten (am liebsten) nach Wien, München, Köln oder Münster und wirft mich um 21:45 Uhr (noch immer gefesselt) zurück auf die Couch. Liebe hinterlässt ihre Spuren und deshalb brauche ich nach unseren Dates erst einmal eine Viertelstunde, bis ich die deinen wieder verwischt habe. Nein, ich brauche keine roten Rosen und kein 5-Sterne-Menü. Du gefällst mir am liebsten, wenn du mich tief drin berührst. Wenn du menschlich bist und mir die Abgründe aufzeigst, die in zunächst “ganz normalen” Menschen versteckt sind. Wenn der Familienvater, der seine ermordete Tochter schmerzlich vermisst, aus Rache selbst zum Mörder wird. Wenn Eltern nur noch schreien können, weil ihr größtes gemeinsames Glück grausam vergewaltigt und erdrosselt wurde. Wenn Menschen emotional missbraucht werden und ganz still sind, bis sich ihr ganzes Leid in das eines Anderen verwandelt.  Wenn ein Kind beim Spielen eine Waffe findet und damit versehentlich sein Geschwisterchen erschießt. Dann kann es schon auch mal passieren, dass ich wegen dir eine Träne verdrücken muss, denn dann bist du echt. Ich liebe es, wenn ich vor Spannung nervös werde, gesprächige Familienmitglieder aus dem Wohnzimmer verbanne und aufhöre Salzstangen zu knabbern, weil ich jedes einzelne Wort mitbekommen will, manchmal aber auch muss. Das sind die Sonntage, an denen du mich enttäuscht. Wenn deine Handlungsstränge so verwoben sind, dass ich um 21:45 Uhr noch immer nicht sicher sagen kann, wer schuldig ist. Zu viele Schnitte, zu viele Geschichten, zu viele Akteure. Dann fühle ich mich ehrlich gekränkt, schließlich habe ich meine kostbare Zeit in dich investiert. Doch das passiert zum Glück nicht oft und kleine Differenzen gehören schließlich zu jeder gesunden Beziehung, oder?

Ein Kompliment

Lieber Tatort, du gehörst zu mir. Mein Sonntagabend ist perfekt, wenn ich ihn gemeinsam mit dir verbringen darf. Ich mag dich so gerne, dass ich dich schon einmal zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Arbeit ernannt habe. Zu Forschungszwecken habe ich dich jeden Sonntag in einer Kneipe geschaut – gemeinsam mit vielen anderen beim Public Viewing. So weit hast du es nämlich in all den Jahren gebracht und ich finde du solltest stolz auf dich sein. Mit deinen 48 Jahren steckst du absolut nicht in der Midlife Crisis, du hast es noch richtig drauf. Ich wünsche mir noch viele gemeinsame Jagden auf Bösewichte, die ich eingemummelt in meine Lieblingsdecke sicher vom Sofa aus verfolgen kann, während du dich für mich in Gefahr begibst. Danke.

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Bildquelle: WDR Presse und Information/Bildkommunikation

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