Gaspar Noé: „Männer fürchten sich vor anderen Schwänzen“

Love Gaspar Noé Alamode Film 3

Liebe kann aber auch sehr wehtun. Love thematisiert Liebeskummer und Schmerz durch den Verlust eines Menschen.

Wenn du das erste Mal jemandem verfallen bist, macht es dich blind gegenüber dem Rest der Welt. Wenn die Sache schief läuft, ist das die schmerzlichste Erfahrung. Wenn Schluss ist, fühlt es sich manchmal an, als würde man einen Arm verlieren.

Warum werden authentische Sex- und Liebesszenen dann so selten in Filmen gezeigt?

Ich würde sagen, der Grund dafür ist die patriarchische Gesellschaft. Männer in dieser Gesellschaft fürchten sich vor den Schwänzen ihrer Brüder, ihrer Kumpels oder den ihres Nachbarn. Männern gefällt es nicht, dem Penis andere Männer zuzusehen. Jedenfalls heterosexuelle Männer.

Haben sie vielleicht Angst davor, als „schwul“ bezeichnet zu werden?

Das, oder vielleicht pusht die ganze Welt männliche Wettbewerbsfähigkeit, sodass man Angst davor bekommt, dass vielleicht die Freundin, Frau oder Tochter von dem sexuellen Bild eines anderen Mannes erregt wird. Die Wahrheit ist, dass heute einer von zwei Filmen in Amerika Waffen, Angriffen und Gewalt jeder Art enthält. Das ist auch okay aber sobald sich im Film ein Kerl einer Frau widmet und sie auszieht, ist es ein großes Problem den Penis zu zeigen, nicht aber die Muschi.

In Love wird der hingegen in voller Größe gezeigt. Wie ist es für Sie, als Skandalregisseur bezeichnet zu werden, selbst wenn Sie nicht der Meinung sind, ihr Film sei schockierend?

Ich kann verstehen, wenn man zum Beispiel Irreversible als schockierenden Film bezeichnet. Er behandelt Herrschaft, extreme Grausamkeit und Gewalt. Dieser überhaupt nicht. Es ist einfach nur die Nachahmung oder Reproduktion von liebevollem, leidenschaftlichem Sex. Man ist von Love nicht schockiert, sondern überrascht.

Pornografie ist leidenschafts- und lieblos, Sex in Hollywoodfilmen wird dagegen übermäßig romantisiert und beschönigt. Haben Sie mit Love die goldene Mitte gefunden?

Ja, denn das wahre Leben befindet sich dazwischen. Wenn der Mann der Frau sagt, dass er sie liebt, will er sie am Ende unterbewusst vielleicht sogar schwängern und mit ihr eine Familie gründen – denn das sieht der genetische Code vor. Das Wesen des sexuellen Bedürfnisses ist die Reproduktion der Menschheit. Gäbe es die nicht, verbunden mit dem sexuellen Akt, würde sich letztendlich niemand fürs Ficken interessieren.

Die Natürlichkeit des Lebens geht somit in Filmen verloren. Hat das auch mit der Digitalisierung der Welt zu tun?

Ich werde häufig gefragt, was der Unterschied zwischen den 70ern und heute ist. Vor der Internet-Ära schien das Leben unverfälschter gewesen zu sein, heute gibt jeder sein Leben auf Instagram und Facebook preis. Nippel und alles, was „schockierend“ ist, wird zensiert. Die virtuelle, digitale Welt ist weit weg vom wahren Leben, Menschen wollen hier möglichst erfolgreich sein. Da ist etwas, das gegen die Natur arbeitet: Eine Entwicklung hin zu Überdigitalisierung.

Gibt es auch Positivbeispiele für eine realistische Darstellung von Liebe und Sex in Filmen?

Ein Film, der Liebe und deren Qualen realistisch darstellt, ist Blau ist eine warme Farbe [mit Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux, Anm. d. Red.]. Der Film zeigt die Geschichte zweier Lesben und ist trotzdem allgemeingültig und nachvollziehbar. Man kann sich mit den Charakteren genauso in Verbindung bringen, wie in meinem Film. Es sollte mehr solcher Filme geben.

„Love“ in 3D kommt am 26.11. in deutsche Kinos.

 

Wenn ich nicht gerade vom Thema abschweife, beende ich mein Studium der Anglistik und Philosophie in Darmstadt. Ich bin verträumt, zu selbstkritisch, liebe Konzerte jeder Art (Open Air, Festival, Wohnzimmer) und werde bei Schlaf- oder Essensentzug zu einem anderen Menschen. Geboren und aufgewachsen in Heidelberg führt mich die Suche nach dem Glück weiter in Richtung Großstadt und Redaktion. Daher verschlägt es mich zu ZEITjUNG.