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Schwarz zu Blau: Meine Nachtschicht im Späti

„I am not an early bird or a night owl. I am some form of permanently exhausted pigeon.“ Perfekte Voraussetzungen für eine Nachtschicht im Späti. So war’s.

Schon an der U-Bahn-Haltestelle bin ich Zeugin einer lautstarken Beziehungskrise und werde fast zum Opfer einer handfesten Schlägerei. Es ist Freitagabend, 22 Uhr. Auch im Zug selbst bleibt die Stimmung aufgeladen. Es wird gegrölt, gesoffen und gelacht. 99 Prozent meiner Mitfahrenden befinden sich vermutlich auf direktem Weg hinein ins Nachtleben. Ich bin heute Teil des einen Prozent und on my way zu einem der wenigen Spätis in München. Dort werde ich mir die Nacht um die Ohren schlagen und Unmengen an Bier und Kondomen über die Theke reichen. So läuft das doch an einem 24/7 Kiosk oder? Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.

 

Get the party started

 

23 Uhr. Ich komme pünktlich zum Schichtwechsel. Die Jungs, die hier arbeiten, stehen beim Rauchen zusammen. Der eine Teil der Crew freut sich aufs Feiern, der andere (inklusive mir) ist eher semi motiviert. Ich werde super herzlich empfangen. Nicht zuletzt deshalb, weil mein Schichtpartner meint, dank mir weniger arbeiten zu müssen. Leider enttäuscht ihn schnell die Erkenntnis, dass ich aus haftungstechnischen Gründen in dieser Nacht nicht mehr sein kann und werde, als verdammt müdes Beiwerk. Die Kollegen lassen uns noch ein bisschen kalte Pizza da. Es kommt immer wieder einmal vor, dass die umliegenden Gastronomen gratis Essen für denjenigen vorbeibringen, der gerade Schicht hat. Schon einmal der erste fette Punkt auf der Pro-Seite. Nach dem Kassensturz geht’s los – und wie. Im Späti ist jetzt, kurz vor Mitternacht, absolute Primetime. Ich stehe neben Ozan am offenen Fenster und außerdem ziemlich im Weg. Eins ist schnell klar: Es muss schnell gehen und ich brauche erst einmal einen Überblick über das Sortiment. Es gibt alles, von frischen Eiern bis zur Zahnbürste. Vieles von dem, was angeboten wird, ist aber gefühlt eher Deko. Die Renner sind und bleiben Zigaretten und Bier.

„Kann ich meine Hose hier lagern?“

 

Eine junge Frau bezahlt ihr Bier mit einer Münze. Wie sich herausstellt, hat sie uns versehentlich ihre Marke für die Unibib in die Hand gedrückt. „Naja, die ist ja auch zwei Euro wert“, scherzt Ozan neben mir. „Nein, oh Gott, die ist unbezahlbar!“, lacht die Studentin. Die Klausurenphase ist wieder in der Stadt. Die breite Masse scheint davon allerdings eher unbeeindruckt, denn der Ansturm reißt nicht ab. Ein Bier nach dem anderen verlässt unseren Laden und das Ganze ist logistisch wirklich Fließbandarbeit. Gut, das war zu erwarten. Genauso wie richtig fertige Menschen, oder? Ich bin fast ein bisschen enttäuscht, dass tatsächlich alles noch so gesittet ist. Endlich dann der erste Kandidat, der mein Vorurteil erfüllt. Mit einem fetten Grinsen im Gesicht erklärt er: „Ich bin sooooo breit!“ und bestellt. Ich verstehe, was er sagt, habe aber keine Ahnung, wo wir das haben sollten. „Physalis“. Ich meine, wir haben hier wirklich fast alles, aber das? I doubt it. Auch Ozan irrt verpeilt zwischen den Kühlschränken hin und her. Nach fünf Minuten haben wir das Rätsel endlich gelöst. Der Blick war von Anfang an voller Verlangen geradeaus gerichtet. Auf einen 2-Liter-Tetrapak Eistee, der als Inhaltsstoff irgendwo im Kleingedruckten auch Physalis stehen hat. Diesen Brand konnten wir gerade noch rechtzeitig löschen. Umsatz und Pegelstand unserer Gäste steigen bis ungefähr 2 Uhr weiter direkt proportional an. Bald brauchen die Ersten wieder was zum Aufsaugen und verlangen nach den Backwaren in der Auslage. Die haben schon den Status „Dauerbreze“ erreicht, aber besoffen schmeckt schließlich alles lecker. Einen Guten! Der nächste Witzbold kommt an und reicht uns eine Tasche, die er hier hinterlegen und später wieder abholen will. „Da ist meine Hose drin.“ Alles klar. Viel Spaß beim Feiern! Sachen gibt’s. Endlich sind die meisten in den Kneipen und Clubs angekommen und wir haben einen kurzen Moment Ruhe. Dann besucht uns ein obdachloser, älterer Mann. Er kauft eine kleine Süßigkeit, später einen heißen Kaffee und bleibt. Eine Frau, die sich kurz darauf Zigaretten holt, hat Mitleid und bietet dem Herren eine ihrer Zigaretten an. Sie quatschen eine ganze Weile. Faith in humanity restored.

