Morden als Jugendkultur: Warum radikalisieren sich junge Leute?

Nach den Terroranschlägen in Brüssel vor vier Wochen und Paris im vergangenen Jahr sind wir uns in einem einig: Der Terror des IS ist auch hier in Europa angekommen. Neben der Trauer, die uns mit den Opfern und den betroffenen Ländern verbindet, taucht noch ein Gefühl auf, das uns wohl alle seither begleitet: Ratlosigkeit. Ratlosigkeit, warum so viele unschuldige Menschen ihr Leben lassen mussten. Ratlosigkeit, wie solch schlimme Straftaten hier mitten in Europa ungehindert ausgeführt werden konnten. Und:Ratlosigkeit, warum sich junge europäische Menschen radikalisieren und im Namen einer Ideologie töten, die alle westlichen Ideen ablehnt.

Dabei müssen wir uns – haben wir es nicht längst getan? – von der Idee verabschieden, der IS wäre ein Problem des Nahen Ostens. Wir müssen aufhören zu glauben, Salafismus und Islamismus wären ein islamisches Problem. Und wir müssen lernen uns zu informieren, zu unterscheiden und uns eine differenzierte Meinung zu bilden, damit weder die Instrumentalisierung des Geschehenen noch die Radikalisierung junger Europäer hier in Europa weiterhin funktioniert. Auch wir haben uns die Frage gestellt, wie und warum sich hier in Europa junge Menschen radikalisieren, Leute wie du und ich, und somit einer ganzen Gesellschaft mit all ihren Werten und Ideen den Rücken zukehren und sie mit Füßen treten.

 

Salafismus: Das Tor zum Terror

 

Den Begriff „Salafismus“ kennen wir alle – irgendwie. Man liest ihn in der Zeitung oder hört ihn in den Nachrichten, aber was genau er bedeutet ist gar nicht so einfach zu erklären. Salafismus ist eine von vielen Ausprägungen des Islamismus. Sie ist derzeit die Dynamischste weltweit und wird von vielen Forschern als eine Art Jugendkultur verstanden. Jugendkultur ganz einfach deswegen, weil sich vor allem junge Menschen in diesen Strukturen und Organisationen radikalisieren und zur Mehrheit der Anhänger werden. Das „Dazugehören“ ist somit eine Art Protestbewegung. Ein Protest gegen den Staat, die Idee von einer freien Gesellschaft – und vielleicht auch ein Protest gegen die eigenen Lebensumstände.

In Deutschland leben derzeit über 7000 Salafisten; Tendenz steigend, berichtet Thomas Volk in einem Gespräch mit der Konrad Adenauer Stiftung. Erst einmal hat das natürlich nichts mit dem IS in Syrien und dem Irak zu tun. Aber der Salafismus ist oft das Tor zum Terror. Jugendliche werden anfangs vor allem über das Internet und die sozialen Netzwerke von der Ideologie überzeugt und langsam radikalisiert. Später spielen dann auch reale Kontakte eine wichtige Rolle im Radikalisierungsprozess. Natürlich wird dann nicht jeder oder jede zu einem Selbstmordattentäter oder geht sofort nach Syrien in den Dschihad. „Es gibt keine linearen Bewegungen, jeder rekrutiert sich selbst“, erklärte Dr. Christiane Nischler-Leibl, Leiterin der Organisationseinheit Radikalisierungsprävention im Bayerischen Sozialministerium in einer Podiumsdiskussion an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Es gibt also nicht den einen Weg der Radikalisierung, sondern viele verschiedene Wege. „Aber fast alle Terroristen, die wir kennen, hatten Kontakt zu Salafisten oder sind Salafisten“, so der frühere Präsident für Verfassungsschutz, Heinz Fromm.

 

Wer geht und wann?

 

Noch immer pocht da aber eine ganz wichtige Frage in unserem Kopf: Wer zum Teufel lässt sich in einem freien, demokratischen Land, wie Deutschland von einer Ideologie überzeugen, die die Frühzeit des Islams idealisiert und jedes von Menschen geschaffene Recht ablehnt?

