FreundeFreundschaftGeneration-YLebenLiebeserklärungMännerfreundschaftMännertripReisen

Eine Liebeserklärung an: den Boy-Trip – warum Männertrips magisch sind

Einmal im Jahr macht unser Autor mit seinen besten Freunden einen Männertrip. Zwar wird es nie wie früher, dafür entdeckt man sich neu.

Das Schönste an unseren Männertrips sind nicht die Momente im Club oder wenn wir erst nach Hause kommen, wenn die Sonne aufgegangen ist. Es sind auch nicht die Erlebnisse, die eines Tages bestimmt als Anekdoten auf unseren Hochzeiten herhalten müssen. Das Schönste sind die kleinen Momente, in denen wir uns plötzlich wieder fühlen wie mit 16. Wenn ich Alex‘ Lachen höre oder Adri nachts um 5 sagt, wir müssten noch irgendwas Verrücktes machen, obwohl wir alle hundemüde sind.

Wir, das sind Leon, Alex, Adri und ich. Wir kennen uns schon lange, mit keinem habe ich gemeinsam Abi gemacht, und doch waren sie in meiner Jugend meine Familie. Wir saßen auf Stegen und tranken Wodka, gingen auf Partys und redeten über die Zukunft und darüber, dass wir alle zusammen in eine WG ziehen, frei sein würden. Jetzt, wo die Zukunft da ist, wohnen wir natürlich nicht zusammen in einer WG. Das Leben kam dazwischen. Wir leben in vier verschiedenen Städten und sind alle weder Typen für stundenlanges Skypen noch für Telefonate bis tief in die Nacht. Also haben wir uns entfremdet, neue Freundeskreise. Adris Freundin kenne ich kaum. Damit wir aber nicht eines Tages feststellen, dass unsere Freundschaft tot ist und nur auf Vergangenem beruht, beschlossen wir, wegzufahren. Ein, zwei Mal im Jahr. Egal wohin, Hauptsache zusammen sein, reden, etwas erleben und die anderen, die sich alle weiterentwickelt haben, neu entdecken.

Art und Weise unserer Trips sind immer völlig unterschiedlich, meistens nimmt Alex alles in die Hand, wir anderen folgen. Wie früher. Dieses Mal geht es nach Madrid, wo Leon ein Auslandssemester macht. Es ist zwar mehr ein Besuch als eine wilde Fahrt ins Fremde, aber wie gesagt: Es geht uns um das Zusammensein, das Erlebnis an sich.

 

Es geht um die Freundschaft an sich

 

Nachdem die anfängliche Steifheit abgelegt ist, sitzen wir in der Küche von Leons WG, trinken Bier aus Ein-Liter-Flaschen und atmen die stickige Luft, die der uralte Deckenventilator eher aufwirbelt, denn lindert, ein. Wir reden, jeder erzählt ein bisschen, was so los ist. Es ist ein wenig anstrengend, weil die Namen der Geschichten neu sind, weil wir unsere Leben nicht mehr teilen. Aber dennoch verstehen wir uns. Es ist wie früher, Alex ist das Alphatier, Leon der Chaot, Adri der Kluge und ich irgendwas dazwischen.

Wir planen gerade die drei Tage, kombinieren Museum mit Feiern am Abend und Tapas-Essen mit dem unvermeidlichen Bierpong. Es ist lustig zu beobachten, wie wir erwachsener geworden sind, aber gleichzeitig völlig klar ist, dass wir Bierpong spielen werden. Genau wie damals. Leon und Alex gegen Adri und mich. Wir schrieben damals sogar die Ergebnisse mit, echte Statistiken. Der Pokal, den Leon uns beiden damals gebastelt hat, steht noch immer in Adris Kinderzimmer.

Es ist nicht so flüssig und selbstverständlich wie früher, wir haben neue Interessen, neue Leben und die Verbundenheit von einst wird sich nie mehr einstellen. Aber das wissen wir auch und es geht um etwas anderes. Um die Freundschaft an sich, denn wir alle sind ein Teil voneinander, wie man es eben ist, wenn man jemanden schon einmal bei Liebeskummer getröstet hat, Nacktbaden war und verbotenerweise auf Dächern herumgeklettert ist.

Natürlich kommt alles anders, wie immer auf unseren Trips. Kylie, Leons australische Mitbewohnerin, feiert Geburtstag und die WG ist schon am Nachmittag brechend voll. Es wird nicht getrunken, sondern hemmungslos gesoffen. Es ist ein chaotisches Gewirr aus verschiedenen Sprachen und man erzählt gefühlte hundert Mal, wie es dazu kommt, dass man in diesem Augenblick in dieser WG in Madrid steht.

 

Was zählt, ist das Warum

 

Einige Stunden später habe ich Adri, Alex und Leon verloren und trinke mit zwei Kanadiern in einer brechend vollen Bar. Ich habe kein Handy dabei und keine Ahnung, wie ich die WG jemals wieder finden soll. Also checke ich in meiner Verzweiflung in ein Hotel ein, frage mich am nächsten Morgen zu einem Internetcafé durch und verabrede mich mit den anderen, die eine ähnlich wilde Nacht hatten, via Facebook. Geschichten wie diese machen unsere Trips unvergesslich.

Am nächsten Abend sitzen wir nach ein paar Bier auf dem Balkon, gucken in die spanische Abendluft, hören das Stimmengewirr aus den Kaffees, das sich mit unserer Musik zu einem besonderen Soundtrack vermischt. Wir reden, dieses Mal ganz ernst. Über das Leben, weniger über unsere als über Blickwinkel. Es ist wunderbar-komisch, denn einerseits sitzen da meine jugendlichen Freunde, die nur Unsinn im Kopf haben, andererseits Erwachsene, die Spannendes zu erzählen haben.

Ich blicke in die vertraut-fremden Gesichter und freue mich, dass wir unsere Trips haben. Dass wir diese paar Tage, die wir im Jahr miteinander teilen, nicht aufgeben, sondern daran festhalten, weil sie uns allen etwas bedeuten. Wir werden betrunkener und irgendwann sagt Alex: „Wie wär’s, wenn wir doch noch mal irgendwann zusammen in einer Stadt leben?“ Wir stimmen alle zu, obwohl wir wissen, dass das Leben sich anders entscheiden wird. Aber darum geht es in diesem Moment nicht, sondern darum, dass wir uns fremd geworden sind und uns in diesem Moment auf dem Balkon doch nah sind. Und dass wir wissen, es wird ein nächstes Mal geben. Irgendwo im Nirgendwo von Prag. Oder Berlin. Oder sonstwo. Denn das Wo ist völlig egal, was zählt, ist das Warum.

Folge ZEITjUNG auf FacebookTwitter und Instagram!

Bildquelle: Unsplash unter CC0-Lizenz

Kommentare

Sag was dazu

Das könnte Dich auch interessieren