Eine Liebeserklärung an: Öffentliche Verkehrsmittel

Liebeserklärung Öffentliche Verkehrsmittel

Liebe öffentliche Verkehrsmittel. Ich weiß, ihr werdet oft stiefmütterlich behandelt. Oft habt ihr mit teilnahmslos aus dem Fenster starrenden oder mürrisch in ihre Handys glotzenden Menschen zu tun, die euch nicht schätzen und für selbstverständlich hinnehmen. Meistens rückt ihr in eurer tragenden und fahrenden Rolle erst in das Bewusstsein der Leute, wenn etwas nicht funktioniert. Dann müsst ihr euch wüste Schelte gefallen lassen, wenn ihr mal unzuverlässig seid oder verletzt in der Werkstatt steht. Aber lieber Bus, liebe U-Bahn, S-Bahn, Tram, ich möchte euch etwas sagen – ich habe euch schon sehr gern.

Drink and drive mit öffentlichen Verkehrsmitteln

Wie würde ich mich in alkoholinduzierten Nächten nur fortbewegen? Reeperbahn, ich komm an – aber niemals ohne euch, liebe öffentliche Verkehrsmittel. Wenn das Portemonnaie zu schmal ist für dekadente Taxifahrten, ich selbst zu durch bin, um meinen Drahtesel zu zähmen und das Auto energisch den Kopf schüttelt und „DU HAST GESOFFEN“ schreit, karrt ihr mich ohne zu murren zur sündigsten Meile und holt mich zuverlässig wie ein unermüdlicher Liebhaber ab. Ich weiß, es wird euch schlecht gedankt. Vor allem nachts habt ihr schmutzige Fahrgäste. Schon oft wollte ich norddeutsch-distanzfreudig auf einen leeren Viererplatz zustürmen, der dann aber genau deswegen leer war, weil eine riesige Kotzlache den Boden bedeckte. Aber wisst ihr, ohne euch wäre ich aufgeschmissen und dann setze ich mich eben auf einen anderen Platz mit abgewetztem Stoffbezug. Mit Tinitus im Ohr und von Müdigkeit benebelt lasse ich mich von euch nach Hause kutschieren, während ihr mich mit eurer unerschöpfbaren Klimaanlagenwärme sacht zudeckt und mich mit eurem leichten Schuckeln ins Traumland wiegt. Und wenn mir dann eine freundliche Computerstimme, die niemals böse werden könnte, etwas sperrig und ungewöhnlich betonend ins Ohr flüstert: „Njechste Haltestelle: Feldstraße“, dann fühle ich mich geborgen, fast wie ein Embryo im Mutterleib und weiß, ich komme sicher heim. Dank euch.

Völker dieser Welt, vereinigt euch

Aber auch, wenn ich nicht vollgetankt bin, kann ich mich auf eure Fahrkraft verlassen. Egal, welcher Gemütszustand, welche Herkunft und welches Alter: ihr heißt jeden friedlichen Menschen willkommen. Tatsächlich seid ihr in Großstädten der fleischgewordene Kommunismus, denn ihr vereint Anzugträger aller Art, egal ob Jogging oder Nadelstreifen. Hier sind wir alle gleich und stehen für einander auf. Jung für Alt, Gesund für Verletzt und Weiß für Schwarz. Jede Klasse kommt dank euch zusammen, sei es die der Arbeiter oder die 8b auf dem Weg ins Museum. Würd Marx das sehen; ein Tränchen würd sein Manifest benetzen. Denn trotz sozialer Distanz sind wir uns alle nah, wenn wir zu Stoßzeiten nahezu orgiastisch aneinander gedrängt und mit Taschen, Rucksäcken und Ellenbogen im Rücken unsere Körper zu einer Masse vereinen. Und inmitten dieser sozialistischen Umschließung bleiben natürlich auch romantische Vereinigungen im Geiste nicht aus. Auf engstem Raum, mal mit von Atem feuchten Fenstern, sorgt ihr für bittersüße Alltagsromanzen, wenn ein hübscher Fahrgast in das Blickfeld gerät. Hoffnungsvoll warten wir ängstlich bangend auf den nächsten Halt, bei dem unser junges platonisches Liebesglück auseinandergerrissen könnte wie eine Fahrkarte, da der unbekannte Liebende von uns scheidet. Meist halten sie nur für die Dauer einer Fahrt an und rauschen mit dem nächsten Fahrerwechsel aus unserem Gedächtnis, aber für den Moment genießen wir sie in vollen Zügen. Ohne euch, liebe Öffis, wäre diese Achterbahnfahrt der Gefühle nie möglich.

Dankbarkeit auf Knopfdruck

Ach, liebe U1, lieber Bus 25 und S21. Ich kann euch und euren Geschwistern gar nicht genug danken. Ich weiß, dass unser Verhältnis manchmal etwas angespannt war und ich auf euch geschimpft habe, wenn ihr mir vor der Nase weggefahren oder gar nicht erst gekommen seid. Dann war ich schon mal böse. Aber ich weiß auch, dass ich ohne euch ein immobiles, armes Studentlein wäre, das mit seinem Hollandrad Antje öfter mal ganz schön im Regen stehen und über weite Strecken wirklich nicht vorwärts kommen würde. Dass ich mit dem Auto meinen bisherigen Rekord in puncto Bußgeldbescheinigungen wegen Parken im Halteverbot, im eingeschränkten Halteverbot, auf einer Sperrfläche, auf dem Bürgersteig, auf einer Feuerwehrzufahrt oder unnützem Fahren in der Ortschaft rigoros selber brechen würde und es eigentlich gleich zur Adoption in der Kfz-Verwahrstelle freigeben könnte. Und ich weiß, dass ich allein mit eurer Hilfe das Schmelzen der Polkappen und das Aussterben der Pinguine um eine Nanosekunde anhalten kann, wenn ich den keimigen Türknopf drücke und mir beim Einsteigen euer unverwechselbarer Eigenmuff entgegenschlägt. Denn ihr seid nicht nur fahrende Kommunisten und unverschämt gut zielende Liebesgötter, sondern auch Umweltschützer vom feinsten, die sich stets Gedanken machen, wie sie die Natur noch besser schonen können. Und dafür bin ich euch sehr dankbar. Dafür stehe ich mit meinem Semesterticket.

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Titelbild: Pexels unter CC0 Lizenz