Warum wir unseren Herzensmenschen öfter sagen sollten, dass wir stolz auf sie sind

Stolz-Liebe-Bedürfnis-Kompliment

Wir trainieren, auf uns selbst stolz zu sein. Weil uns das schwer fällt. Auf Twitter sollen Frauen unter #unbescheidenefrauen posten, worauf sie stolz sind. Indem wir den Fokus darauf legen, machen wir uns bewusst, dass wir doch gut genug und liebenswert und ganz schön toll sind. Und können uns dann hoffentlich besser selbst akzeptieren. In Zeiten, in denen wir rund um die Uhr im Vergleich feststecken, haben wir das bitter nötig.

Doch, was wir auch viel zu selten machen, ist den Menschen um uns zu sagen: „Ich bin stolz auf dich“. Dabei sehnen wir uns alle unglaublich nach diesem Satz. Wir alle haben unterschiedliche Bedürfnisse, für deren Erfüllung wir andere brauchen, und wir alle haben unterschiedliche, negative Glaubenssätze, die wir von anderen gerne widerlegt haben. Aber den Satz „Ich bin stolz auf dich“ brauchen wir alle. Alle miteinander. Mir geht es gar nicht darum, dass ich ihn selbst öfter hören möchte, sondern dass ich ihn auch öfter zu anderen sage. Denn auch damit kann ich die Welt ein kleines bisschen besser machen.

Wieso brauchen wir den Satz so sehr?

Meine beste Freundin hat mir zum Geburtstag einen Brief geschrieben, in dem sie Gründe aufzählt, warum sie stolz auf mich ist. Beim Lesen habe ich vor mich hin geschluchzt. Meine Mama hat mir ein Armbändchen geschenkt, in das der Satz „I am proud of you“ eingraviert wurde, und hat mich damit zu Tränen gerührt. Warum muss ich immer weinen? Weil es mich so sehr freut? Weil es mich erleichtert? Ich weiß, wieso: Weil es einen sehnlichen, vielleicht einen der sehnlichsten aller Wünsche erfüllt!

Für Baby Leonie war die Fürsorge und Liebe ihrer Eltern überlebenswichtig. Dieses Bedürfnis ist in unser Gehirn einprogrammiert. Babys fordern deshalb wie selbstverständlich Aufmerksamkeit. Doch irgendwann merkte die kleine Leonie, dass sie sich mehr anstrengen muss, um weiterhin Aufmerksamkeit zu bekommen. Wenn sie ein tolles Bild malte oder sich beim Essen angestrengte, möglichst wenig Sauerei zu veranstalten, wurde sie gelobt und geliebt. Später dann für gute Noten, kreative Projekte und einen coolen Job. Gute Leistung ist gleich Liebe. Und Stolz.

Dank dieser Programmierung wünscht sich jeder Mensch die Liebe und den Stolz seiner Eltern – egal, wie selbstbewusst und von sich überzeugt jemand ist. Denn jeder durchläuft diesen Prozess. Wir alle strengen uns unglaublich an. Um unseren eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Aber auch, um unsere innersten Bedürfnisse zu befriedigen, um uns wertgeschätzt zu fühlen. Und deshalb tut dieser Satz zwischendurch jeder Seele so unglaublich gut – von jedem unserer Liebsten, nicht nur den Eltern.

Warum fällt es uns schwer, andere zu loben?

Aber manchmal tun wir uns schwer, andere zu loben. Wenn wir uns den Grund dafür eingestehen wollen, müssen wir verdammt ehrlich mit uns sein und die Wahrheit ist nicht schön: Manchmal suchen wir die schlechten Seiten an den anderen, um uns selbst besser zu fühlen. Dabei haben wir uns sicher alle schon einmal erwischt und wenn nicht, erinnern wir uns vielleicht im Nachhinein daran. Gedanken wie „Sie ist zwar schön, schreibt dafür aber keine guten Noten“ oder „Er hat zwar Geld, dafür aber keine Freunde“ machen aus den Schwächen anderer unsere Stärken. Das passiert wohl, wenn wir uns selbst oder andere uns zu wenig loben.

Bevor wir unsere Mitmenschen loben können, sollten wir den Neid ganz schnell bremsen. Das schaffen wir, in dem wir uns, zum Beispiel in der Bahn oder jeder anderen Menschenansammlung, umschauen und uns vor Augen führen: Jeder einzelne hier hat in seinem tiefsten Inneren das Bedürfnis, geliebt zu werden. Jeder. Das macht uns menschlich, das vereint uns. Und schon verkleinert sich jedes Konkurrenzdenken, jeder Neid, jede Wut auf andere.

Seid verschwenderisch!

Und dann können wir loslegen. Denn so verschwenderisch, wie wir mit Komplimenten umgehen sollten, sollten wir auch mit diesem Satz um uns werfen. Dabei müssen wir es natürlich aufrichtig und ehrlich meinen, sonst fühlt sich unser Gegenüber möglicherweise noch schlechter als davor. Aber dann können wir nichts falsch, sondern alles richtig machen und das Beste bewirken.

Denn auch die Wahrnehmung verändert sich. Viel zu oft sind wir mit unseren Gedanken auf das Negative fixiert. Wir erinnern uns vor dem anstehenden Bewerbungsgespräch an das letzte missglückte oder denken an die Konsequenzen, die eintreten, wenn es wieder nicht klappt. Ein Lob kann uns da ganz schnell rausholen. Ein Lob provoziert Herzklopfen und Freudentränen. Ein Lob löst den Knopf aus, der das Licht anknipst, unsere Mundwinkel nach oben zieht und unsere Brust hebt. Das Vertrauen in uns steigt und plötzlich spielen die Konsequenzen, die eintreten, wenn wir das Bewerbungsgespräch meistern, eine viel größere Rolle.

Also bin ich ab jetzt verschwenderisch. Wenn sich meine beste Freundin vor dem Vorstellungsgespräch für ihren Traumjob in die Hose macht oder meine Mama erschöpft auf dem Sofa sitzt, weil sie denkt, alles falsch zu machen, rede ich ihnen ab jetzt nicht mehr nur gut zu. Ich versichere ihnen, dass ich stolz auf sie bin.

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

Mir wurde die Faszination für Worte in die Wiege gelegt. Direkt neben meine Vorliebe für alles, was mit Gefühlen und Zwischenmenschlichem zu tun hat, Mode und französische Filme. Aus der Wiege in der fränkischen Heimat ging es für mich mit dem Vorhaben, all meine Vorlieben in einen Beruf zu packen, ins Schwabenländle. Mit einem Winter in irischen Pubs, einem Sommer in der Isar und bald einem Bachelor im Gepäck lasse ich mich nun überraschen, wie brotlos meine Kunst wirklich ist.