„Schmeckt wie bei Oma!“ – Wie Essen unsere Emotionen bestimmt

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Ich sitze in der altmodischen, dunkelbraunen Sitzecke und nippe an meinem Apfelsaft. Ein paar Sekunden später steht der Teller vor mir, der der Grund dafür ist, dass ich hier sitze. Ein Teller mit lauwarmem Kartoffelsalat, in den gekochte Karotten geschnitten sind, und dampfenden Fleischküchle (das fränkische Wort für Fleischpflanzerl/Buletten/Frikadellen). Dass ich so wild darauf bin, in einer eher uncharmant eingerichteten Umgebung ein wenig besonderes Gericht zu essen, kann vielleicht keiner nachvollziehen. Aber wenn ich dazu sage, dass ich bei meiner Oma sitze, die mir so eben mein absolutes Lieblingsgericht vorgesetzt hat, das niemand auf der Welt so gut hinbekommt wie sie, weiß jeder sofort, wovon ich spreche.

Wir haben es alle: Dieses eine Essen, das nur von dieser einen Person gut schmeckt, und ein so wohliges Gefühl in uns auslöst. Meistens ist es noch nicht einmal krass aufwendig oder schwierig zu kochen – vielleicht sind es Spaghetti mit Tomatensoße oder Pfannkuchen. Wieso schmecken mir die Fleischküchle und der Kartoffelsalat nur bei meiner Oma so gut und wie schaffen sie es, Gefühle zu verursachen?

Geschmäcke werden in der Kindheit geprägt

Essen steht in direkter Verbindung mit Emotionen, die durch Erinnerungen hervorgerufen werden. Diese Verbindung besteht, weil der Geruchssinn – Geschmack und Geruch hängen zusammen – im ältesten Teil unseres Gehirns sitzt und das Sinnesorgan Nase den kürzesten Weg zu dem Ort im Gehirn hat, wo die Informationen verarbeitet werden. Wenn sich einmal eine Emotion mit einem Geschmack oder Geruch verknüpft, wird bei jedem Schmecken oder Riechen in der Zukunft automatisch die Erinnerung an dieses Gefühl und damit das Gefühl selbst präsent. Vielleicht habe ich mal verdorbenen Himbeerjogurt gegessen und deshalb wird mir heute jedes Mal instant übel, wenn ich ihn nur rieche. Ich muss dabei nicht einmal Bilder aus meiner Kindheit vor Auge haben, das Gefühl ist einfach da, und deshalb mag ich das Essen oder eben nicht.

Aber wieso sind die Erinnerungen aus meiner Kindheit besonders stark? Wieso verursacht das banale Gericht von Oma ein viel intensiveres Gefühl als das Rinderfilet aus dem Sternerestaurant von meinem letzten Geburtstag?

Der Soziologe Tilman Allert erklärte der Hannoverschen Allgemeinen: “Beim Menschen fängt die Welterschließung mit dem Oralen an. Wie schmeckt die Welt? So lautet eine unserer ersten Fragen.“ Und auf diese Frage finden wir schnell Antworten in den Gerichten, die wir als Kind oft essen. Unser Geschmack wird also in der Kindheit geprägt. Wenn mir die Fleischküchle einmal geschmeckt haben, werden sie mir immer schmecken. “Im Gepäck des Geschmacks also erscheint immer auch ein Stück Kindheit“, sagt Allert, “attraktiv oder zerstörend und abstoßend, je nachdem.“

Außerdem stammen die meisten und eindrücklichsten unserer Erinnerungen aus dem ersten Drittel unseres Lebens. Die Nachmittage aus meiner Schulzeit, die ich bei meiner Oma verbracht habe, verbinde ich mit großer Fürsorge – mein Apfelsaftglas war nie leer -, Sicherheit – es hat sich nie etwas verändert -, mit Kreidemalen auf der Straße im Sommer und  Schlittenfahren vor der Haustür im Winter. Die Erinnerungen daran sind präsenter als die von manchem Erlebnis aus dem letzten Jahr und die damit verbundenen Emotionen hauptsächlich positiv. So gesehen ist es kein großes Wunder, dass ich so wild auf Fleischküchle bin.

Glücksgefühle mit Essen provozieren

Jetzt bin ich verführt, mir so oft wie möglich Kartoffelsalat und Fleischküchle zu kochen, damit es mir gut geht. Wir Menschen suchen immer nach dem Trick, der uns auf der Stelle glücklich macht. Habe ich jetzt tatsächlich den Knopf gefunden, der mich raus aus Sorgenkarussellen und depressiven Löchern holt und rein ins Glücksgefühl und sorgenfreie Kind-Sein katapultiert?

Nicht ganz. Denn so sehr ich mich oder der Küchenchef meines Lieblingsrestaurants sich auch anstrengen mag, niemand wird geschmacklich je auch nur in die Nähe der Kombination aus leicht angebrannten Hack-Klöpschen und leicht matschigem Kartoffel-Karotten-Gemisch meiner Oma kommen. Das exakte Nachkochen würde alleine daran scheitern, dass Omas Rezept aus gewohnten und gekonnten Handgriffen besteht, die sie so nie erklären könnte. Und so wie alles andere, was in der Kindheit geprägt wurde, hat sich auch dieser Geschmack verdammt tief in unser Gedächtnis eingebrannt und würde sich nie täuschen lassen.

Proust sagt, es geht auch anders

Aber es gibt einen Trost. Denn auch wenn sie nicht exakt so wie bei Oma schmecken, können jede Art von Fleischküchle und Kartoffelsalat die Erinnerungsmaschine anwerfen. Der französische Schriftsteller Marcel Proust hat dieses Phänomen in seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ in Worte gefasst: „In der Sekunde nun, da dieser mit den Gebäckkrümeln gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog.“ Für ihn war ein in Tee aufgeweichtes Madeleine wie für mich Kartoffelsalat mit Fleischküchle. Ein Bissen schmiss ihn zurück in seine Kindheit. Ein Bissen stürzte ihn in den Strudel aus Emotionen und Erinnerungen.

Wenn wir uns also zwischen Drittversuchen, Projektabgaben, Liebeskummer und leerem Konto mal wieder nach Unbeschwertheit, Sicherheit und kleinem Glück sehnen, sollten wir entweder unsere Oma anrufen und einen Besuch ausmachen oder uns, wenn es schnell gehen muss, ins nächste Restaurant begeben und unser Lieblingsgericht bestellen.

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Bildquelle: Tauno Tõhk via Flickr unter CC by-SA 2.0

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