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Migräne: Leises Leiden, lauter Schmerz

Migräne wird oft missverstanden und mit Faulheit assoziiert. Dabei geht es bei der Krankheit um so viel mehr.

Es ist erst nur ein kurzes, unangenehmes Stechen. Dann hast du das Gefühl als würden tausend Nadeln mit der Stärke eines Presslufthammers auf deine Schädeldecke eintrommeln. Normales Tageslicht fühlt sich an wie ein gleißender LED-Scheinwerfer direkt vor deinem Gesicht. Alles wirkt taub. Dein Geruchssinn ist so sehr geschärft, dass dich irgendwann alles anwidert. Dir wird schwindlig, als hättest du fünf Tage lang nichts gegessen. Und irgendwann wird dir schwarz vor Augen.

Migräne ist ein unsichtbares Leiden, mit dem sich weltweit etwa 1 Milliarde Menschen quälen, darunter fast 18 Millionen in Deutschland, von denen die meisten erwerbstätig sind. Das lässt die Schwierigkeit erahnen, die Krankheit mit dem Alltag unter einen Hut zu bringen. Es ist Zeit, die nicht mehr zurückzuholen ist. An Arbeit oder Uni ist nicht mehr zu denken. Und wer dann noch Kinder hat, um die er sich kümmern muss, bei dem vervielfacht sich das Problem ins Unendliche. Die Krankheit ist wahnsinnig prävalent, weltweit ist es die am dritthäufigsten vorgefundene Krankheit. Und doch ist sie – im Vergleich zu anderen Krankheiten – wahnsinnig unerforscht. Was vielleicht auch daran liegen mag, dass die Disziplin der Epidemiologie in Deutschland bisher sehr vernachlässigt wurde. Die erste repräsentative Studie in Deutschland zum Thema ist erst im Jahr 1993 durchgeführt worden, und in Europa fließen weniger Forschungsgelder in die Migräneforschung als in andere neurologische Krankheiten.

 

Poppin‘ pills like crazy

 

Ärzte und Wissenschaftler unterschätzen oft auch den Schmerz bei Frauen, da Frauen eine höhere Schmerztoleranz besitzen und sich häufig nicht anmerken lassen, wie schlimm es ihnen wirklich geht. Oftmals sind Ärzte schlichtweg überfordert, verschreiben eine 50-er Packung Ibuprofen, und du gehst ohne eine richtige Diagnose oder Gewissheit nach Hause. Abgespeist mit einem Vorrat an Schmerztabletten, der für die nächsten 3 Monate reichen soll. Dabei ist genau das ein Problem. Wer so starke Schmerzen hat, dass sie nicht mehr auszuhalten sind, nimmt eine Tablette nach der anderen, ohne sich bewusst zu sein, dass eine Überdosierung von Schmerztabletten als Nebenwirkung Kopfschmerzen hat. Genau dieser paradoxen Wirkung sind sich viele Patienten nicht bewusst, und landen in einem Teufelskreis aus Schmerzen und Tablettenmissbrauch. Medication Overuse Headache (MOH) nennen Ärzte dieses Vorkommen, das nunmehr eine Krankheit ist, als „nur“ ein Phänomen. Denn Medikamente wie Ibuprofen oder Triptane können unvorsichtig dosiert vorbestehende Kopfschmerzen verstärken und in eine chronische Krankheit verwandeln.

 

Eine reine Frauenkrankheit?

 

Statistisch gesehen leiden Jungen vor der Pubertät häufiger an Migräne und Kopfschmerzen als Mädchen, im Erwachsenenalter ist genau das Gegenteil der Fall: Frauen leiden häufiger an Migräne als Männer. Das Verhältnis liegt bei etwa 1,5 zu 1. Das heißt, dass Frauen zwar häufiger daran leiden, Männer aber immer noch einen beträchtlichen Teil darstellen, vor allem da die Zahl der an Migräne leidender Männer immer drastischer steigt. In vielen Ländern herrscht auch das Problem, dass ein gewisser Migräne-Analphabetismus herrscht. Auf der einen Seite wird der kleinste Stich mit Migräne assoziiert, auf der anderen Seite wird Migräne mit all ihren Anzeichen auf externe Bedingungen wie die Menstruation, Wetter oder Stress geschoben. Ob Spannungskopfschmerz, Cluster-Kopfschmerz oder Migräne: wir wissen nicht mehr, welche Schmerzen wir haben.

