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Durchgesuchtet: die deutsche Netflix-Serie Skylines

Zwischen Musik und Drogen – die Serie ist authentisch, gut besetzt und eine musikalische Ode an Hip-Hop.

Wenn es um die neue Netflix-Serie Skylines geht, trifft es „durchgesuchtet“ wirklich gut. Nach einem Tag hatte ich alle der sechs einstündigen Folgen durch – den ein oder anderen Ohrwurm inklusive. In dieser Ode an die Straße von Dennis Schanz geht es um Drogen, Geld und Rap – passenderweise mit der deutschen Drogenhauptstadt Frankfurt am Main als Schauplatz. Diesem Schmankerl deutscher Serienproduktion lässt sich sein Suchtfaktor nicht absprechen. Es handelt sich dabei um eine überragend gut gemachte Serie mit tollen, vor allem jungen Schauspielern, talentierten Rappern und spannenden Handlungssträngen oder eben einfach eine Liebeserklärung an deutschen Rap.

Zwischen Musik und Drogen

Der junge Produzent Jinn gespielt von Edin Hasanovic wird nach einer seiner Shows von dem Frankfurter Hip-Hop Plattenlabel Skyline Records eingeladen. Dieses gehört dem Rapper Kalifa und seinem Freund aus Kindertagen Semir, der von Anfang an begeistert von Jinns Musik ist. Schnell wird klar, dass ein Vertrag in Aussicht steht, der Jinns Durchbruch bedeuten könnte. Das einzige Problem daran: er darf nur noch exklusiv Beats für Skyline Records produzieren. Sein bester Freund, der Rapper Tonic müsste sich also einen neuen Produzenten suchen. Trotzdem unterschreibt Jinn den Vertrag und die Freundschaft zerbricht daran, doch das ist bald nicht mehr Jinns einziges Problem. Denn während er die ersten Tracks mit Stars wie Nura (die in der Serie sich selbst spielt) aufnimmt, kehrt Ardan, der Bruder des Plattenbosses Kalifa aus dem Ausland zurück. Er hatte Deutschland vor einigen Jahren verlassen müssen. Nun ist er wieder in Frankfurt und will die Firma seines Bruders als Deckmantel nutzen, um sein Heroin auf die Straße zu bringen. Kalifa lässt ihn gewähren, da er sich ihm gegenüber verpflichtet fühlt, doch die illegalen Geschäfte gefährden bald seine eigene Firma. Auch Jinn kommt mit den Dealern und Schlägern von Ardan in Berührung und wird sogar Zeuge eines Mordes. Um einer Verurteilung als Mittäter zu entgehen, verlangt die Polizei am Ende der ersten Staffel von ihm als V-Mann Informationen über Ardans Organisation zu sammeln.

Starke Frauenrollen

Nun ist die ganze Story nicht unbedingt wahnsinnig originell, tatsächlich erinnert mich meine selbstverfasste Inhaltsangabe an eine deutsche Version der amerikanischen Erfolgsserie Empire. Allerdings hat meiner Meinung nach Skylines der Konkurrenz etwas voraus, und zwar die Tiefe der Figuren. Allen voran zwei der weiblichen Charaktere. Zum einen gibt es da die toughe Kriminalbeamtin Sara (Peri Baumeister), die noch eine alte Rechnung mit Ardan zu begleichen hat und sich sofort an seine Fersen heftet, sobald sie hört, dass dieser zurückgekehrt ist. Sie ist aber noch viel mehr als nur Polizistin, sondern auch Mutter und unglückliche Ehefrau die Probleme hat Privates und ihren Beruf unter einen Hut zu bringen. Und dann gibt es da noch meine persönliche Favoritin, die Gangsterfrau Zilan (Carol Schuler) mit ihrer wunderschönen Singstimme, die die Arbeit im Tonstudio mit Jinn sichtlich genießt, gleichzeitig aber auch für Ardan Männer zu Krüppeln schlägt. Auch der Hauptcharakter Jinn ist nicht etwa ein krasser Typ, der mit lässigen Sprüchen die Serie dominiert, sondern vielmehr ein leicht naiver Künstler mit viel Talent, der aber von einer blöden Situation in die nächste stolpert. Das schlechte Verhältnis zu seinem Vater und der Drogenmissbrauch seiner Schwester sorgen für interessante Nebenhandlungen und einen Hauptcharakter, der ständig mit widerstreitenden Loyalitäten zu kämpfen hat.

