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Straight Edge: Die Spießer von heute?

Kein Alkohol, kein Sex und keine Drogen – das sind nicht die Aufnahmebedingungen für den Klostereintritt, sondern der Grundsatz der Straight Edge-Bewegung.

Spießer – das sind die, die Anfang 20 schon den Bausparvertrag bei der örtlichen Sparkasse abgeschlossen haben und die, die Mitte 20 schon vollkommen in der Familienplanung aufgehen. Zwei Kinder, erst Junge, dann Mädchen. Die, die das Reihenhaus im Vorort beziehen. Die Nachbarn, die um fünf nach zehn an deiner Haustür klingeln und sich über deine Musik in Zimmerlautstärke beschweren. Die, die den Kopf schütteln, wenn du mittags quasi nur mit einer Fahne bekleidet aus der Wohnung eines Menschen taumelst, dessen Namen du schon wieder vergessen hast. Die, die “höchstens mal ein Gläschen Sekt” zu Silvester trinken; die, die das bisschen Gras am Wochenende als Anzeichen dafür werten, dass du ein asozialer Penner auf der schiefen Bahn bist. Leute, die nie trinken, nicht rauchen und nicht rumvögeln, sind Spießer – zugeknöpft und spaßbefreit. Oder?

 

Don’t smoke, don’t drink, don’t fuck

 

Unser Bild von abstinent lebenden Menschen ist meistens so gut wie vorgefertigt. Wer da überhaupt nicht reinpasst, sind die Mitglieder der Straight Edge-Bewegung, abgekürzt auch sXe genannt. Großzügig tätowiert, gepierct und in Hardcore-Band-Shirts gehüllt, vermutet man – Schubladendenker, der man ist – die meisten Straight Edger wohl am ehesten vor Konzertbühnen, Bier in der Rechten und Jägermeister in der Linken, und einer schnellen Nummer nach dem Konzert auch nicht gerade abgeneigt. Weit gefehlt – zumindest was Alkohol und Sex angeht. „Don’t smoke, don’t drink, don’t fuck! At least you can fucking think!“, heißt es in einem Song der Band Minor Threat, die der Szene in den 1980ern durch ihren Song „Straight Edge“ einen Namen gab und als Mitbegründer der damaligen Jugendbewegung gilt. Kein Alkohol, keine Drogen, kein Sex – das sind die Grundsätze der Straight Edge-Ideologie, die aus der Hardcore-Szene heraus entstand. Wobei sich die Geister in der Szene vor allem in der Definition von Drogen und der Auslegung des Grundsatzes „Don’t fuck“ scheiden.

 

 

Während einige lediglich Alkohol, Rauschmittel und Nikotin als Drogen ablehnen, gehen andere soweit, auch Koffein als abhängig machende Droge zu meiden. Auch beim Thema Sex gehen die Auffassungen auseinander. Die einen lehnen Sex vor der Ehe ab, die anderen sehen das Ganze entspannter. “In einer Beziehung darf man so viel Sex haben, wie man will. Auch außerhalb ist das kein Problem. Eigenes Handeln und Denken sollte davon aber nicht zu sehr beeinflusst werden”, sagen die beiden Straight Edger Florus und Melanie gegenüber dem Webmagazin unter-anderen.de. Es ginge eher darum, seine Triebe im Griff zu haben, heißt es auf der Seite. Sich nicht abhängig zu machen scheint das Ziel der Straight Edger zu sein. Weder von Alkohol und Zigaretten, noch von Drogen oder dem Bedürfnis nach Sex. Welche Auffassung die Anhänger auch haben möchten, eins haben alle gemeinsam: Die drei Grundsätze und das große, schwarze X, Erkennungszeichen der Straight Edger, das viele tätowiert haben und das Bands sich vor Auftritten auf den Handrücken malen. Früher auf die Handrücken von Minderjährigen gemalt, um zu signalisieren, dass man ihnen nichts ausschenken darf, nutzen die Edger das X als Statement für ihre Abstinenz.

