Selbstversuch: Zwei Tage ohne Lügen

Selbstversuch Zwei Tage Ohne Lügen

Manchmal muss man eben doch bei Adam und Eva anfangen. Zugegeben, eigentlich ist die Schlange schuld, aber kann man zwei Paradiesinsassen wirklich so wenig Zurechnungsfähigkeit zumuten? Die beiden haben deren listige Lüge nicht erkannt, wurden aus dem Garten Eden vertrieben, dank ihnen ist Feldarbeit und Kinderkriegen jetzt so unangenehm, dass man es eigentlich nur der Ernte wegen erduldet. Herzlichen Dank auch.

 

Das soziale System hängt an der Lüge

 

Die Lüge bildet sozusagen das Fundament unserer Gesellschaft. Auch, nein besonders, wenn die Schöpfungsgeschichte Humbug ist, dann war am Anfang nämlich das verlogene Wort. Und ich glaube, dass unser soziales System genau daran hängt. Unter der Wahrheit bricht es zusammen. Zweimal am Tag lügen die Deutschen im Durchschnitt, sagt eine Studie. 200 Mal flunkert jeder Mensch am Tag, eine andere. Entweder wir Deutschen sind ein außerordentliches aufrichtiges Volk, oder eine der beiden Studien lügt.

Ich als bekennender Laien-Pinocchio will es ausprobieren: Funktioniert es, ein Leben ohne Lügen? Wenn ich ganz ehrlich bin, und ja, das ist paradox, denke ich, ich komme auf mehr als zwei Lügen am Tag. Und wo wir schon bei der Wahrheit sind, kann ich auch gestehen, dass ich schon seit einem halben Jahr vorhabe, diesen Artikel zu schreiben. Ich habe es nur immer vor mir hergeschoben, weil ich keine andere Möglichkeit sah, eine Woche lang nicht zu lügen, als mich sieben Tage irgendwo in einem Baumhaus in der russischen Taiga zu verschanzen. Da Flugtickets nach Russland sehr teuer sind, verkürze ich das Experiment nun auf zwei Tage – ein Wochenendausflug in die Wahrheit.

 

Tag 1

Schon beim Zähneputzen ist mir leicht unwohl. Nicht, dass ich schon das Bedürfnis verspüren würde, über Putzdauer und Pastenmenge zu lügen, aber es ist doch angenehm, zumindest die Möglichkeit zu haben. Doch die Wissenschaft fordert ihre Opfer. Immerhin habe ich keinem von dem Selbstversuch erzählt, sonst würde dieses Wochenende in meinen persönlichen Albtraum metamorphosieren, einen nicht enden wollenden Kreislauf aus Wahrheit oder Pflicht, nur halt ohne Pflicht. Meine erste Hürde ist direkt ein Klassiker: Eine Freundin will mir ihre Ausbeute präsentieren, ich hasse ihren Klamottengeschmack seit Jahren. Kurz hoffe ich noch, dass sie vielleicht ein weißes Unterziehtop oder genderneutrale Handschuhe gekauft hat – vergeblich. Als ich ihr sage, dass das Muster ihres neuen Rocks aussieht, als wäre er von betrunkenen Azteken entworfen worden, lacht sie nicht einmal. Die betrunkenen Azteken hätten das sicher lustig gefunden. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass meine Freundin erstmal nicht mit mir reden will. Spätestens da fühle ich mich bestätigt: Wahrheit tut weh.

 

Ich werde nach diesem Wochenende vermutlich keine Freunde mehr haben

 

Lügen haben kurze Beine, sagt man aber auch. Vielleicht hat die Wahrheit also auf Dauer mehr Kondition. Ich werde es jedenfalls durchziehen bis zum bitteren Ende, ich werde keine Schokolade mehr aus Höflichkeit ablehnen, ich werde alle AGB’s lesen, bevor ich mich dann vermutlich nicht einverstanden erkläre, und jedem schonungslos servieren, wenn ich mich nicht für seine Probleme interessiere. Ich werde nach diesem Wochenende vermutlich keine Freunde mehr haben, aber das macht nichts, denn die meisten AGB’s sind sehr lang, ich werde die Zeit brauchen.

Alceste, Menschenfeind des französischen Klassikers Molière, will immer ehrlich sein, er verabscheut gesellschaftliche Konventionen wie Notlügen und Schmeicheleien. Er ist in seinem Umfeld nicht sonderlich beliebt. Lügner sind sympathischer, sagt auch der Psychologe Robert Feldman. „Die Menschen wollen oftmals nicht die Wahrheit hören, sondern etwas, mit dem sie sich gut fühlen“, argumentiert er im Interview mit der ZEIT. Tatsächlich fühle ich mich als Lügner als besserer Mensch, und kann an meinem ersten wahrheitstreuen Tag schon zwei soziale Niederlagen verbuchen. Sozial geschickt sind wir also, nicht verlogen. Geht mein Selbstversuch in die falsche Richtung, erziehe ich mich gerade zu einem schlechteren Menschen um? Nein, denn wer penetrant lügt, hat auch: geringes Selbstwertgefühl und minder entwickeltes Gewissen.

 

Tag 2

An Tag 2 meines Selbstversuchs wache ich sehr beunruhigt auf. Dabei sollte uns doch das Lügen krank machen. Ich wappne mich trotzdem dagegen, einige Freunde und sehr viel Würde zu verlieren. 12 Uhr mittags und ich fühle ich mich wie ein sehr nobles und bescheidenes Häufchen Scheiße. Ich habe mich in diversen Gesprächen mental entblättert und musste auf eine direkte Gegenfrage antworten, dass ich tatsächlich nicht weiß, wie man eine Bolognese zubereitet. Trotzdem, gegen Nachmittag überwiegt die Noblesse. Ich verwandle mich langsam in eine molièrsche Menschenfeindin, verachte die Gesellschaft für ihre verlogenen Komplimente und ihre unehrlichen Anekdoten. Ein bisschen mehr Haltung, bitte!

Pseudologia phantastica ist der Fachausdruck für die Krankheit zwanghafter Lügner. Betroffene schwindeln aus einem inneren Drang heraus, es gibt keine Motivation wie die Aufrechterhaltung sozialer Strukturen. Karl May war Pseudologe, erdichtete sich bis zu acht verschiedene Identitäten, ich bin es noch nicht, immerhin, ich habe nur die eine. Feldman konstatiert aber auch, dass es weniger typische Lügnertypen gibt als vielmehr ein typisches Lügnerumfeld. Junge Menschen zwischen 18 und 34 lügen zum Beispiel besonders häufig, wir müssen uns ja noch behaupten. Ich will auch gar nicht wissen, wie viele Abenteuergeschichten meiner Freunde getunt sind, ganz ehrlich und ungeschminkt sähe es im alltäglichen Schwanzvergleich ganz schön düster aus und auch der frisierte Lebenslauf hinge irgendwie in fettigen Strähnen runter.

Zwei Tage ohne Lügen sind nicht gerade viel, aber sie haben mich alle Anstrengung gekostet. Aber ich bin stolz darauf, es geschafft zu haben, aufrichtig zu sein hat sich nie besser angefühlt. Ab jetzt will ich ehrlich sein – und damit fange ich jetzt an: es ist alles gelogen. Dieser Selbstversuch, ich habe ihn nie gemacht. Vielleicht sogar im Dienste der Gesellschaft.