Vergesst euch nicht

Erinnerungen Neujahr Plädoyer

Es kommt ein neues Jahr und wir sollten endlich ehrlich sein und deshalb sage ich es jetzt einfach mal: ich finde Babys widerlich unheimlich; sie sind mir fremd. Ich weiß nicht, was ich mit diesen ungezeichneten Wesen anfangen soll, klar, sie sind schon irgendwie süß und ja, sie haben unfassbar winzige Füße, aber ich bin eine von denen, die Panikzustände bekommen und in feinen Schweiß ausbrechen, wenn sie mit einem Vertreter dieser Art in einem Raum alleine gelassen werden.

 

Glattpolierte, kleine Steine

 

Babys haben nichts, was sie auszeichnet oder voneinander abgrenzt, sie sind eine transparente Hülle, sie kennen kein Vorher und haben kein Nachher im Kopf, alles ist Brei. Sie haben keine Erinnerungen. Sie sind – noch – Nichts. Und ich glaube, hätten wir keine, wären wir auch Babys: glattpolierte, kleine Steine, die alle aussehen wie der nächste.

Gerade zum Jahreswechsel wird ja reflektiert, als gäb‘s kein Morgen mehr, obwohl es ja gerade um das Morgen geht, es wird nachgedacht und abgewogen, es wird in digitalen Fotokisten gewühlt und analoger Staub von Kinderzimmerregalen gewischt. Der Haken an Silvester ist, dass man sich diesem Datum nicht entziehen kann, diesem Druck, über Vergangenes nachzudenken. Selbst man es nicht will oder eh schon jede Minute jeden Tages tut und genau aus diesem Grund nicht will. Denn Erinnerungen können ja auch ziemlich schmerzhaft sein. Jeder kennt diese Gefühle – wenn sich jeder Klick auf das Facebookprofil dieser einen bestimmten Person anfühlt wie ein Schuss ins Knie und in die Selbstachtung. Wenn man nur drei Takte eines Songs hört und plötzlich alles wieder da ist, ein bestimmter Ort, eine Person, ein Phase. Sie tun weh, weil sie zeigen, was mal war und nicht mehr ist. Aber würde man euch vor die Wahl stellen: Erinnerungen oder keine – wer würde das Nichts wählen?

 

Lasst los und werdet frei?

 

Vergessen soll man, sagte die ZEIT im Sommer. Lebe im Moment, ist der Schlachtruf unserer hedonistischen Generation. Lasst los, rufen einem alle Titelblätter und Ratgeber und Freunde genervt zu, lasst doch einfach los und ihr werdet: frei. Auf Englisch reicht es nicht einmal, loszulassen, man soll sogar noch einen Schritt weitergehen: move on [already, for fucks sake, it’s not that hard, you pathetic mess]. Evolutionär gesehen sind Erinnerungen natürlich dazu da, aus unseren Fehlern zu lernen und so läuft es auch jetzt noch, auch wenn uns ein Arschloch heutzutage nicht mehr umbringt, sondern höchstens das Herz bricht. Doch gerade in unserem Alter soll man sich von Augenblick zu Augenblick hangeln, Erinnerungen schaffen, aber ja nicht zu viel reminiszieren, stattdessen immer mehr Platz machen für Neues. Aber wenn man nicht weiß, wo man einmal oder im Dezember letzten Jahres stand, hätte man sich ja auch gar nicht bewegen können. Was bringt einem der gejagte und erlegte Moment, wenn man ihn Minuten später vergisst. Macht Loslassen wirklich frei – oder einfach nur leer?

Fotos sind nichts anderes als ein Zeugnis unseres menschlichen Bedürfnisses nach Erinnerungen. Facebook macht ein Geschäft daraus. Nostalgie: auf Griechisch nóstos und álgos, Heimkehr und Schmerz. Alte Straßen ablaufen, ein vertrauter Schmerz. Ein Leben ohne Erinnerungen muss sein wie jeden Tag durch eine fremde Stadt zu laufen. Man hätte keine Identität und irgendwie kein Ziel. Das Leben ist ja, wenn man es existentialistisch begründen will, sinnlos: Wir leben, weil das halt irgendjemand (unsere Eltern) mal mehr oder weniger reflektiert so entschieden hat, und dann sterben wir und dazwischen eiern wir herum; Erinnerungen können helfen, diesem ganzen Nichts einen rückwärtsgewandten Fatalismus zu geben.

 

Das Schöne an Erinnerungen: Man kann sie uns nicht nehmen

 

Und dabei kommt die Zeit wieder ins Spiel: denn nur über das Vergessen entstehen Erinnerungen, über das Aussieben alles Erlebten. So schreiben es die Philosophen Martin Heidegger und Friedrich Nietzsche, so schreibt es der Soziologe Niklas Luhmann – und Stefanie Kara in der ZEIT-Titelgeschichte vom August. John Locke sagt: erst die Fähigkeit zur Erinnerung formt uns zu einer Person. Einer Person mit prägenden Erfahrungen, mit Atlantiksonne in der Großhirnrinde und Narben unter der Haut, einer Person wie es, bei aller Liebe, ein Baby noch nicht ist.

Das Schöne an Erinnerungen ist: Sie sind das höchste Gut, wie gekaufte und eingefrorene Zeit. Man kann sie nicht kaputt machen oder auf der Börse verschleudern, man kann sie nicht vom Auto überfahren oder achtlos im Haus herumliegen lassen. Man kann sie uns nicht nehmen (außer man hat Alzheimer). Wer sie loslässt, vergisst sich auch selbst. Deshalb haltet einfach mal fest, haltet fest an jedem verdammten Bastard einer Erinnerung. Sie sind alles, was wir haben.

 

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Bildnachweis: Alena Getman unter cc by 2.0

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