Social-Scoring: Ein (a)soziales System?

Zahlen auf einer Anzeigetafel. Bild: Unsplash

Überwachung und Digitalisierung sind wohl einige der zentralen Themen unserer Zukunft. In anderen Teilen der Welt erleben wir eine Verschmelzung dieser beiden Begriffe: In China gehört die digitale Überwachung und die darauf basierende Bewertung der Bürger*innen (wenn auch noch nicht vollständig umfassend) schon längst zur Realität. Die Bewertung umfasst dabei alle Lebensbereiche: Von sozialer Arbeit, über das Beseitigen von Hundehaufen bis hin zur Entscheidung, wen man heiratet. Alles hat Einfluss auf die Zahl, die den „Social-Score“ und somit auch den gesellschaftlichen Wert der betreffenden Person angibt. Diese Aspekte eines Bewertungssystems für Menschen mögen uns bizarr erscheinen, jedoch gibt es auch hierzulande Befürworter dieses Systems. Woran könnte das liegen? Und ist unser Bedürfnis nach Sicherheit wirklich stärker als unsere Sehnsucht nach Freiheit?

Social-Scoring nach chinesischem Vorbild?

Obwohl das „Sozialkredit-System“ noch nicht im ganzen Land einheitlich ist und sich von Region zu Region unterscheidet, so ist doch ein einheitliches Scoring-System für das ganze Land geplant und wird voraussichtlich schon in kurzer Zeit realisiert werden. Dabei konnte man schon sehen, welch gravierende Auswirkungen das Sozialkredit-System in China für die Bevölkerung hat. Hierzulande wird häufig argumentiert, dass jemand, der sich nichts zu Schulden kommen lässt und sich stets korrekt verhält, auch nichts zu befürchten habe. Liebhaber von Klassikern der Literatur sehen mit Blick auf die Entwicklungen in China, dass es sich bei den Szenarien von „1984“ und „Schöne neue Welt“ in diesem Teil der Welt längst nicht mehr um bloße Fiktion handelt.

Als ich im letzten Jahr meine Freundin in Shanghai besucht habe, konnte ich erleben, wie subtil und doch selbstverständlich die digitale Überwachung Teil des Lebens im Land geworden ist. So ist es unmöglich, eine Handykarte zu kaufen, ohne dass dabei persönliche Daten gespeichert und Fotos gemacht werden. Zudem werden am Flughafen und an anderen Orten wie Museen und weiteren öffentlichen Einrichtungen mehrmals die Fingerabdrücke registriert und auch in Bezug auf die Bezahlung von Dienstleistungen wird häufig auf lokale Apps und Zahlungssysteme zurückgegriffen.

Einem Bericht zufolge ist das „Social-Scoring“, das bereits seit ungefähr zwanzig Jahren probeweise genutzt wird, von dem man als Tourist jedoch kaum etwas mitbekommt, auf dem Weg zu einem das ganze Land einschließenden, einheitlichen Bewertungssystem. Wie ungerecht dieses Sozialkredit-System schon in seinen grundlegenden Prinzipien ist, fällt spätestens auf, wenn man bedenkt, dass für bestimmte Bevölkerungsgruppen wie etwa für die unterdrückten Uiguren, ein anderes System existiert, als für den Rest der Bevölkerung. Diese haben keinerlei Möglichkeiten des sozialen Aufstiegs, werden dafür aber auf noch schärfere Weise überwacht wie die chinesischen Bürger.

Jedoch kann es auch für die ethnische Mehrheit der Han-Chinesen schwierig werden, wenn diese sich nicht an den Verhaltensweisen orientieren, die die Regierung vorgibt. Alltägliche und für uns völlig normale und bedeutungslose Entscheidungen können dazu führen, dass man keine Flugtickets mehr kaufen kann. Wer beispielsweise nach der Meinung der Partei zu oft und zu viel Alkohol im Supermarkt einkauft, muss damit rechnen, mit massiven Einschränkungen in allen Lebensbereichen bestraft zu werden – und zudem öffentlich an den Pranger gestellt zu werden. Denn Menschen, deren Social-Score einen gewissen Wert unterschreitet, werden mit dazugehörigem Foto auf Leinwänden in den Städten angezeigt, sodass andere über das schlechte Verhalten des Bürgers informiert sind. 

Sprachbegeistertes Bauernkind mit Fernweh und Leidenschaft für Straßenkunst und Videospiele. Zudem Leserin von Büchern aller Art und stets auf der Suche nach der perfekten Formulierung.