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Streetfood-Markets: Don’t believe the Hype

Es gibt Dinge, die sich für jeden Anfang zwanzig falsch anfühlen: Junggesellenabschiede oder blondierte Männerfrisuren. Und neuerdings: Streetfood-Markets.

Von Jan Karon

Ich kenne Streetfood aus meiner Zeit in den Vereinigten Staaten. Die Stadt Portland rühmt sich mit Food Carts, also offenen Trucks, aus denen ausgewählte Gerichte verkauft werden. Sie sind an verschiedenen Orten der Stadt versteckt, und kennt man die richtigen, findet man an Sackgassen-Enden oder Uferpromenaden hervorragende Alternativen zum Fastfood-Betrieb.

In den USA gibt es ganze Reiseführer, die sich darauf spezialisieren, besonders gute Food Trucks zu empfehlen. In Seattle verabschiedete der Stadtrat Gesetzte, die den Verkauf von Streetfood erleichtern und ankurbeln sollen. Und in San Francisco finden sogar Jahr um Jahr mehrere Festivals des Straßenschlemms statt.

Im Prinzip gibt es keinen ersichtlichen Grund, Streetfood schlecht zu finden. Es macht den städtischen Alltag lebenswerter, indem kulinarischen Besonderheiten aus aller Welt angeboten werden. Die servierten Gerichte sind preiswert und bieten Kochpassionierten die Möglichkeit, Erfüllung zu finden und sich selbstständig zu machen.


In der Mitte der Gesellschaft

 

Vor einigen Wochen lies mich aber das Autoradio auf dem Weg zum Supermarkt aufhorchen: Live-Berichterstattung von der „Street Food Arena“. Die „Street Food Arena“ ist die XXL-Version eines Marktes, der seinen Besuchern kulinarische Besonderheiten anbietet. Sie findet in der Frankfurter Commerzbank-Arena statt und versammelt an einem Wochenende mehr als 15.000 Besucher an mehr als 30 Garküchen. Wo normalerweise Eintracht Frankfurt-Ultras Bieratem geschwängerte Parolen brüllen, können an diesem Wochenende Kinder auf Hüpfburgen spielen, lokale Bands ihre neusten Lieder performen und Familien Farinatas und Samosas snacken.

Die Sendung brachte mich ins Grübeln, denn eigentlich, so dachte ich zumindest, sei Streetfood eine Art Geheimtipp: in Asien an der Tagesordnung, in den USA en vogue, in Deutschland noch nicht wirklich bekannt. Wenn aber ein Sender wie Big.FM über Live Cooking-Performances von der „Street Food Arena“ berichtet, ist das keine Nische mehr. Ist Streetfood also im Mainstream angekommen?

Ernüchtert, aber um Erfahrung reicher

 

Ich beschloss, mir ein eigenes Bild von Streetfood in Deutschland zu machen. Denn zugegeben: Das mit dem Geheimtipp war gelogen. Dass Streetfoodmärkte im Kommen sind, war nach unzähligen Facebook-Einladungen auch mir kein Geheimnis mehr. Auf der Website, die die Veranstaltung bewarb, waren Sätze zu lesen wie: „Die 7-jährige Lena findet ihren Frozen Yoghurt mit Müsli und Himbeersoße super lecker.“ Das klang nun wirklich nicht nach Geheimtipp.

Das Spektakel findet an einem großen Messplatz statt. Etwa 15 Essensstände sind kreisförmig auf der trostlosen Fläche aufgestellt. Vor den einzelnen Foodwägen reihen sich lange Schlangen auf. Menschen sind anscheinend bereit, eine halbe Stunde auf diverse Köstlichkeiten zu warten. An einem Pavillon wird Eichbaum-Bier ausgeschenkt. In der Platzmitte stehen Bierbänke und Tische, an denen Familien mit schreienden Kindern fettfingrig von Papptellern mampfen. Ein paar Studenten fotografieren ihr Essen mit ihren Smartphones. Neben ihnen findet sich eine Gruppe von Schülern ein, die grölend ihre befüllten Plastikbecher für ein Trinkspiel nutzten. An unserem Tisch unterhalten sich zwei junge Männer über die anstehende Bundesliga-Saison.

