Emotionen: Wir verlieben uns erst in die Musik, dann in den Menschen

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Der Wecker klingelt mich unsanft aus dem Schlaf. Trotzdem tue ich mein Möglichstes für gute Laune und lasse eine Playlist mit dem bezeichnenden Titel Sunny Side Up oder Ähnlichem von Spotify durchlaufen. Schon bin ich ein kleines bisschen weniger Grumpy Cat. Dank perfektioniertem Getrödel werfe ich mich in letzter Sekunde in die U-Bahn und ernte genervte Blicke. Mir egal, in meinem Kopf läuft Cherry Bomb von den Runaways und ich fühl mich ziemlich unbesiegbar. Ich 1 – Sardinendasein 0. Bis ich von einem Schwall Nostalgie an eine Mopedtour auf Indonesien mit einer ganz besonderen Person eingeholt werde. Gold von Wake Owl füllt mein Gehirn komplett aus I don’t feel like I’m falling, I’m up against the sky, Let’s grab the heart of the world and turn into the light… Die ersten 67 Minuten meines Tages gleichen einer akustischen Achterbahn.

Doch damit bin ich ziemlich sicher nicht alleine. Wir alle leben in Musiktiteln und Playlisten navigieren uns durch den Alltag. Die schönsten Erlebnisse sind unweigerlich an rhythmische Untermalung gebunden und Musik hebt und senkt unsere Gefühlslage binnen Sekunden. Die Reaktionsketten aus Klang und Emotionen bannt auch die Wissenschaft, die inzwischen einige Erklärungen zu bieten hat. Sie untersucht das Paradox, warum wir traurige Musik hören, obwohl wir gar nicht traurig sind, oder inwieweit Gänsehaut mit emotionaler Nähe zusammenhängt.

 

Music was my first love

 

Manchmal berührt uns Musik, sodass sich unsere Nackenhaare aufstellen, der ganze Körper kribbelt. Wir werden in einen emotionalen Ausnahmezustand versetzt: Mitgefühl, Nähe, absolute Empfänglichkeit für die Musikerin, den Sänger. In einem Interview mit der Welt erklärt Eckhart Altenmüller, Professor für Musikphysiologie und Musikmedizin, warum wir Gänsehaut bekommen, wenn wir besonders gefühlvolle Musik hören. Evolutionstechnisch gesehen diente dieser Reflex der körperlichen Wärmregulation.

Dieses Gefühl wird inzwischen aber auch auf unser Innerstes übertragen und wir fühlen uns jemandem nah. Deswegen bekommen wir diese kleinen Hautwölbungen nicht nur bei einem kalten Windstoß oder wenn uns jemand liebkost, sondern auch, wenn wir berührende Musik hören – wir verbinden uns in diesem Fall emotional über den Klang, verlieben uns in die Musik noch vor dem Menschen.

 

Ein Blick auf die Playlist sagt mehr als 1000 Worte

 

Sage mir, was du hörst, und ich sage dir, wer du bist. Das ist die These hinter einer Studie zu den „Do-Re-Mis des Alltags“. Jason Rentfrow und Samuel Gosling haben darin herausgefunden, dass wir von der Musik, die jemand hört, erstaunlich gut, auf seinen Charakter schließen können. Das hängt nicht nur mit gängigen Stereotypen über ein Genre zusammen.

Es wäre ja keine Neuigkeit, dass wir meinen, Menschen, die gerne Pop hören, sind typisch Mainstream und Jazzliebhaber prinzipiell komplexer. In ihrer Untersuchung wurde anhand von zehn Lieblingsliedern auf Charaktereigenschaften, die politische Orientierung, Sprachkompetenz und Sportlichkeit eines Unbekannten korrekt geschlossen. Dementsprechend wüssten wir dank einem einmaligen Code aus Tempo, Lyrics und Melodik definitiv eher, ob das Gegenüber uns gefallen würde – bye, bye Tinder, ich check ab heute nur noch Playlisten.

 

Traurige Musik – und wie sie uns guttut

 

Und schließlich stellt sich die Frage, warum melancholische Musikfracks wie die von Adele sich derartiger Beliebtheit erfreuen, wenn Trauer ein Gefühl ist, das wir in jeder anderen unserer Alltagssequenzen gerne ausklammern würden. An der Freien Universität haben Lilla Taruffi und Stefan Koelsch sich mit dieser Frage beschäftigt und festgestellt, dass traurige Musik eine weitaus vielschichtigere Gefühlskompliation hervorruft. Am dominantesten ist demnach das Gefühl von Nostalgie – einer Kombination aus Kummer und Freude. Trauer kommt erst an vierter Stelle.

Ruhe, Zärtlichkeit oder auch Übersinnlichkeit wurden häufiger mit Molltönen verbunden. Weiterer Pluspunkt: Um mit negativen Gefühlen besser umzugehen und Trost zu finden, eignen sich zarte Klänge besonders. Gerade sehr einfühlsame oder emotional labilere Menschen profitieren also davon. Außerdem würde ich einfach mal die These in den Raum werfen, dass Musik einer der wenigen Orte ist, an denen wir ungeniert und tabulos dieses schwere Gefühl zulassen zu dürfen.

Autorin: Vulnerarbility is scary, but pure. In it you can find bravery. - Raquel Franco