Tod Sterben Konfrontation Leben Lebensqualität Genießen Wertschätzung

Von Judith Poznan

Hast du dich schon mal gefragt, was im Falle deines plötzlichen Todes mit deinem Facebook-Profil geschehen soll? Oder würdest du jetzt spontan einfach sagen, es ist dir völlig egal, weil du ja sowieso tot bist und dich nur dein virtuelles Leben dann noch weniger interessieren könnte als dein reales? Ganz egal welche dieser beiden Möglichkeiten du in Betracht ziehst, du hast dich soeben mit deiner eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Und das ist sehr gesund: Mehr Lebensbejahung geht nämlich nicht. Kein Scheiß – und ich erkläre auch, warum.

 

Vor ein paar Jahren rief mich ein Kumpel an: „Lass mal zu The xx gehen. Die planen da so eine Art Mini-Festival“, hat er gesagt, „klar“, habe ich geantwortet, „bin auch Fan von denen. Ich kaufe mir ein Ticket.“ Das Gespräch war damals Ende Dezember, das Konzert fand im darauffolgenden Mai statt. Mein Freund starb irgendwann dazwischen.

 

Konfrontation für Beginner

Da saß ich dann also auf meinem Ticket. Was für eine bodenlose Frechheit, einfach so zu sterben. Jetzt muss ich hier entscheiden, was ich mit dem verdammten Ticket mache. Einlösen? Verkaufen? Rahmen? Am besten erst mal aus dem Sichtfeld schaffen, weil die Entscheidung darüber gerade irgendwie nicht in meinen Tag passt.

 

Die Frage nach der Verwendung war natürlich mehr als irgendein bescheuertes Ticket; es war die Ratlosigkeit über den Tod meines Freundes. Denn Sterben, mal ehrlich, das tun immer nur die anderen. Bestenfalls niemand, den ich kenne. Und jetzt leuchtete das Rätsel um mein eigenes Dasein neonfarbig und mit Fragezeichen über mir. Im Grunde wissen wir zwar, dass wir alle limitierte Ausgaben sind, aber gefühlt ist die Lieferzeit für immer. Und das ist auch gut so, warum sonst auch nächtelang an Abschlussarbeiten sitzen, für Langzeitprojekte bewerben, Pläne schmieden?

 

Ganz egal, an welchem Tisch ich mit Leuten sitze, sobald das Wort Tod fällt, schlägt spätestens nach drei Minuten einer vor, das Thema zu wechseln. Zu traurig, zu hoffnungslos, „Das Hier und Jetzt müsse man doch genießen“. Dabei werfe ich den meisten meiner Bekannten vor, dass sie gar nicht wissen, wie man das überhaupt richtig anstellt, mit dem Hier und Jetzt. Statt über den Tod sprechen sie dann lieber darüber, wie schlecht es gerade in Beziehung und Job läuft. Die Gespräche sind oft gefüllt mit Unzufriedenheit. Selten höre ich: Meine Freundin hat mich betrogen, mir geht es schlecht, aber ich fühle trotzdem noch die Luft in meiner Lunge.

 

Ich lebe mit einem Toten in meiner Freundesliste

Mein Freund hat sich damals keine Gedanken über sein Facebook-Profil gemacht. Irgendjemand hielt es für eine gute Idee, das Profil nicht zu löschen, sondern zu verwalten. Ja, das geht tatsächlich. Wann immer ich ein Event auf Facebook organisiere, wird mir sein Name als einzuladender Gast vorgeschlagen. Manchmal sehe ich noch den Anstupser oben rechts. Und an seinem Geburtstag überkommt mich die Neugier, wer denn noch so an ihn denkt. Jedes Mal durchzieht es meinen ganzen Körper: Es nervt mich sehr. Er ist ja auch sehr tot. Den Unfriend-Button zu klicken, bringe ich dennoch nicht übers Herz. Ich lebe also mit dem Toten in meiner Freundesliste. Es klingt makaber, aber so ist es.