Ich gehe also eine Runde um den Platz, begutachte das Essensangebot. Ich entscheide mich für ein Pulled Pork-Sandwich, meine Begleitung ist bei eritreischen Fladen mit Linsenpaste. Das Highlight des Street-Food-Markets ist aber ein mobiler Speisewagen von Weber – der Marke, die auch das Zubehör für den deutschen Grillsommer bereitstellt. Darin brutzeln Ferkel, die von einem greisen Mann alle paar Minuten mit Wasser bespritzt werden, während Besucher die Darbietung beglotzen, als sei es Performance-Kunst. Etwas ernüchtert setzen wir uns wieder auf die Bierbank, essen die mickrige Portion, die wir für sieben Euro erstanden haben, loben das Essen – in höchsten Tönen loben wir das Essen! – und beschließen den Streetfood-Market relativ zügig zu verlassen. Wahrscheinlich wegen des schlechten Wetters.

 

Der Nerv der Zeit

 

Der Siegeszug des Streetfoods ist ein Phänomen des 21. Jahrhunderts. Jedes Hintertupfingen besitzt mittlerweile einen eigenen Markt; „Street Food Weekend“ tourt, von Big.FM gesponsort, durch die Bundesrepublik. In Bangkok haben sich mittlerweile mehr als 20.000 (!) Streetfood-Verkäufer selbstständig gemacht. Es gibt Orte, die durch ihr Streetfood-Angebot berühmt geworden sind, zum Beispiel Gawalmandi in Pakistan oder die Forodhani-Gärten auf Sansibar. Und mittlerweile gibt es sogar erste Programme, die darauf abzielen, den Welthunger mit Hilfe von Streetfood zu bekämpfen.

In der westlichen Welt spiegeln die Märkte aber vor allem den hiesigen Zeitgeist wieder: Das Essen auf Streetfood-Märkten erfreut sich großer Beliebtheit, weil es hochwertiger als Fastfoodketten, aber lässiger als ein Restaurant-Besuch ist: die Zutaten sind frisch und die Auswahl groß, man kriegt das Essen direkt auf die Hand, muss weder Trinkgeld zahlen, noch an einem Tisch Platz nehmen. Der schicke Ober in hochgeknöpftem Hemd wird zum bodenständigen Verkäufer in Küchenschürze, Porzellangeschirr weicht dem Pappteller (oder Bananenstaudenblatt). Und Tischmanieren werden überflüssig, ist ja schließlich „finger food“.

 

Surf-and-Turf-Burger schmecken besser als Big Macs und sind bequemer als ein exquisites Dinner

 

Ich frage mich aber im Ernst: Was soll das alles denn? Mich verlässt nicht das Gefühl, dass Menschen zu Streetfood-Märkten gehen, um gewissermaßen dekadent zu wirken – der abgespreizte kleine Finger isst im Geiste mit, man legt ja schließlich wert auf guten Geschmack! Gleichzeitig spricht das Programm auch die Vollatzen an, die biertrinkend an der Holzbank sitzen, und beim tollpatschigen Bierverkippen Witze reißen wie: „Du hast sie feucht gemacht, höhöhö!“. Dieser Widerspruch macht mich fertig. Ich gewann den Eindruck, dass die Märkte mit Essenswägen so etwas wie Jahrmärkte für die etwas cooleren sind. Mehr Lifestyle denn Essensbeschaffung – aber eben auch Kerwe.

Sollte auf Grund von Zielgruppenanalysen das Streetfood-Market-Inventar aber um Glücksrad und Tombola ergänzt werden, seid ihr mich los! Dann verzichte ich auf Fritz Cola und Chicken Tikka und geh zum Imbissmann meines Vertrauens. Dort drehen sich aufgespießte Wiesenhof-Brathähnchen vor meinen Augen und brauchen keinen designten Ausstellungswagen, in dem sie akribisch bespritzt und zur Schau gestellt werden. Umso länger ich darüber nachdenke, desto mehr bekomme ich Lust, mal wieder SchniPo und Pommes Schranke zu essen.

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