 

Schicht im Schacht

 

Gegen 4 Uhr geht’s dann für viele wieder nach Hause, nicht aber ohne Umweg über den Späti. Jetzt muss alles herhalten, was den Kater etwas erträglicher machen könnte: Gummibärchen, Wasser, Schokoriegel, Chips und der absolute Heilsbringer: Spezi!

Der Promillestand bringt ja auch immer wieder den Philosophen ins uns hervor und der Typ, dem wir leider mitteilen müssen, dass wir keine Paprikachips mehr haben, sondern nur noch gesalzene, meint fast poetisch: „Die Realität ist meistens nicht so cool, wie man sie sich vorstellt.“ Ach, ich hab‘ fast ein bisschen Mitleid. Um kurz nach vier passiert dann, was wir seit Schichtbeginn sehnsüchtig erwartet haben: Die Lieferung kommt an! Ich räume die frischen Sachen vom Bäcker ein, Ozan übernimmt die Zeitungen. Zur Belohnung gönnen wir uns zwei stilsichere Leberkäsesemmeln.

Die Energie brauchen wir dann auch für das, was kommt: Der Moment, in dem ich merke, dass ich hier nicht mein Geld verdienen möchte. Ich bin mittlerweile gnadenlos übermüdet und eh schon, sagen wir mal, leicht reizbar. Auftritt Partypeople Anfang 30. Alle dermaßen blau, aber sie brauchen auf jeden Fall nochmal 8 Bier. Gar kein Stress, würden sie dann nicht mich entdecken. „Was müsst ihr denn hier zu zweit arbeiten? Seid ihr zusammen? Knutscht ihr rum?“ Egal, verdrehe ich nur die Augen und animiere den Typen damit offenbar. Er kratzt an der Glasscheibe vor meinem Gesicht, als wäre ich ein Zootier. Wie ultra nervig, ich will einfach nur ins Bett. Der Einzige, der sich überhaupt nicht aus der Ruhe bringen lässt, ist Ozan.

Er hat sogar noch Energie für fröhliche Scherze. Endlich sind wir die Truppe los. Es ist mittlerweile fünf Uhr morgens und das Einzige, woran ich noch denken kann, ist meine U-Bahn in 2 Stunden. Der Morgen beginnt am Späti mit Kaffee und zwischendurch ambitionierten Fahrradfahrern, die sich ihre Zeitung abholen. So schön ruhig gefällt’s mir fast schon wieder. Um sechs Uhr kommt ein obdachloser Mann, der sein Schlaflager in der Nähe unseres Kiosk hat. Er bekommt gratis Kaffee von uns und wärmt sich damit ein bisschen auf. Es ist kurz vor sieben Uhr und unsere Schicht damit fast zu Ende. Ich reiße mich für ein abschließendes Foto zusammen, packe meinen Rucksack und laufe zur U-Bahn. Im Zug schlafe ich inmitten von Frühaufstehern (samstags!) mehrmals ein. Lieber Späti, ich glaube ich werde in Zukunft lieber wieder vor deinem Fenster stehen. Auf bald, mach’s gut!

 

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Bildquelle: privat

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