Irgendwann beim Durchklicken seiner alten Bilder geschah dann etwas Unglaubliches mit mir: Die Verdrängung löste sich, der Schmerz setzte ein und die Angst vor dem Tod gleich mit. Um einen Weg aus der Misere zu finden, beschloss ich, mir die volle Bandbreite Sterbe-Topic zu geben und fing als Erstes an, über meinen Nachlass zu sinnieren. Ich verfasste auf schönstem Papier mein Testament; nicht weil ich viel Teures zu vererben hätte, sondern weil selbst die kleinsten Gegenstände in meiner Wohnung von unschätzbarem persönlichem Wert sind. Ein Knaller wäre doch auch eine Dia-Show auf meiner Beerdigung, begleitet von den Hits, zu denen wir in unserer Lieblingsbar tanzten.

 

Und wo möchte ich überhaupt mal liegen? Ich fing an, Friedhöfe aufzusuchen wie andere Wohnungen besichtigen. Ah, die Eiche da ist wirklich schön. Eigentlich ist hier überhaupt alles schön. Kann ich jetzt schon unterschreiben?

 

Umgeben von all diesen toten Menschen fühlte ich mich auf einmal lebendig. Die Obsession mit dem Tod ist jetzt voll mein Ding geworden: Andere gehen zum Yoga, ich bastle mir zu Hause einen hübschen Umschlag für meinen Organspende-Ausweis. Den stecke ich auch vor jedem Festival als Erstes ein. Alle meine Passwörter sind an einem sicheren Ort versteckt und zwei Leute wissen, wo man dann im Ernstfall hin muss. Es beruhigt mich, zu wissen, dass ich wenigstens etwas vorbereitet habe, falls ich morgen gehe. Ich fühle eine gewisse Kontrolle über das, was mir so furchtbar Angst macht.

 

Lebensbejahung für Sterbliche

Man könnte jetzt behaupten, das sei irgendwie gestört und so gar nicht gesund, aber es sind eben solche Gedanken der Konfrontation, die wir brauchen, um den Stress mit dem Tod abzubauen. Tatsächlich ist es mittlerweile so, dass wenn ich gerade in Deadlines versinke, mir Sorgen um meinen Kontostand mache oder traurig bin, weil mir dieser Typ einfach nicht antwortet, ich kurz durchatme und mir denke: „Ich kann morgen tot sein. Wie wichtig sind all diese Dinge gerade wirklich?“ Wenn ich befinde, dass es nicht so wichtig ist in Anbetracht eines möglichen plötzlichen Erstickungs-/Ertrinkungs-/Verbrennungs-/Unfalltods, dann – Überraschung!-, werde ich automatisch ruhiger und könnte meinen Problemen nicht gelassener gegenübertreten.

 

Ich versuche seitdem deshalb auch, Konflikte mit anderen schnell zu lösen. Morgen stirbt jemand und unser letztes Gespräch wäre nicht liebevoll gewesen: Bei diesem Gedanken bekomme ich Beklemmungen. Ergo, ich bin viel einfühlsamer geworden. Anstatt anderen ihre Fehler vorzuhalten, fällt es mir leichter, jemandem direkt ins Gesicht zu sagen, wie toll ich finde, was gerade gemacht oder gesagt wurde. Du bist schön, du bist mir wichtig, danke für diesen Moment. Sätze, die viel zu selten fallen, weil das Gute als viel zu selbstverständlich hingenommen wird.
Zu dem Konzert bin ich damals nicht gegangen. Ich saß zu Hause und habe geweint. Sollte die Band allerdings jemals wieder nach Berlin kommen, werde ich mir ein neues Ticket kaufen. Ich werde tanzen, singen und lachen. Mir ein Bier kaufen und auf meinen Freund anstoßen. Und auf das Leben und die Liebe.

 

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Bildquelle: Priscilla Westra unter cc0 1.0