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Das schlechte Gewissen: „Das ist nie passiert!“

Es ist lästig, aber da: das schlechte Gewissen. „Das ist nie passiert“ ist ein Deal, den wir häufig mit uns selbst abschließen, um vor dem schlechten Gefühl zu fliehen. Scheiße nur, dass das nicht wirklich klappt.

Der Morgen danach kann gut sein. Er kann frei sein vom Kopf-Katerschnurren, von allzu intensiven Betrachtungen der Kloschlüssel, von gezwungenem, horizontalen Ganztagesaufenthalt im Bett. Er kann. Muss aber nicht.

Manchmal wachen wir auf, mit einem unbestimmten, unguten Gefühl, das in uns hochkriecht, sobald unser Bewusstsein hektisch nach Luft schnappend aus der alkoholischen Sintflut aufgetaucht ist. Wir bleiben liegen, mit geschlossenen Lidern, versuchen, den vergangenen Abend zu rekonstruieren. Spätestens beim Erinnerungsfetzen Nummer drei, der uns unseres letzten Restchens Würde berauben will, lassen wir stöhnend die Rollos vor unserem inneren Auge herunter und versuchen, uns erneut in den Schlaf zu flüchten. Das funktioniert auch wunderbar – bis das Smartphone empört zu surren beginnt und uns Nachrichten zukommen lässt wie: „Boah, wie warst du denn gestern bitte drauf?!“ Und zack – da ist es. Das schlechte Gewissen. Wir haben mal wieder Scheiße gebaut. Und jeder weiß es.

Es war einmal…

Wenn wieder einmal etwas ordentlich schief gegangen ist, drängt sich uns doch die Frage auf: Musste das wirklich sein?! Das schlechte Gewissen verfolgt uns wie ein alter Mann, der uns beständig mit seinem Krückstock in den Rücken piekst und vor dem wir nicht davon laufen können. Es ist unfassbar lästig, aber es ist da. Unser innerer Spielverderber begleitet uns mit seinem manchmal hilfreichen, manchmal aber auch ungebetenen Rat bei jedem unserer Schritte. Nach der verlorenen Partie sitzt es mit uns in der Kabine und geht jeden unserer misslungenen Spielzüge durch. „Das hättest du anders machen müssen“, ist dann das unangenehme Resultat dieser Beratung. Und während wir uns leichter tun, unsere Fehlentscheidungen vor uns selbst zu verstecken oder zu rechtfertigen, wird es damit schwieriger, wenn Freunde oder Bekannte unseren Ausrutscher als gravierend einstufen.

In Märchen, Fabeln und Lebenssagen gibt es immer eine „Moral von der Geschicht’“. Als brave Zuhörer haben wir früh gelernt, die Welt in Schwarz und Weiß zu teilen und unser Urteil danach zu fällen. Aber dann, wenn wir ein bisschen größer und ein bisschen schlauer geworden sind, beginnen wir, auch die Graustufen dazwischen wahrzunehmen.

Rechnen wir uns während unserer Kindheit noch automatisch zu den Guten, merken wir bald, dass es mit dem Einhalten des Heldentums gar nicht so einfach ist. Wir kriegen ein schlechtes Gewissen, wenn wir bei rot noch über die Fußgängerampel hetzen und uns der fünfjährige Kevin von der anderen Seite aus beobachtet. Oder wir aus dem stehengelassenen Topf unseres Mitbewohners die letzten Nudeln herauspicken und genau in dem Moment die Tür aufgeht. Oder wir in einem Café über jemanden lästern und ums Eck ein Bekannter mit Ohren so groß wie eine Satellitenschüssel sitzt und die soeben vernommenen, unschmeichelhaften Bemerkungen an die betroffene Person weitergibt. Es gibt viele beschissene Situationen, in denen wir unbedacht handeln. Und während wir manchmal noch ungehört oder unbeobachtet davonkommen, wird es umso unangenehmer, wenn wir bei etwas nicht ganz so Geradlinigem erwischt werden.

Moral und Gewissen als unverzichtbare Säulen

Die Moral und das Gewissen bilden zwei Säulen, die unsere Gesellschaft funktionieren lassen. Doktor Walter Holzhausen beschäftigt sich in seinem Buch „Die Welt unserer Werte“ mit den Eigenheiten dieser beiden Stützen. Die Moral in einer Gesellschaft ist etwa dazu da, dass sie „das Denken ihrer Mitglieder so beeinflusst, dass diese letztendlich gesellschaftskonform handeln.“ War es früher noch die Kirche, die mit dem reinen Gewissen und dem Einhalten der ungeschriebenen, moralischen Gesetze mit dem ewigen Seelenheil als Belohnung winkte, brauchen wir auch heute ohne religiöse Motivation noch gewisse Regeln, um ein harmonisches Miteinander aufrecht erhalten zu können.

