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„Der Ramadan ist ein Katalysator für Spiritualität“

Einen Monat Fasten. Kein Essen, kein Trinken, kein Sex. Ein Gespräch, das aufklärt.

Ein Monat Enthaltsamkeit. Ein Monat kein Essen und Trinken bis zum Sonnenuntergang. Ein Monat keine Genussmittel und kein Sex. Für viele Außenstehende klingt der Ramadan nicht gerade nach der schönsten Zeit des Jahres. Um einen authentischen Eindruck vom Leben während des Fastenmonats der Muslime zu bekommen, haben wir uns mit Maryam unterhalten. Die junge Frau konvertierte 2012 zum Islam und zelebriert nun wiederholt den Ramadan.

ZEITjUNG.de:
Du bist 2012 zum Islam konvertiert und erlebst nun deinen fünften Ramadan. Freut man sich als Muslim darauf oder dominiert vor allem der Gedanke an die vielen Entbehrungen?

Maryam: Für Muslime ist der Ramadan ein gesegneter Monat. Es ist der Monat, in dem der Qur’an entsandt wurde. Im Islam ist es die einzige Tat, die man ausschließlich für Gott vollbringt, sprich ein Beweis von Selbstlosigkeit. Im Ramadan herrscht eine ganz besondere, spürbare Atmosphäre. Man kommt zusammen, das Fasten stimmt einen ruhig und schafft klare Gedanken. Die meisten Muslime, die ihre Religion spirituell ausleben, freuen sich darauf, da dieser Monat und das Fasten die Gelegenheit im Jahr ist, um das spirituelle Empfinden durch viele gute Taten zu stärken. Dazu gehören zum Beispiel Spenden an Arme, ein Leseprogramm für den Qur’an, nächtliche Gebete, Familienzusammenkunft, sowie allgemein die Reinigung von Körper, Seele und Geist. Der Ramadan ist sozusagen ein Spiritualitäts-Katalysator, wenn man es richtig angeht und das Beste herausholen will. Aus diesen Gründen freue ich mich besonders darauf.

Andererseits gibt es aber durchaus viele Muslime, die sich von materiellen Dingen nicht lossagen können. Oder aber auch jene, die beispielsweise nachts arbeiten oder schwere körperliche Arbeit verrichten. Für diese ist es dann eher schwierig. Für die erste Kategorie gilt: Je mehr Abhängigkeiten an weltliche Dinge man aufweist, desto schwieriger fällt einem das Fasten. Andererseits kann es aber auch hierfür eine Reha-Maßnahme sein. Eben je nachdem, ob man es oberflächlich oder tiefgründig angeht. Aber auch die Vorfreude auf das Abendessen ist auf jeden Fall ein Grund zur Freude und zur Dankbarkeit.

Bereiten sich Muslime irgendwie auf den Ramadan vor?

Soweit ich weiß gibt es kein besonderes Ritual dafür, aber es wird empfohlen, den Körper schonmal darauf einzustimmen, zum Beispiel durch das Fasten montags und donnerstags, sowie das Aufstehen in der Nacht um zusätzlich zu den fünf Pflichtgebeten zu beten. „Materiell“ gesehen wird auch meistens ein Großvorrat an Datteln angelegt, die zum Fastenbrechen gegessen werden.

Du bist vor vier Jahren zum Islam konvertiert. Was hat dich dazu bewogen?

Das ist eine längere Geschichte. Um es kurz zu fassen: Es hatte mit Synchronizität und zwei besonderen Begebenheiten in meinem Leben zu tun, woraufhin ich sehr viele Dinge und mich selbst in Frage gestellt habe. Es heisst ja, wer fragt, dem wird geantwortet. Und so war das auch in meinem Fall. Dieser Prozeß ging so etwa ein halbes Jahr, bis ich irgendwann den Qur’an zwischen den Händen hatte und darin las. Es hat mich auf Anhieb angesprochen und sehr berührt, und es überkam mich ein Gefühl von Gewissheit, und dass ich angekommen war. Daraufhin habe ich mich gründlich informiert und sehr viel nachgelesen, was meine Entscheidung noch bekräftigt hat. Ich habe dann auch schnell gemerkt, dass der Islam nichts mit dem zu tun hat, was allgemein so in den Medien präsentiert wird. Schließlich habe ich den Mut gefasst, mein Leben Schritt für Schritt umzukrempeln und habe es seither nie bereut.

