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Liebeserklärung an: das Sightseeing in der eigenen Stadt

Wie man als Tourist in der eigenen Stadt, plötzlich alles mit anderen Augen sieht

Es sind die kleinen Dinge, die uns unseren tristen Alltag versüßen und das Leben ein bisschen besser machen. Ob es hübsche Gänseblümchen sind, die am Straßenrand wachsen oder eine Kugel deiner liebsten Eissorte – wir alle haben kleine Muntermacher in unserem Alltag, über die wir nur selten ein Wort verlieren. Das soll sich jetzt ändern! Wir bieten euch eine Liebeserklärung an die kleinen Dinge, die uns in stressigen Situationen retten, an schleppenden Tagen motivieren oder uns die guten Tage versüßen!

Liebes Sightseeing,

würde man mich nach unserem Verhältnis fragen, würde ich es gewissermaßen als Fern-Beziehung beschreiben. Nicht im Sinne dieses komplizierten Konstruktes einer Partnerschaft, in der man sich gezwungenermaßen nur einmal im Monat sieht. Weil er, 29 und Maschinenbau Ingenieur, in Stuttgart einfach bessere Chancen auf eine Stelle hat, während sie, 26, im neunten Semester Lehramt in Münster hängen geblieben ist. Beide aber fest davon überzeugt sind: Unsere Beziehung schafft das schon. Wir sind anders als die Anderen.

Nein, liebes Sightseeing. Wir finden immer nur dann zueinander, wenn wir uns aus der Heimat in die Ferne wagen. Aber dann frönen wir dir beinahe exzessiv. Schon Tage, ach Wochen vor unserem Besuch in einer fremden Stadt googlen wir uns die Finger wund, um Pläne zu machen. Liebend gern konsultieren wir schlaue Reise-Portale, mit Leuten, die sich zuvor auf dich eingelassen haben und ihre Erfahrungen bereitwillig in Wort und Bild teilen. Endlich vor Ort verschmelzen wir mit der Masse an Gleichgesinnten. Stehen staunend vor Gebäuden, an Plätzen, vor Denkmälern, Brunnen, in Parks. Schießen Fotos, lesen Infotafeln oder haben (Gott bewahre) sogar einen Selfie-Stick dabei. Es überkommt uns regelrecht und wir sind: Touristen.

Touristen nerven…solange man selbst keiner ist

Tourist sein, ist toll. Aber seien wir mal ehrlich. Touristen nerven, sobald man keiner von ihnen ist. Und das geht ganz schnell, sobald man wieder zuhause ist. Dann sind sie nur im Weg, verstopfen unsere Stadt, bleiben auf Radwegen stehen, stellen doofe Fragen nach dem Weg. Und wir fragen uns, was zur Hölle wollen die alle hier? Soooo toll ist das hier auch wieder nicht. Doch ist es! Und jetzt kommt der Trick: Lasst uns mal ganz verrückt sein. Und zu einem Tourist in der eigenen Stadt werden. Denn das ist nicht nur eine Liebeserklärung an das Sightseeing, sondern an das Sightseeing in der eigenen Stadt.

Zuhause ist es doch am schönsten…

Ob Geburtsstadt, Wahlheimat oder eigentlich nur für das Studium hergezogen: Die Stadt, in der wir leben, wird schnell zur Gewohnheit. Das anfängliche Kribbeln und Staunen verebbt.
Die schönsten Ecken unserer Stadt werden zur Gewohnheit. Und das Einzige was uns dann noch berührt, sind die nervigen Touristen, die uns im Weg stehen.
Während wir auf dem Weg zur Arbeit, Kopfhörer im Ohr, das nächste Meeting im Kopf an den schönsten Gebäuden und Plätzen vorbei hetzten, bleiben sie staunend mit offenem Mund stehen.
Genau das wollen wir auch, liebes Sightseeing. Wir wollen dich auch zuhause, wir wollen unsere Stadt wieder mit anderen Augen sehen.

12 Stunden Tourist sein…

Es muss ja nicht gleich der Hop on Hop off Bus sein. Das ist schon eine harte Nummer. Aber wie wäre es damit: Wir nehmen uns mal einen Tag Zeit. Wir bereiten uns richtig gut vor: Durchstöbern das Internet, suchen uns beliebte Attraktionen heraus, verwandeln uns für einen Tag in einen Touristen in der eigenen Stadt. Wir lassen uns ein auf eine kurze Affäre mit dir, liebes Sightseeing…
Also, zeig uns, was wir sonst nicht sehen.
Bring uns an die Orte in unserer Stadt, an denen es vor Touristen nur so wimmelt und lass uns ein Teil von ihnen werden.
Also alle Münchener gebt euch den Marienplatz zum Glockenspiel und danach geht noch auf den Alten Peter für die Aussicht. Liebe Berliner lasst euch mitreißen von den Massen, die von der Museumsinsel zum Brandenburger Tor pilgern. Alle Hamburger knipst doch auch mal das klassische Sonnenuntergangsbild an den Landungsbrücken. Und sollte nicht jeder Kölner auch mal im Dom gewesen sein? Lasst uns für einen Tag so tun, als wären wir nur zu Besuch. Als sähen wir alles zum ersten Mal.
Liebes Sightseeing zeig uns was unsere Stadt ausmacht, welche Geschichte hinter den Gebäuden und Plätzen steckt. Wir nehmen alles mit:
Lesen Infotafeln und Stadtpläne, lassen uns Broschüren geben und konsultieren Reiseportale. Und wer richtig Bock hat, lässt sich sogar auf eine Stadtführung ein. Am besten eine dieser kostenlosen Führungen, bei denen einem ein „Local“ die Stadt erklärt. Denn mal ehrlich, wir wissen wo es das beste Café in unserer Stadt gibt, welche Bar den stärksten Gin Tonic macht und in welchen Ecken man kostenlos parken kann. Aber dieses wunderschöne Gebäude auf dem Weg zur Arbeit, welcher König hat das nochmal bauen lassen? Krass, was hier im Krieg passiert ist. Und da fahr ich jeden Morgen mit dem Fahrrad entlang?

Und danach?

Nach der kurzen Liaison mit dir liebes Sightseeing, fühlen wir uns unserer Stadt plötzlich viel näher. Wir sehen unsere Stadt mit dem naiven, unkritischen Blick eines Touristen, der nur für einen Tag in der Stadt ist. Alles ist aufregend, neu, interessant und eben nicht alltäglich. Plötzlich übersehen wir die dreckigen, unschönen Ecken, die Baustellen und die überfüllten Plätze. Vielleicht nerven uns sogar die Touristen etwas weniger. Auf jeden Fall haben wir einiges über unsere Stadt gelernt. Und auch über uns: Wir sollten unsere Stadt vielleicht öfter mal mit den Augen eines Touristen sehen.

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Bildquelle: Unsplash unter CC0-Lizenz

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