TikTok-Epilepsie

Konzert

Das Handy – ein Stück Technik, das aus der rechten Arschbacke wuchert. Keine Ahnung, wann ich zuletzt ohne das Ding rausgegangen bin. Beim Essen liegt es auf dem Tisch, allzeitbereit mir den nächsten Kick zu geben. Immerhin habe ich kein TikTok – auf den Zug bin ich nicht aufgesprungen. Vielleicht bin ich auch schon zu alt dafür. Videos in Fastmotion und Leute mit piepsigen Stimmen zieren den Pixelbildschirm. Keinen Moment, sich auszuruhen, dann kommt schon der nächste epileptische Anfall und schwupps sind zwei Stunden vorbei.

Generation Z

Wenn ich mich mit meinem aus der Generation Z stammenden Bruder unterhalte, dann ist da auch immer das Handy oder die Ohrstöpsel, der eine lässig über das Snipe-T-Shirt hängend, der andere im Ohr. Ich fühle mich ungehört und irgendwie ist es auch ein bisschen gruselig. Ich selbst versuche es besser zu machen, wenn ich mich mit Freunden treffe oder Sport mache, dann kommt die Zeitfressermaschine fort. Aber ich spüre sie immer noch, allgegenwärtig in meiner Hosentasche. Vor allem wenn ich gestresst bin, hänge ich daran wie ein Baby an der Brust. Ablenkung vor dem stressigen Alltag, rede ich mir ein. Ich schaffe es sonst nicht den Kopf abzuschalten, also Onlinelooking bei Asos und Co. Kaufe mir dann wieder doch nichts.

Bei der Musik ist es nicht anders. Immer wieder höre ich mir die deutschen Charts an, jedes Mal denke ich, schrecklich. Dauerten die Lieder früher noch zwischen 3 und 5 Minuten, verknappt sich der Trend nunmehr auf eine 2-Minuten-Bespaßung. Irgendwie bestehen die Lieder nur noch aus Refrain und undeutlich gesprochenen deutschen Sätzen. Es scheint mir manchmal, als sei alles um mich herum zum Konsumgut verblasst: Überall Fastfashion, Fastmusic und Fastvideos. Genießen? Fehlanzeige!

Es gibt keine Barrieren mehr, die Grenzen sind fließend. Die Filme nur noch höhepunkt, das Leben ein dauerwährender Orgasmus.

Langweilig, sage ich mir hundert Mal, reiße mir das schwarze Ding vom Leib und versuche der Versuchung zu entgehen, mich der Sucht zu entreißen. Manchmal klappt es. Manchmal nicht. Solange ich unterwegs bin, komme ich klar, bin ich aber allein, ist das Zeitlupendasein, in dem an manchen Tagen einfach nichts passieren will, unerträglich. Im Urlaub geht das wiederum, inmitten von Sand, Meer und Sonnenbrillenromantik gleicht meine Identität der eines vor sich hin schlürfenden Italieners. Einfach mit dem Flow gehen ist im Alltag gar nicht so leicht, wenn sich in den eigenen vier Wänden alle Lebenszeiten miteinander verbinden. Inmitten von Bildschirmbelichtungszeit, Arbeit, Freizeit, Schlafen, Essen und Kuscheln vermischt sich all das zu einem überlagernden Kaleidoskop. Untrennbar miteinander vereint, führe ich eine Existenz zwischen on -und offline.

Das Konzentrieren fällt mir zeitweise schwer. Und ich finde es höchst kritisch, dass man ständig etwas tun und erreichen muss, das ganze Leben geplant sein will, nur Erfolg wirklich zählt. Ruhe und Urlaub, das muss verdient sein. Nichts einfach so, nichts nur für uns. Wann beschäftigen wir uns mal mit nur einer Sache? Einfach mal nur Musik hören, wie in der Jugend, als man verliebt war und Stunden damit zubrachte, das eine Lied auf Dauerschleife zu hören und an die große Liebe zu denken? Für Kopfkino keine Zeit. Wenn ich mit meinem Gen-Z-Bruder einen Film ansehe, dann ist er die Hälfte des Filmes am Handy, kann schon eine Geschichte am Stück nicht mehr ertragen und auch ich kenne das Gefühl. Wenn nichts passiert, ist schnell in die Hosentasche gegriffen.

Als Bücherwurm das Licht der Welt erblickt, verzehrt sie auch heute noch Kästner, Precht und Heidegger zum Frühstück. Auf der Suche nach der perfekten Metapher treibt sie das Fernweh in die schönsten Schlupfwinkel der Erde. Wenn sie nicht schreibt oder liest, findet man sie in den Bergen, beim Klettern, oder auf ihrem Pferd durch die Großstadtprärie reitend.