 

 

 

Veganer, Radikale und Homosexuelle

 

So unterschiedlich die einzelnen Auslegungen der Grundsätze der Szene sind, so vielfältig sind auch die Gruppierungen innerhalb der Bewegung. Die wohl verbreiteste Strömung ist wohl „Vegan Straight Edge“. Veganismus oder Vegetarismus gehört für viele „Edger“ zur Philosophie dazu. Unschuldiges Leben solle nicht verletzt werden, weshalb keine Tierprodukte konsumiert werden dürften, propagierte die Band Vegan Reich Anfang der 90er-Jahre. Doch Ideologie kann schnell zu Dogmatik werden. Ein Teil der Szene schlug sich auf die Seite militanter Abtreibungsgegner und ging zu Schwulenfeindlichkeit über. “Wirkliche Hardliner müssen sich darum bemühen, den Rest der Welt von ihren Ketten zu befreien. Manchmal wird das heißen, Leben zu retten;und manchmal wird das heißen, Gerechtigkeit walten zu lassen in Bezug auf jene, die Leben zerstören”, heißt es im Hardline Manifesto von Vegan Reich.

 

Ähnlich radikal sind die Anhänger des Hate Edge, die die Ideologie mit Gewalt durchsetzen wollen und die Grundsätze des Straight Edge radikalisieren. „Sex haben sie nur, um Kinder zu bekommen“, heißt es auf unter-anderen. Zudem gibt es noch Gruppierungen wie die NS Straight Edger, die „versuchen, mit ihrem simplen Rechts-Rock Jugendliche in die rechtsextreme Szene zu ziehen“ und die Satanischen Straight Edger. Mit den radikalen Strömungen der Szene haben vor allem die Gay Edger zu kämpfen, die zwar nach den selben Regeln leben, von militanten Edgern jedoch abgelehnt werden.

 

Ist das nicht irgendwie spießig?

 

„Trotzdem geht es bei Straight Edge auch darum, sich durch Selbstdisziplin von den Zwängen und Verführungen der Spaßgesellschaft zu befreien. Der Protest gegen schnelllebigen Konsum – das hat der Bewegung den Ruf eingebracht, irgendwie verkrampft zu sein“, heißt es im Spiegel.

Worte wie „Spaßgesellschaft“ und „Selbstdisziplin“ klingen ja naturgemäß nach Spießertum. Aber sind die Straight Edger denn jetzt die Spießer von heute? Rein optisch wohl eher nicht. Und auch sonst leben die Anhänger von Straight Edge zwar einen dermaßen sauberen Lebensstil, den man sonst nur von “Clean Eating”-Instagram-Mäuschen und Möchtegern-Bloggern gewohnt ist, haben mit einem Spießer aber denkbar wenig gemeinsam. Denn der eben genannte zeichnet sich ja bekanntlich durch Engstirnigkeit, Kleinlichkeit und seinen beschränkten Horizont aus. Ein Konformist, der dafür zu leben scheint, andere zu verurteilen und sich durch nichts und niemanden von seiner Sicht der Dinge abbringen lässt. Die Straight Edger sind eigentlich genau das Gegenteil: Sie haben sich für einen Lebensstil entschieden, der vielen Leuten einer grundsätzlich hedonistischen Konsumgesellschaft vor den Kopf stoßen mag und stehen dazu. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie ihre Werte auch ihrem Umfeld aufzwingen oder sich aus ihren Freundeskreisen isolieren müssen. “Ich rede oft über meine Lebenseinstellung mit Leuten, die sich am Wochenende richtig wegschießen”, sagt David, Drummer der Band The Mokicks, in einem Interview mit dem Spiegel. “Wenn sie mir erklären, warum sie das tun, kann ich das absolut verstehen. Ich suche den Rausch in anderen Dingen, fahre Motocross oder BMX oder spiele Schlagzeug. Da kann ich komplett abschalten und geistig entspannen wie andere bei einem Besäufnis“.

Bewusster leben, ohne abhängig zu sein – hört sich gar nicht so schlecht an. Um sich eine komplette Hardcore-Show zu geben, bräuchten einige von uns aber wohl doch das ein oder andere Bierchen.

 

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Bildquelle: Felix Russel-Saw unter CC0-Lizenz

 

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Kommentare

  1. Sehr guter Artikel! Interessant und gut recherchiert. Aber musste dieser typische, witzig gemeinte aber auch erzwungener Abschluss sein?
    “Bewusster leben, ohne abhängig zu sein – hört sich gar nicht so schlecht an. Um sich eine komplette Hardcore-Show zu geben, bräuchten einige von uns aber wohl doch das ein oder andere Bierchen.”
    Hätte man nicht schreiben können, dass es auch einen Selbstversuch ankäme beim nächsten Konzert in der Nähe? Wenn man schon über eine ideologische Strömung schreibt, muss man das Ganze doch nicht mit 08/15 abschließen… Naja, ist meine persönliche Meinung. Nicht bös’ gemeint.

    Benny / Reply

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