Mein erster Sommer mit Körperbehaarung

Frau föhnt sich die Haare in ihrer Achsel

Lange Zeit habe ich mir eingeredet, dass ich mich nur rasiere, weil mir das so besser gefällt. Meine trockene Haut an den Beinen und die brennenden Pickelchen unter meinen Armen, habe ich gekonnt ignoriert. Ich dachte immer: „Selber schuld, wenn du nicht das teure Pflegeprodukt xy aus der Werbung benutzt.“ Mich nicht zu rasieren, war für mich unvorstellbar. Gleichzeitig habe ich Frauen mit Körperbehaarung bewundert. Nun habe ich es endlich selber gewagt.

Das klingt jetzt erstmal vielleicht nicht nach einer spektakulären Entscheidung, aber für mich war es eine. Denn aufgewachsen bin ich mit glattrasierten Frauen, rosa Einwegrasierern und unzähligen After-Shave-Lotions. Die Vorstellung, dass jemand Stoppelchen an meinen Achseln sehen könnte, hat mich als Teenager umgebracht (klingt dramatisch, aber damals war alles dramatisch). Mädchen mit starken Haarwuchs hab ich bemitleidet und immer dran gedacht, wie glücklich ich mich schätzen kann, weil meine Armhaare sehr fein sind.

KÖRPERBEHAARUNG BEI FRAUEN „IST UNHYGIENISCH“

Nun stellte ich diesen Sommer nicht nur meine Stoppeln zur Schau, sondern ließ meine Haare bewusst wachsen. Ich war selbst sehr fasziniert von den Haaren, die ich so an mir noch nie gesehen hatte. Und andere Menschen schienen davon genauso fasziniert so sein. Die meisten schauten interessiert, einige verzogen aber auch das Gesicht. Als es so unerträglich heiß war stand ich mit einem Top in der U-Bahn und aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, dass mich ein Typ ins Auge gefasst hatte. Die U-Bahn hielt und ich musste mich an einer Stange unter der Decke festhalten, dabei warf dann der Mann einen Blick auf meine Haare. Wenn ich an sein angewidertes Gesicht denke, muss ich immer noch grinsen. (Er sprach mich dann übrigens nicht mehr an, sondern machte sich auf den Weg ans andere Ende des Waggons.) 

Frau mit Achselbehaarung
Quelle: Unsplash

Eine sehr lustige Situation hatte ich in einem Buchladen, als ein Mädchen mich fragte was ich da unter den Armen hätte. Ich erklärte ihr, dass das meine Haare seien. Sie hob ihre Arme an, schaute und schüttelte dann den Kopf. „Die bekommst du auch noch“, sagte ich ihr – aufmunternd, wie ich dachte. Stattdessen starrte sie mich mit offenem Mund an und begann zu schluchzen. Ich hatte es also tatsächlich geschafft ein kleines Kind mit meinen Haaren zum Weinen zu bringen.

Für mich war meine Körperbehaarung neu und deshalb nahm ich natürlich die Reaktionen der Menschen viel heftiger wahr. Die wirklich krassen Situationen blieben aus, was wahrscheinlich auch daran liegt, dass ich in Berlin mit meinen Achselhaaren längst nicht die aufregendste Person in der Bahn bin. Aber neugierige und urteilende Blicke können manchmal genauso nervend sein, wie dumme Kommentare. Einmal wurde ich gefragt, was denn mein Freund dazu sagt. Für viele Menschen sind Frauen mit Körperbehaarung (egal wo) immer noch sexuell unattraktiv. Ein anderes mal sagte eine Frau zu mir, dass das ja total unhygienisch sei. Ich fragte sie dann, ob das denn auch für Männer gilt. Eine wirkliche Antwort bekam ich nie, nur einen Vortrag darüber, dass Haare an den Körpern von Frauen nicht schön sind.  

Weibliche Körperbehaarung gehört in die Öffentlichkeit

Viele neigen bei diesem Thema dazu, das ganze abzuwinken. Ein lockeres „soll jede*r machen, wie sie*er will“ und schon ist die Diskussion vorbei. Trotzdem sieht man selten außerhalb der Social-Media-Bubble Frauen mit Körperbehaarung. Nicht in der Werbung, nicht in Serien, nicht in Zeitschriften und auch nicht einfach so auf der Straße. Keine meiner Freundinnen lässt sich die Bein- oder Achselhaare wachsen. Auf Instagram gibt es die Seite „januhairy„, die auf Körperbehaarung von Frauen aufmerksam machen möchte. Zeigen möchte, dass Haare an Frauen wirklich keine große Sache sind, sondern eben genauso natürlich, wie bei Männern.

Denn wer glaubt, dass es für Frauen normal ist, sich nicht zu rasieren liegt falsch. Das merkt man ziemlich schnell, wenn man eben eine von diesen Frauen ist.

Behaarte Frauen Sind (leider) Noch nicht normal

Denn wenn ich mit meiner Körperbehaarung solche Reaktionen hervorrufe, wie soll es dann jungen Frauen möglich sein, eine unabhängige Entscheidung zu treffen? Der erste Schritt, um Körperbehaarung bei Frauen wirklich zu etwas normalem zu machen, wäre sich erstmal einzugestehen, dass es in unserer Gesellschaft einfach noch nicht normal ist. Junge Mädchen greifen nicht zu Rasierern weil sie eine Wahl haben, sondern weil sie es nicht anders kennen. In den 1980ern wurde die rasierte Frau zum Schönheitsideal. Damit verschwand die unrasierte Frau, mit Körperbehaarung vollkommen aus der Öffentlichkeit. Sie wurde höchstens mal als Negativbeispiel rausgekramt.

Mir hat der Sommer gezeigt, dass all die Dinge, die mir man immer über Körperbehaarung erzählt hat, nicht stimmen. Ich fühlte mich zu keinem Zeitpunkt weniger weiblich, meiner Haut geht es seither besser und ich stinke auch nicht mehr als sonst im Sommer. Wer weiß, vielleicht rasiere ich sie mir auch bald mal wieder, warum auch nicht? Aber ich habe definitiv gemerkt, dass es noch längst nicht die normalste Sache der Welt ist. Wer das nicht glaubt, kann es ja mal ausprobieren.

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Bildquelle: Unsplash 

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