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Was löst die aktuelle Popmusik in unserem Kopf aus?

Songwriting und melodische Strukturen haben sich in den letzten Jahren enorm geändert. Popmusik im Jahr 2016 hat eine besondere Wirkung auf unser Gehirn.

„Don’t Worry Be Happy“, „Lemon Tree“, oder “House of the Rising Sun” – All diese Songs haben etwas gemeinsam, das in der Musikbranche als  Fluch und Segen zugleich gilt: Sie sind typische One-Hit Wonder. Die Songs kennen wir in- und auswendig – bei den Namen der Interpreten wird’s meist schon schwieriger.

Was früher wichtig war, scheint im Jahr 2016 geradezu unumgänglich: Den einen ganz großen Hit zu schreiben. Denn One-Hit Wonder können heutzutage zu ungeahntem Ruhm führen: Ein einziger viraler Song macht einen unbekannten Künstler über Nacht zum Weltstar und beschert ihm massenhaft ausverkaufte Konzerthallen. Ein geradezu trügerischer Erfolg: Denn nur diejenigen, die echte Motivation aufbringen und auch an weiteren Hits feilen, bewähren sich auf lange Zeit. Doch wer schreibt heutzutage überhaupt noch an eigenen Songs?

Tatsächlich sind berühmte Singer-Songwriter heute eine Rarität geworden. Es gibt sie nicht mehr, die Billy Joels oder Michael Jacksons, die für den Text und die Melodie fast aller ihrer Songs selbst verantwortlich waren. All die Songs, die uns nicht mehr aus dem Kopf gehen, weil sie im Radio rauf und runter gespielt werden, stammen letztendlich immer wieder von den selben drei Produzenten: Max Martin, Dr. Luke und Benny Blanco, den tragenden Kräften im Hintergrund. So gut wie alle Mega-Hits von Katy Perry, Britney Spears oder Taylor Swift tragen beispielsweise Max Martins Handschrift.

 

Das Strophen-Refrain-Schema ist mittlerweile veraltet

 

In den letzten Jahrzehnten hat sich vieles getan im Musikgeschäft – Doch was uns wohl alle am meisten betrifft ist das geänderte Song-Schema. Früher folgten Lieder einer einem einfachen Konzept: Auf die Strophe folgt der Refrain, auf diesen wiederum die zweite Strophe, dann die Bridge und abschließend wahlweise der Refrain variiert. Dieses gängige Konzept scheint nun langsam aber sicher von einem neuen Schema abgelöst zu werden: Der sogenannten „Track-and-Hook-“Methode. Dabei ist ein Produzent für den Beat und die Akkordabfolge eines Songs verantwortlich und der sogenannte „Topliner“ anschließend für eine möglichst eingängige Melodie und den Refrain mit einer aussagekräftigen Hookline.

Generell arbeiten einem einzigen Song mittlerweile viele verschiedene Spezialisten mit. Es gibt Verantwortliche für die Strophen, die Bridge und die Lyrics. In seinem Buch „The Song Machine: Inside the Hit Factory“ schreibt der Kulturjournalist John Seabrook:  “Die Track-and-Hook-Methode erlaubt unterschiedliche Spezialisierungen, die das heutige Songwriting zu einem fast schon versammlungsähnlichen Prozess machen. Man könnte glauben, dass an einer Fernsehserie gearbeitet wird, nicht an einem Song.“

Ein Beispiel, Sia:

 

Singer-Songwriter sterben aus

 

Tatsächlich gibt es in den Charts kaum noch Pop Hits, die von einer einzigen Person geschrieben wurden. Im Oktober 2015 trugen unter den amerikanischen Billboard Hot 100 nur zwei Songs die Handschrift zweier alleiniger Künstler: „Hit the Quan“ von Richard Colbert und „Stressed out“ von der Band Twenty One Pilots, geschrieben von Tyler Joseph. Das sah vor zehn Jahren noch ganz anders aus.

Eins der wichtigsten musikalischen Stilelemente der „Track-and-Hook-Methode“ ist außerdem die ständige Wiederholung. Studien belegen, dass die Konzentrationsspanne der Menschen kontinuerlich sinkt, weshalb Musikproduzenten hoffen, repetitiv am ehesten Wiedererkennungswert zu schaffen: „Es muss eine Hook im Intro geben, im Refrain und in der Bidge“, erklärt Jay Brown, der CEO des Labels Roc Nation, in einem Interview mit der pigeonsandplanes.com. „Im Schnitt geben die Menschen einem Song beim Radiohören sieben Sekunden, bevor sie umschalten. Deshalb ist die Hook das wichtigste.”

 

Die aktuellen Songs schaffen Vertrautheit

 

Ob das wirklich gutem Songwriting entspricht, ist natürlich Geschmackssache. Aber das Konzept hat definitiv psychologischen Hintergrund: “Wenn wir genau wissen, was in ein paar Takten kommen wird, entsteht schon bei der Vorstellung daran eine innere Vofreude. Wir haben das Gefühl, an der Musik teilhaben zu können. Das gefällt vielen Menschen, weil es ein bisschen wie soziale Kommunikation ist.“, erklärt Elizabeth Margulis, die Direktorin des „Music Cognition Labatory“ an der University of Arkansas. Das Labor beschäftigt sich überwiegend mit der Frage, wie Musik auf uns wirkt.

Eine im Jahr 2011 durchgeführte Studie ergab sogar, dass wir, solange uns ein Song vertraut ist, immer eine gewisse Bindung zu ihm aufbauen – auch wenn wir den Song nicht besonders mögen. Das Gefühl von Wiedererkennung und Vertraulichkeit hat auch eine Wirkung auf unser Gehirn: Es setzt Dopamin frei, einen Wirkstoff, der Glück und Motivation in uns hervorruft. Es gibt also einen Grund, warum sich scheinbar ständig wiederholende Songs unglaublichen, kommerziellen Erfolg einheimsen. Offensichtlich anspruchslose Melodien wie Taylor Swifts aktueller Hit „Into the Woods“ (Der Refrain besteht ungefähr aus einem Ton) werden von der breiten Masse deshalb wohl immer angenommen werden – zumindest das ist sicher in diesem Musikgeschäft.

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Bildquelle: William White unter CC 0 Lizenz

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