Diese Frage ist wie erwartet nicht leicht zu beantworten. Die ideologischen Überzeugungen aller verschiedenen salafistischen Strömungen sind sehr homogen, wohingegen die Salafisten selbst eine sehr heterogene Gruppe darstellen. Holger Nitsch von der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung und Rechtspflege in Bayern erklärt, es gäbe ähnliche Lebensläufe, aber die Gruppe der Radikalisierten sei eine heterogene. Salafismus ist kein islamisches oder vorwiegend männliches Problem, sondern ein gesamtgesellschaftliches. Es radikalisieren sich vor allem Jugendliche; Männer wie Frauen. Religion spielt hier eine untergeordnete Rolle, auch viele Konvertiten schließen sich der salafistischen Szene an. Es gibt also keine bestimmte gesellschaftliche Gruppe, die besonders anfällig wäre.

Eine große Rolle spielt aber das soziale Umfeld. Die Botschaft ist eine einfache: Kameradschaft und Gleichheit werden ganz groß geschrieben, vor allem in den Anfängen der Radikalisierung. Begriffe, die bei vielen Jugendlichen eine große Sehnsucht auslösen – weil sie selbst in ihrem momentanen Leben weder wahre Freundschaft, noch bedingungslose Gleichberechtigung kennen. Die Gründe hierfür mögen unterschiedlich sein, aber alle Betroffenen sind auf irgendeine Weise stigmatisiert. Das heißt, sie fühlen sich in der Gesellschaft nicht richtig aufgenommen. Und finden in der salafistischen Ideologie dann einen neuen Lebenssinn.

Natürlich laufen nicht nur solche „Mitläufer“ dem IS in die Arme. Viele sind ganz einfach ideologische Überzeugungstäter, andere suchen als Kleinkriminelle einen Platz, an dem sie ihrer Gewalt freien Lauf lassen können. Die Gründe sind also sehr unterschiedlich, aber sie führen im schlimmsten Fall alle zum selben Endpunkt: Der Teilnahme am Dschihad in Syrien und dem Irak.

 

Cat Content des IS: Rekrutierung europäischer Kämpfer

 

Fällt der Begriff IS, denkt man an absolute Brutalität und grenzenlose Gewalt. Jeder kennt die Bilder, der berühmten Hinrichtungsszenen, in denen die Opfer mit orangefarbenen Gewändern vor ihren Schlächtern knien.

Die Strategien des IS sind aber viel vielfältiger als gedacht. „Der IS verfolgt eine sehr adaptive Strategie. Führt der eine Weg nicht zum gewünschten Ziel, versuchen sie einen anderen“, erklärt Dr. David Arn vom Institut Naher und Mittlerer Osten an der Ludwig-Maximilians Universität München im Gespräch mit ZEITjUNG. Sogar die Mehrheit der Propagandavideos des IS zeigen keine Gewalt. Ganz im Gegenteil: „Es gibt beispielsweise Szenen von Brotverteilung in Hospitälern. Man möchte vor allem Normalität und ein luxuriöses Leben in einem funktionierenden Staat propagieren“, sagt Arn.

Auf Twitter findet man sogar süße Bilder von Katzen, die auf den Kalaschnikows ihrer mörderischen Besitzer herumturnen. Die IS-Kämpfer wollen sich selbst als ganz normale Menschen darstellen. So paradox es sein mag – sogar der im Westen so populäre Cat Content gehört also zu den Rekrutierungsstrategien der terroristischen Vereinigung. Man versuche vor allem mit Bildern und nicht so sehr mit Wörtern zu überzeugen, so Arn.

