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Eine Hänselei zu viel: Wenn man selbst nicht wahrnimmt, dass man andere mobbt

Für den einen ist es nur eine Hänselei, für den anderen der Auslöser von Depressionen. Warum wir uns manchmal den ein oder anderen Spruch verkneifen sollten.

Der typische Geruch einer Schulsporthalle steigt mir in die Nase. Eine Mischung aus dem Schweiß pubertierender Teenager, die entweder zu großzügig oder eben viel zu sparsam mit ihrem Axe-Deo umgehen, Gummi, das von den zahlreichen an den Wänden lehnenden Weichbodenmatten ausgedünstet wird. Und das Leder der im offenen Spind vor sich hinvegetierenden Medizinbälle, nur darauf wartend, endlich wieder spindeldürre Oberärmchen von irgendwelchen Fünftklässlern malträtieren zu dürfen.

Ich steige die Treppe hinunter, die schwere, mit hellblauem Filz verkleidete Schwingtüre steht offen und gibt den Blick auf das von schwarzen Striemen durchzogene Linoleum frei. Ein paar meiner Mitschüler waren mal wieder schneller beim Umziehen als ich. Meine beiden besten Kumpels Markus und Leon werfen sich einen Basketball hin und her, Johanna und Nina haben offenbar mal wieder kein großes Interesse, am Sportunterricht teilzunehmen, sitzen sie doch partnergedresst mit ihren Miss-Sixty-Jeans und hellblauen Tops auf der maroden Holzbank. Gleich werden sie unseren kurz vor der Pension stehenden Lehrer Herr Ulbrich wieder mit ihren unschuldigsten Gesichtern bezirzen: „Wir haben ganz schlimme Bauchschmerzen, Herr Ulbrich. Wir können heute leider nicht mitmachen.“ Langsam füllt sich die Halle, während mein 14-jähriges Ich versucht, den alten Ulbrich-Kauz davon zu überzeugen, dass wir auf jeden Fall Fußball spielen sollten, anstatt uns an den Lehrplan zu halten, der Bodenturnen vorsieht.

 

Für mich das Highlight, für andere blanker Horror

 

Die dritte und vierte Stunde sind das Highlight meines Schultages, bevor ich meinen Eastpack daheim in die Ecke schmeiße und zum Fußball-Training fahre. Herr Ulbrich lässt sich diesmal nicht von mir umstimmen. Man könne ja schließlich „nicht immer Fußball oder Basketball spielen“. Normalerweise hat mein Wort bei ihm Gewicht. Er macht überhaupt keinen Hehl daraus, dass ich sein absoluter Lieblingsschüler bin. Möchte man – ganz nach dem klassischen Bild, welches in amerikanischen Highschoolfilmen von Schülern und ihrer Gruppenzugehörigkeit vermittelt wird – kategorisieren, dann gehöre ich zu den Sportlern. Nein, ich gehöre nicht zu den Sportlern, ich bin gewissermaßen ihr „Anführer“. Also Bodenturnen. Auch okay – zumindest für mich.

„Aufbauen!“ brüllt Ulbrich durch die Halle, verzweifelnd nach Aufmerksamkeit haschend. Markus und Tobi machen sich an der dicken Weichbodenmatte zu schaffen. Ich packe nicht mit an, weil ich immer noch sauer bin, meinen Willen nicht bekommen zu haben. Ich setze mich zu den beiden an Sportphobie leidenden Mädels und schaue den anderen dabei zu, wie sie die ganze Szenerie in eine einzige große Turnmatte verwandeln.

Plötzlich betritt Martin die Halle, seine Schnürsenkel sind offen, das weiße T-Shirt spannt über den Bauch, aus den schwarzen Shorts lugen zwei etwas unförmige Waden. Ulbrich, dessen Trillerpfeife, die er noch nie benutzt hat, traurig um den Hals baumelt, wirft dem Neuankömmling einen bösen Blick zu. Einen Blick, der so wissend ist, gar ein Stück weit von Schadenfreude erfüllt. Martin kann nämlich überhaupt nicht turnen. Martin kann Mathe und Physik, zwei Fächer, die einem Sportlehrer genauso zuwider sind wie rauchende Oberstufler auf dem Schulhof. „Schön, dass du es auch in den Unterricht geschafft hast“, raunt er meinem Klassenkameraden zu. Nina stupst mich an: „Gleich haben wir wieder was zu lachen, oder?“

 

Wenn die ganze Klasse lacht

 

Nachdem der Aufbau erledigt ist, machen wir uns halbherzig warm und fangen endlich an, unsere Turnübungen zum Besten zu geben. „Was muss ich für ’ne Eins machen?“, frage ich. „Handstand, abrollen, Flugrolle, Handstandüberschlag, Rolle rückwärts in den Handstand“, liest Ulbrich mir vor. Ich tue wie mir geheißen, bin aber unzufrieden mit meiner Leistung. Ich sehe, wie er irgendwas in sein Notizbuch kritzelt, kurz aufblickt, um mir mit gehobenem Daumen zu signalisieren, dass ich eine Eins bekomme.

„Alter, Martin, was soll das sein?“, höre ich Andi grölen, ehe sich die ganze Klasse um die Matte versammelt hat, auf der Martin gerade verzweifelt versucht, sich eine Drei zu erturnen. Mit hochrotem Kopf, um Luft ringend, kniet Martin da. „Halt’s Maul, ich kann das halt nicht so gut!“, blafft er in Andis Richtung. Anstatt die sich vor Lachen krümmende Menge wegzuschicken, steht Ulbrich da, murmelt irgendetwas Unverständliches vor sich hin und schüttelt den Kopf.

Den ein oder anderen dummen Spruch muss Martin sich im Laufe der Turnstunde noch anhören, was ihn aber nicht sonderlich zu interessieren scheint. Er ist schlagfertig genug, um sich zu verteidigen, konfrontiert diejenigen, die seine aufs Bodenturnen bezogene Talentlosigkeit zum Anlass nehmen, sich lustig zu machen, mit ihren eigenen Schwächen. „Markus, freust du dich eigentlich gleich auf die Chemiestunde? Jag aber bitte nicht wieder den ganzen Klassenraum in die Luft, okay?“

Mit Beendigung des Sportunterrichts legt sich auch das allgemeine Interesse für Martins Darbietung. Er ist in der Klasse akzeptiert, wird nicht mehr gehänselt als alle anderen auch. Auf so ziemlich jedem Geburtstag ist Martin eingeladen. Ich habe immer das Gefühl, dass er ein dickes Fell hat, in seiner sympathischen Gemütlichkeit alles Unliebsame an sich abprallen lässt. Wie sehr man sich irren kann, erfahre ich zwei Tage später.

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