Bei jungen Menschen kommt noch eine Schüchternheit dazu, zum Arzt zu gehen. Nur knapp zwei Drittel der Migränepatienten holen sich im Laufe ihres Lebens mindestens einmal Rat bei einem Arzt. Ganze 38 Prozent verzichten ganz darauf. Ein Phänomen, das vor allem auf jüngere Menschen zutrifft. Zugegebenermaßen: der Ruf von Ärzten ist beim Thema Migräne nicht besonders gut, denn oft unterschätzen sie auch den Schmerz. Inzwischen ist das Vertrauen in Medikamente so hoch, wie niedrig es in Ärzte ist.

 

Arbeiten mit Migräne ist unmöglich – und stößt deswegen bei so vielen Menschen auf Unverständnis

 

Ausgehend vom Durchschnitt der Anzahl und Dauer der Migräneattacken pro Monat kommt man – allein in Deutschland – auf 900.000 Menschentage, die durch Migräne verloren gehen. 900.000 Tage. Rechnet man diese Tage wiederum auf Arbeitsausfälle herunter (Männer werden von Statistikern pro Jahr Arbeitsausfall 29.191 Euro berechnet, für eine Frau nur 17.340 Euro), kommt man grob geschätzt auf einen Wert von 15 Milliarden Euro. Allein Arbeitsausfälle kosten volkswirtschaftlich gesehen also knapp 15 Mrd. Euro, dazu kommen Geld für Schmerzmittel, Behandlung in Krankenhäusern und anderen Ärzten. Es lässt sich also kaum ausrechnen, wieviel Geld Migräne einen Menschen kostet.

Dazu kommt die Zeit, die sich nicht mehr aufholen lässt. Für Arbeitgeber und -nehmer ist es gleichermaßen schwierig, sich mit diesem Thema zu befassen. Denn während auf der Uni vielleicht noch ein gewisser Spielraum herrscht, sieht es in der Arbeitswelt ganz anders aus. Wer seine Fehltage aufgebraucht hat, hat gefälligst in der Arbeit zu erscheinen, ansonsten droht eine Kündigung. Patienten trauen sich auch oft nicht, mit ihrem Arbeitgeber über das Thema Migräne zu reden, denn wer immer wieder unberechenbar fehlen könnte, hätte geringere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Oft wird nicht deutlich gemacht, dass Arbeiten während einer Migräne-Attacke einfach nicht möglich ist. Dazu kommt das soziale Stigma, mit dem der Krankheit in der Öffentlichkeit oft begegnet wird. Menschen, die nicht betroffen sind, können sich das Leiden der Patienten oft nicht vorstellen, und schieben es auf Faulheit oder „Mimosenverhalten“.

 

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Es ist die Kälte!

 

Dass erbliche Vorbelastung eine Rolle spielt, darüber sind sich fast alle Wissenschaftler einig. Inzwischen sollen auch schon Beweise gefunden worden sein, warum die Krankheit auf der Nordhalbkugel so viel häufiger vorkommt als beispielsweise Asien oder Südamerika: es liegt in unseren Genen. Das Gen TRPM8 half den Menschen im Verlauf der letzten 25.000 Jahre durch das Anpassen an die Kälte beim Überleben. Und dieses Gen war aus früheren Forschungen schon bekannt als Risikofaktor für Migräne. Einfach gesagt: die Kälte ist Schuld, dass wir Migräne haben. Aber auch andere Faktoren dürfen natürlich nicht ausgelassen werden: falsche Ernährung, depressive Verstimmungen, Bewegungsmangel, oder die eigentliche Mutter aller Probleme, nämlich Stress, können Auslöser für eine Migräne-Attacke sein. Jetzt soll ein Mittel Abhilfe schaffen: Erenumab. Der Antikörper ist bereits aus der Krebsforschung bekannt und soll nun auch Migräne-Patienten helfen. Die EU-Kommission hat das Mittel jetzt auch zugelassen, ob es nun wirklich hilft, bleibt abzuwarten. Bis dahin können wir wohl nichts anderes machen, außer im Dunkeln zu warten, bis es wieder verschwindet.

 

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

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