Wie hast du deinen ersten Ramadan erlebt?

Für mich war es eine sehr schöne Erfahrung. Ich fand es besonders toll, die Gastfreundschaft, Aufgeschlossenheit, Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit im Kreise der verschiedenen muslimischen Gemeinden zu erfahren. Man findet sich mit vielen „fremden“ Menschen zusammmen und wird geschwisterlich behandelt; teilt, isst und betet zusammen. Das ist heutzutage eher unüblich geworden, leider.

Ist es nicht schwierig, im Erwachsenenalter mit dem Ramadan zu beginnen? Moslems sind es ja von Kindheit an gewohnt.

Ganz kurz vorweg, muslimische Kinder müssen nicht fasten. Sie fangen mit 7 Jahren an zu beten, ab dann können sie mitfasten, wenn sie wollen beziehungsweise können, oder auch nur teilweise. Spätestens bei Beginn der Pubertät fangen sie dann an. Ich denke, es hat mehr etwas mit der körperlichen Umstellung zu tun: Die erste Woche ist etwas anstrengend, jedes Jahr aufs Neue. Aber der Körper stellt sich schnell um, und dann ist man sogar traurig, dass der Monat so schnell vorbei ging. Geistig ist auch die Motivation und innere Einstellung ausschlaggebend. Wenn einem die positiven Effekte bewusst sind und man aus ganzem Herzen und Überzeugung fastet, dann ist es nicht schwierig. Wenn man es als Zwang sieht und sich mit Veränderungen schwer tut, dann steht das einem natürlich im Weg. Bei mir war das nicht der Fall. Ich sehe es auch als Vorteil, gerade nicht in einem Umfeld groß geworden zu sein, in dem der Ramadan kulturell oft mit Völlerei vewechselt wird. Im Gegenteil, als Konvertierte folge ich weniger irgendwelchen Essenstraditionen, als meinem Wissen rund um Ernährung und Gesundheit und nutze die Gelegenheit, um mich möglichst bewusst und ökologisch zu ernähren und in gesundem Maße zu essen.

Wie hat deine Psyche reagiert?

Psychisch hat der Ramadan auch einen starken klärenden Effekt auf die Gedanken. Man ist gelassener, entspannt, man schont sich bewusst und besinnt sich aufs Wesentliche. Es fühlt sich ein wenig an wie Nebelschwaden, die sich auflösen. Da im Ramadan nicht nur materielle Enthaltsamkeit vorgeschrieben wird, sondern auch in Hinblick auf die soziale und emotionale Kompetenz, wie zum Beispiel bei Ärger, Streitigkeiten oder Schimpfen, hält man sich automatisch von stressigen Situationen fern und übt sich in Selbstkontrolle.

Der erste Gedanke an Ramadan erzeugt bei Nicht-Moslems oft die Sorge, wie man denn den normalen Tagesablauf in der Arbeit und sonst überall übersteht. Wie sieht dein Ramadan-Alltag aus?

Ich sehe zu, dass ich rechtzeitig aus der Arbeit komme, damit ich in Ruhe beten und das Essen zubereiten kann. Der Tagesablauf ist sonst nicht viel anders. Momentan sind die Tage sehr lang, darum kann man sich nicht unnötig verausgaben oder stressen. Aber letztes Jahr bin ich auch noch in die Arbeit geradelt, das war gar kein Problem.

Auf der nächsten Seite erzählt uns Maryam, wie Enthaltsamkeit den Körper entgiftet – und wieso die Vorfreude auf Sex immer belohnt wird…

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