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Ain’t nobody got time for Abwarten!

Manchmal muss man Dinge ruhen und sacken lassen. Aber wer hat schon Zeit dafür?

Gut Ding braucht Weile. Für einen Menschen wie mich, dessen Geduldsfaden seit Geburt an so dünn ist wie zweilagiges Toilettenpapier, kommt dieses Sprichwort locker unter die Top 3 der nervigsten Weisheiten aus dem Volksmund. Warum können die Dinge manchmal nur gut werden, wenn sie lange brauchen? Leben wir nicht in einer Zeit, in der weniger mehr ist, in der Entscheidungen sofort und instinktiv nach Tinder-Prinzip getroffen werden, in der man nicht fürs Däumchen drehen bezahlt wird?

 

Ich will aber, und zwar sofort

 

Ich war nie eines dieser Kinder, die sich im Supermarkt – vorzugsweise in der Süßwarenabteilung oder direkt an der Kasse, wo Fremdschämen so richtig nahegeht – auf den Boden werfen und wie am Spieß „ich will aber“ schreien. Meine materiellen Wünsche mussten nicht sofort erfüllt werden, und das ist bis heute noch so. Ich kann auf Dinge, die es mir wert sind, warten und falls nötig darauf hinsparen, ohne mich aus einer Laune heraus selbst in den Ruin zu treiben.

Und doch ist meine Fähigkeit, mich in Geduld zu üben, eher mittelmäßig ausgeprägt. Das wird besonders dann deutlich, wenn ich versuche, die von der Heizungsluft zu Tode getrocknete in Mitleidenschaft gezogene Monstera zu retten. Ich besprühe also nicht nur zehn Mal am Tag wie eine Irre ihre Blätter, ich kann auch stundenlang vor ihr sitzen und sie (ohne mit der Wimper zu zucken) anstarren, so als würde sie dadurch schneller regenerieren. Ihre Genesung dauert mir nämlich ein wenig zu lang.

 

Das Geschäft mit der Zeit

 

Abgesehen von der Pflanzenrettung wird meine Ungeduld aber vor allem bei der Entwicklung persönlicher Fähigkeiten und kreativen Prozessen deutlich. Am liebsten habe ich Dinge, die sich von jetzt auf gleich zeigen und umsetzen lassen, die sofort Früchte tragen und gut werden. Ich will sofort eintauchen in diese wohlige Blase aus Euphorie, Mut und angekurbeltem Selbstvertrauen. Wer will das nicht?

Abwarten und den Dingen Zeit geben, damit diese wachsen, reifen, sich entwickeln können, fällt uns verdammt schwer. Und das ist irgendwie auch nachvollziehbar, vor allem, wenn wir vorher Energie, Arbeit und Zeit (da ist sie wieder!) hineininvestiert haben. Wir haben ein Stück von uns gegeben, dann wollen wir im Gegenzug auch etwas dafür haben, und zwar so schnell wie möglich. Eine erste Bestätigung oder ein winziges Anzeichen dafür, dass wir nicht ganz auf dem Holzweg sind, dass es sich tatsächlich lohnt. Lieber aus kleinen Erfolgen als aus kleinen Fehlern lernen.

 

Im Vertrauen liegt die Kraft

 

Vielleicht fällt es uns auch so schwer, weil es manchmal bedeutet, die Dinge ruhen oder auch sacken zu lassen. Für eine ganze Weile erst mal überhaupt keine Veränderung zu sehen. Manches muss sich nämlich von alleine entwickeln, ohne dass wir ständig dazwischenfunken und noch mal mit dem Sprühfläschchen drübergehen. Und anderes wiederum braucht Ausdauer, Übung, unzählige Wiederholungen, immer und immer wieder. In beiden Fällen müssen wir Geduld gegen Vertrauen eintauschen.

Das Schlimme am aktiven und passiven Warten ist allerdings, dass man manchmal gar nicht so genau weiß, wie lange. Wer kann schon „Weile“ definieren? Wie lange braucht eine Monstera, um sich von bakteriell-braun zu gesund-grün zu verwandeln? Nächstes Jahr, wenn die Heizung dann wieder die nächste Epidemie auslöst? Und wer kann mir garantieren, dass es überhaupt klappt? Auf einmal scheint das Risiko einer Bauchlandung vielleicht doch zu hoch.

 

Ja. Nein. Abbrechen.

 

Im schlimmsten Fall führt die Kombination aus notorischer Ungeduld und Unsicherheit zu vorzeitigen Abbrüchen. Denn wenn es für gar nichts eine Garantie gibt, dann ist es vielleicht doch reine Zeitverschwendung. Plötzlich, ohne groß darüber nachzudenken, wird der „Verwerfen“ Button gedrückt – und das ist mitunter tragisch. Denn manches braucht tatsächlich Zeit, viel Zeit, bis endlich nach gefühlten Ewigkeiten die Spitze des Eisbergs zu sehen ist. Da ist dieses bekannte Bild vom Schatzsucher, der aufhört zu graben und dabei nicht sieht, dass er eigentlich schon kurz vor dem Durchbruch stand.

Das bedeutet nicht, dass man in einer Traumwelt leben und mit Scheuklappen durchs Leben laufen sollte. Es gibt schließlich immer noch einen Unterschied zwischen reifen lassen und verbissen an etwas festhalten, und manchmal muss man sich eben eingestehen, dass selbst Abwarten keine Wunder vollbringt. Dafür kann man die Zeit und Kraft tatsächlich besser in Neues investieren.

 

Wer als erstes blinzelt

 

Trotzdem werfen wir oft zu schnell das Handtuch. Indem wir frühzeitig abbrechen, geben wir manchen Ideen, Projekten, Veränderungen überhaupt nicht die Chance, ihr Potenzial zu entwickeln und sich zu festigen. Vielleicht hätte uns das Ergebnis ja überrascht? Vielleicht hätte es, selbst im Falle eines Reinfalls, eine neue Tür geöffnet? Vielleicht hätten wir sogar aus den Fehlern gelernt? Ja, ja, hätte, hätte, Fahrradkette … Aber Fakt ist, dass uns Ungeduld kein Stück weiterbringt. Sie trägt eher dazu bei, dass wir unsere Zeit mit Wer-als-erstes-blinzelt-Spielen verplempern. Und wenn unser Gegenüber eine halb tote Pflanze ist, dann ist das doch im Grunde genommen ziemlich traurig.

 

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Bildquelle: Cody Black on Unsplash

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