Wer sich dann für die Hidschra – also die Auswanderung nach Syrien – entscheidet, findet im Internet genügend Informationen für eine gelungene Flucht. Im Netz kursiert sogar ein eigens geschriebener „Reiseführer“, der willigen Kämpfern konkrete Tipps für eine Ausreise mit auf den Weg gibt, so Thomas Volk. Der Perversität der IS-Propaganda sind keine Grenzen gesetzt; um eine „Reise“ im eigentlichen Sinn handelt es sich hier ja selbstverständlich nicht.

 

IS-Propaganda: Das steckt dahinter

 

Man möchte vielleicht glauben, der IS wäre eine Gruppe aus gewaltbereiten Irren, die planlos Leute ermorden und Gebiete einnehmen. So ist es leider nicht. Der IS ist eine gut strukturierte und organisierte Bewegung, die sich selbst als Staat wahrnimmt und auch als solcher handelt. Befasst man sich länger mit dem Medienapparat des IS, wird schnell ein immenses Ausmaß deutlich und die Frage kommt auf, wie sich solch ein Propagandaapparat finanziert. Wie gesagt: Der IS versteht sich als Staat, deswegen sind seine größten Einnahmequellen auch die Steuern, die er eintreibt.

Es gibt ein wahnsinnig vielfältiges Medienangebot des IS: Man produziere eigene Magazine auf Englisch, Französisch, Türkisch, Russisch und Arabisch. Hinzu komme ein eigener Radio-Sender und zwei Internetseiten, die überwiegend Videos zeigen: Eine in Arabisch und eine in Englisch, so Arn. Die Videos sind auf Hollywood-Niveau, untermalt mit Gesängen aus der eigenen Produktionsfirma. Man hat es hier mit Profis zu tun, und zwar auf ganzer Linie. Die Kompetenzen dafür kommen teils aus Europa, teils aus dem Nahen Osten, denn längst finden sich auch viele Akademiker unter den Kämpfern. „Eine der wohl wichtigsten Symbolfiguren der IS-Propaganda in Deutschland ist Denis Cupert aka deso Dogg. Es wird vermutet, dass er vor seiner Tötung eine herausragende Rolle bei der Produktions-Organisation der Internetseiten gespielt hat“, erklärt Dr. David Arn. Man vermutet grundsätzlich einige Europäer hinter diesem Medienapparat, vor allem was die englisch sprachigen Videos und beispielsweise das französische Magazin angehen.

 

Alternativen schaffen

 

Erschreckend sind diese Informationen, ja. Aber längst kein Grund zur Angst oder Resignation. Im Gegenteil: Auch und vor allem wir jungen Menschen müssen uns dessen bewusst werden, um gegen dieses Phänomen anzukämpfen. Es braucht gut funktionierende Präventionsprogramme, eine bessere Zusammenarbeit der Kommunen und Moscheen und Menschen, die für ein freiheitliches Leben einstehen und kämpfen. Und vor allem braucht es Alternativen. Echte Alternativen für radikalisierungsgefährdete junge Menschen – damit sie das Gefühl von Kameradschaft und Gleichheit nicht in islamistischen Organisationen suchen müssen.

Dabei dürfen wir nie vergessen, dass wir selbst zur besten Alternative werden können. Als guter Freund mit einem Sinn für Gleichheit, weltoffen und ohne Vorurteile in einer bunten Gesellschaft.

 

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Bildquelle: Austin Ban unter cc0

 

Autorin: Ich soll hier schreiben, wer ich bin. Leider weiß ich das oft selbst nicht genau. Ich werd´s trotzdem versuchen: Ich bin eine Träumerin, hoffnungslos naiv und nicht allzu selbstbewusst. Wäre gerne flexibler, liebe es, zu reisen und kreativ zu sein. Kochen und Essen ist neben Schreiben meine große Leidenschaft. Momentan mache ich bei ZEITjUNG ein Praktikum und freue mich schon auf alle Erfahrungen, die ich während dieser Zeit sammeln darf. In meiner Freizeit bin ich am liebsten draußen, manchmal bringe minderjährigen Flüchtlingen aber auch Deutsch bei. Ansonsten, immer auf der Suche nach mir selbst.