Das Gewissen ist unsere innere Stimme. Es ist zugleich der Engel und der Teufel auf unseren Schultern, der uns zuflüstert, was richtig und was falsch ist. Dabei ist das Gewissen nicht statisch, sondern wandelbar. Geformt wird es seit unserer Kindheit von unseren Eltern, von den Erziehern, später dann auch von Lehrern, Freunden und Kollegen. Jedoch müssen die Werte, aus denen sich unser Gewissen bildet, nicht immer von vornherein richtig sein. Sie können veraltet sein oder falsch und im Laufe des Lebens lernen wir, unser Gewissen in manchen Situationen links liegen zu lassen, da wir bemerken, dass es sich irrt.

Die Perspektive der Anderen

Der US-amerikanische Schriftsteller Henry Louis Mencken definiert das Gewissen folgendermaßen: „Das Gewissen ist die innere Stimme, die uns warnt, weil jemand zuschauen könnte.“ Ihm zufolge ist es also eine Alarmanlage, die nur losgeht, wenn unsere moralischen Ausschweifungen auffliegen könnten. „Ach, wie gut, dass niemand weiß“, singt ein kleiner, bösartiger Irrer in einer der alten Märchen, während er um ein Lagerfeuer tanzt und sich an seinen durchgeknallten Plänen erfreut. Wenn wir um unsere imaginären Lagerfeuer tanzen, dann tun wir das auch alleine. Freunde beziehen wir dann ein, wenn wir uns sicher sind, dass diese uns nicht verurteilen, sei es, weil deren moralische Werte genauso dehnbar sind wie unsere eigenen oder weil sie uns einfach immer lieben werden, egal, was wir gerade angestellt haben. Wertschätzung und Anerkennung werden uns von unseren Freunden zugesichert. Selbst, wenn wir wissen, dass wir Mist gebaut haben und uns unser Gewissen deshalb quält, lässt sich der Fehler leichter überleben, wenn wir uns nach wie vor akzeptiert wissen.

Doktor Walter Holzhausen zufolge zwickt uns das schlechte Gewissen eher, wenn wir zwischenmenschliche Beziehungen gefährden, als wenn wir unehrlich gegenüber Behörden sind. Die GEZ-Gebühren etwa unter den Tisch fallen zu lassen verhilft eher zu einem Hochgefühl als die 10-Euro-Geschenkschulden, die wir bei einem Freund haben, „zu vergessen“. „Das Gewissen kennt also Prioritäten“, schlussfolgert Holzhausen aus seinen Beobachtungen. Unsere innere Stimme warnt uns seiner Meinung nach vor Gefahren und Bedrohungen aus unserem unmittelbaren Umfeld, die durch unser Verhalten entstehen: „Gemeint sind Gefahren nicht nur in Form von Strafen und Ausgrenzungen, Bloßstellungen und Liebesentzug, sondern auch schon bloße Kritik und Zweifel an unserer Integrität. Dabei ist die eigentliche Ursache der Bedrohung stets ein Mangel an Übereinstimmung zwischen den von außen an uns herangetragenen, oftmals recht fragwürdigen Forderungen und der eigenen inneren Einstellung.“

Einen besseren Weg finden

Immer werden wir von Menschen umgeben sein, die uns beobachten, verhören, verurteilen. Das Gesellschaftssystem ist ein unumgängliches und wir sind Teil dieses funktionierenden Räderwerks. Aber in diesem lauten, quietschenden und krachenden System gilt es, unsere eigene Stimme zu finden, der wir letztendlich glauben und folgen sollten.

Was wir einmal getan haben, können wir nicht rückgängig machen. Aber wir werden in ähnliche Situationen geraten, in denen wir erneut entscheiden müssen, ob wir wieder bei rot über die Ampel laufen wollen oder es nicht doch einen anderen Weg gibt, auf die andere Straßenseite zu gelangen. Wir tun Dinge, auf die wir stolz sein können, weil wir wissen, dass wir sie im Einklang mit unseren Überzeugungen getan haben. Genauso aber passieren uns Ausrutscher, die uns Tage und vielleicht sogar noch Monate später in Form eines unangenehmen Gefühls irgendwo in der Herzgegend verfolgen. Aber dann ist es eben so, denn: Wir können nicht alles gut machen. Aber wir können es beim nächsten Mal zumindest versuchen.

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Bildquelle: Sai Mr. unter CC0 1.0

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