Yin und Yang und Haftbefehl

Ich persönlich bin der Meinung, dass sich vieles von der Story stark an dem echten Rapper Haftbefehl orientiert. Schaut man sich nämlich zwei der Hauptpersonen – Kalifa und Ardan – etwas genauer an, hat man das Gefühl die zwei Seiten des Aykut Anhan (Haftbefehls bürgerlicher Name) vor sich zu sehen. Die offensichtlichste Gemeinsamkeit ist natürlich die Tatsache, dass sowohl Hafti als auch die zwei Personifizierungen seiner guten und seiner schlechten Seiten aus Frankfurt kommen – wobei Haftbefehl eigentlich in Offenbach geboren wurde, was allerdings nahtlos in Frankfurt übergeht. Aber auch ein genauerer Blick auf Haftbefehls bewegtes Leben lohnt sich. Aykut Anhan kam früh mit Kriminalität in Berührung und musste 2006 sogar wegen einer drohenden Freiheitsstrafe nach Istanbul flüchten. Auch der fiktive Ardan musste für mehrere Jahre ins Ausland, um der Polizei zu entkommen. Als Aykut Anhan nach Deutschland zurückkehrte nahm er seine ersten Lieder auf, gründete später sein eigenes Label und ist 2016 sogar Vater geworden. All das klingt wieder verdächtig nach Kalifa, der im Gegensatz zu Ardan ein erfolgreicher Familienvater ist. Die zwei fiktiven Brüder finden in der echten Welt also eine Art Vorbild, das beide in sich vereint.

Ich möchte aber noch klar stellen, dass es sich bei Haftbefehl im Gegensatz zu Ardan nicht um einen Mörder und Psychopathen handelt. Aykut Anhan hatte 2006 eine Klage wegen Betrugs und nicht wegen Drogenhandels oder Körperverletzung am Hals.

Skylines ist einfach authentisch

Der absolute Hauptgrund aber, warum ich Skylines für eine der besten Serien halte, die mir je unter gekommen ist, ist die Tatsache, dass nichts daran gekünstelt wirkt. Skylines nimmt man die ganze Gangsterattitüde einfach ab. Angefangen bei der Sprache, zieht sich diese Realness auch durch den Cast und die Musik, beziehungsweiße die Songtexte. Das liegt wohl vor allem an dem Showrunner der Serie Dennis Schanz. Er ist nicht der Autor der Serie, aber er sorgt für einen roten Faden und dafür, dass alle Folgen gleichbleibend gut sind. Wichtig sei ihm dabei, nach eigener Aussage, eine Balance zwischen Unterhaltung und Authentizität, denn er wisse, dass Urbane Themen und vor allem Hip-Hop in den falschen Händen schnell zur Lachnummer werden würden. Und da hat er Recht! Ich bin dem guten Mann unendlich dankbar dafür, dass er eine Serie über deutschen Rap gemacht hat, die man sich ansehen kann ohne vor Fremdscham im Boden zu versinken. Man denke nur einmal an die peinlichen Versuche von Tatort und Co. Dealer oder Rapper zu porträtieren. Da werden blonde Tims frisch von der Kunsthochschule gecastet und sollen dann einen „harten Kerl“ von der Straße spielen, während sie versuchen Worte wie vallah oder moruk richtig auszusprechen.

Auch echte Rapper geben sich die Ehre

Skylines tickt da anders, denn neben der Arbeit von Schanz sorgen auch das grandiose Storytelling und vor allem die bekannten Gesichter aus der deutschen Rapszene für Authentizität. Unter anderem geben sich Chelo&Abdi und MC Bogy die Ehre, die alle sich selbst spielen. Außerdem spielt Olexesh einen Rapper bei Skyline Records und Nimo überzeugt als Drogendealer. Diverse Rapper haben auch beim Drehbuch und der Musik mitgearbeitet, beispielsweiße sind Azad und Azzi Memo für einen Großteil der Texte verantwortlich und die Titelmusik kommt von Haftbefehl. Für die Beats war übrigens der Produzent Bazzazian zuständig, wobei er wirklich abgeliefert hat – die ballern einfach nur böse. Und das ist auch gut so, denn was gäbe es schlimmeres als eine Rap-Serie mit schlechtem Soundtrack.

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Bildquelle: Netflix Media

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