Eine Idee Liebe: Das MILF-Debakel

Welches Problem steckt hinter dem Begriff MILF? Bild: Pexels

Die romantische Liebe ist zum zentralen Motiv unserer Paarbeziehungen geworden. Dass sie der Kitt zweier Menschenleben ist, ist dabei eine noch recht junge Erfindung. Seitdem hat sich viel getan. In dieser Kolumne beschäftigen sich unsere zwei Autorinnen Lena und Rahel mit dem Ursprung der romantischen Liebe. Wo kommt sie her, wo will sie hin? Ist die Liebe zwischen Swipe links und Swipe rechts nur noch ein Produkt der Liebesökonomie?

Es ist Samstag und ich bin mit einer Freundin in der Stadt unterwegs. Ella schiebt ihre kleine Schwester im Kinderwagen vor sich her. Das Wetter ist gut, die Stadt ist voll und wir sind auf dem Weg zu unserem Lieblingscafé. Eine große Tasse heiße Schokolade, das wär’s jetzt!

An einer roten Ampel bleiben wir stehen, Ella beugt sich zu ihrer Schwester runter und zupft die Mütze des Kindes zurecht. Neben uns steht eine Gruppe Jugendlicher. Irgendwo zwischen 13 und 16 Jahren. Ich bin schlecht im Schätzen. Die Ampel wird grün, wir gehen los und im Laufen höre ich den Kommentar von einem der Jungen.

„Alter! Guck dir die an. Was ‘ne MILF! Voll den guten Body für ‘ne Mutter.“

Mir rollen sich die Zehennägel hoch und das nicht nur aufgrund des Sprachgebrauchs. Was hat der da gerade gesagt? Abrupt bleibe ich stehen. Ella dreht sich zu mir rum und faucht mir zu: „Du stehst mitten auf der Straße. Los, komm weiter. Nicht kommentieren.“

„Hast du gehört, was der da gerade gesagt hat?“ – „Klar hab ich das, ich bin ja nicht taub“, antwortet Ella, während wir weiterlaufen. „Aber was soll ich sagen? Erstens bin ich nicht ihre Mutter und zweitens habe ich doch auch einen verdammt guten Hintern!“ Sie zwinkert mir zu. „Ja, aber mal ehrlich. Das ist doch mega sexistisch!“ 

Wir lassen das Thema ruhen, bis wir im Café ankommen und einen Platz im letzten Rest Wintersonne gefunden haben. Ella schlingt sich ihren dicken Schal enger um den Hals, bestellt routiniert zwei heiße Schokoladen und eine kleine Milch mit Honig und schaut mich herausfordernd an. 
„Das lässt dich nicht los, oder?“ 

„Nein, natürlich nicht. Alles in mir hätte am liebsten die Mutter dieses Jungen angerufen und ihr mitgeteilt, dass sie mal seinen Browserverlauf auf einschlägige Seiten überprüfen soll!“ Ella lacht: „Also ich denke nicht, dass das Problem bei dem Jungen liegt, sondern eher in der Pornoindustrie und ein Stück weit sicher auch in der Jugendkultur. Dass der junge Mann denkt, dass es sich bei MILF um ein völlig normales Wort handelt, liegt ja nicht an seinen kognitiven Fähigkeiten, sondern an seinem Umfeld.“

Ich staune aufgrund der Reflexionsgabe meiner Freundin. Klar hat Ella recht. Aber wie kommt es dazu, dass Jugendliche Begriffe aus der Pornoindustrie für Umgangssprache halten? Was ist da los? 

Für alle, die bis hierher schon abgeschaltet haben, hier nochmal die Begriffserklärung. 

Dorfkind und Wunschgroßstädterin. Veganerin mit Vollmilchschokoladen-Problem. Indie-Fan mit Schlager-Playlist. Frühaufsteherin mit Nachtschwärmersyndrom. Pragmatikerin mit dem Kopf in den Wolken. Unterm Strich: Genauso verloren in meinem Lebensentwurf, wie es meiner Generation immer nachgesagt wird.