The Simple Things in Life – oder: Wege zum einfachen Leben

Einfach ja, aber keine Landidylle

Was haben Paris Hilton und Nicole Richie mit dem „einfachen Leben“ zu tun? Auf den ersten Blick eher nichts. Wäre da nicht zu Beginn der 2000er jene „Reality“-Doku-Soap mit den beiden Damen gewesen, die mit ihrem Titel „The Simple Life“ das Programm für die beiden Protagonistinnen vorgab. Das da lautete: Knallharte Konfrontation mit dem einfachen, alltäglichen Leben – ohne Geld.

Dass sich der Erfolg der Sendung eher auf dem kolossalen Scheitern der Protagonistinnen an selbst einfachsten Aufgaben gründete, als auf dem, was tatsächlich als „simple life“ im Sinne des Simplify-Prinzips verstanden werden kann – auch diejenigen, die die FOX-Produktion nie gesehen haben, dürften es bereits vermutet haben.

Am Ende bleibt eine karikierte Gegenüberstellung von Luxusleben und normalem Alltag, der hier als einfaches Leben postuliert wird. Weil ihm der Luxus fehlt. Das ist, zugegeben, nicht gänzlich falsch, bezogen auf den Simplify-Ansatz. Allerdings wird diese eher kurze Charakterisierung dem Konzept des einfachen Lebens, wie es viele Menschen heute in ganz unterschiedlicher Weise praktizieren, kaum gerecht.

Mit Ausnahme vielleicht von einem Punkt: Simplify bedeutet tatsächlich, sich vom Materialismus zu trennen. Aber nicht vollständig. Paris und Nicole dürfte das nur teilweise beruhigen. Luxus offenbart sich im Minimalismus nämlich eher in immateriellen Werten.

Vom Überfluss zum Wesentlichen

Ein Nebenjob oder finanzielle Unterstützung der Eltern ist fast schon unumgänglich um während des Studiums über die Runden zu kommen. Die Studentenzeit ist für gewöhnlich also nicht gerade von übermäßigem Luxus geprägt. Dafür fehlen oft genug die finanziellen Mittel, geschweige denn der Platz – Ein-Zimmer-Apartments setzen dem Schwelgen in Luxusgütern bereits gewisse Grenzen.

Trotzdem wirst du in deinen Schränken und Schubladen sicher das eine oder andere „Objekt“ lagern, dass du im Prinzip gar nicht mehr brauchst. Und wahrscheinlich kommt gelegentlich das eine oder andere zusätzliche Objekt dazu. Überfluss ist nämlich auch auf engstem Raum möglich, zumal er sich auf sehr unterschiedliche Weise zeigen kann.

Das einfache Leben

Das überreiche Angebot an allem, was das Herz begehrt, zusammen mit einem zunehmend komplexeren Alltag, in dem Privates und Berufliches ineinander übergehen, ist oft ein Grund, sich nach einer anderen Lebensweise umzusehen. Einer einfacheren Lebensweise, ohne ständige Erreichbarkeit, ohne ständige Termine, ohne ständige Entscheidungen. In der es keine Diskrepanz mehr gibt zwischen der steigenden Zahl der Wahlmöglichkeiten in allen Lebensbereichen einer Multioptionsgesellschaft einerseits und den tatsächlichen wie empfundenen Einschränkungen der eigenen Handlungsmöglichkeiten andererseits.

Die Überfluss-Gesellschaft kann zwar (nahezu) alle materiellen Wünsche erfüllen, aber dabei bleibt es dann auch. Die geschickte Verknüpfung von Konsumgütern mit immateriellen Werten – vorzugsweise Freiheit, Unabhängigkeit, aber ebenso Selbstbewusstsein und ähnliche Eigenschaften – täuscht dabei letztlich kaum darüber hinweg, dass in einer vom Materialismus geprägten Lebenswelt manches zu kurz kommt.

Eine Erkenntnis, die nicht erst in der jüngeren Vergangenheit gefunden wurde: Die Idee vom einfachen Leben beschäftigt schon die antiken Philosophen, verschiedene Ansätze lassen sich immer wieder bis heute finden. Die sogenannte „Sharing Economy“, in der Besitz auf ein Minimum beschränkt werden kann, weil alle alles miteinander teilen können, ist eine der jüngeren Formen des einfachen Lebens, die mehr und mehr an Popularität gewinnen.

Less is more – weniger ist mehr

Grundsätzliches Motiv bleibt dabei immer eine Abkehr von Konsum und Materialismus, weil der den Blick für das Wesentliche verstellt und deswegen zwangsläufig oberflächlich ist. Der Zukunftsforscher Andreas Giger spricht sogar von einem Akt der Befreiung, bei dem mehr Lebensqualität durch mehr individuelle Freiräume entsteht. Alter Kram steht dabei nur im Weg und muss aus diesem Grund verschwinden. Er ist Ballast, der nicht mehr benötigt wird.

Danach ist – nicht nur die eigene Bude, sondern im Idealfall auch der Geist – frei für Neues. In Gigers Worten: Nach der „Befreiung von“ etwas folgt die „Befreiung zu“ etwas. Diese beiden Stufen des Simplify-Trends lassen sich, so unphilosophisch und altklug das klingen mag, auf eine allseits bekannte Redensart herunterbrechen: dass nämlich „weniger mehr ist“. Im Minimalismus des frühen 20. Jahrhundert, genauer im architektonisch-künstlerischen Minimalismus des Ludwig Mies van der Rohe wurde „less is more“ geradezu zum bestimmenden Leitsatz.

Minimalismus in der Praxis

Das ist im Übrigen nicht zu verstehen als „nichts ist mehr“, als totaler Konsumverzicht. Ohne Konsum wäre auch Simple Living nicht zu machen, die menschlichen Grundbedürfnisse wollen schließlich befriedigt werden. Das ist nicht weniger als das absolute Minimum für ein zufriedenes Leben und die Grundlage für das „Mehr“. Das wiederum völlig problemlos ohne Konsum gestaltet werden kann.

Umgekehrt kann der Konsum, trotz aller Versuche, ihn zu reduzieren, ein vergleichsweise wichtiges Thema bleiben. Dies liegt unter anderem daran, dass er schlichtweg eine Notwendigkeit ist, an der es nur schwer ein Vorbeikommen gibt. Aber: Wenn konsumiert werden muss, dann wenigstens ganz bewusst.

So lässt sich der „Weniger-ist-mehr“-Gedanke leicht mit Nachhaltigkeitsprinzipien verbinden – von der Vermeidung von Verpackungsmüll bis hin zu kleineren Einkäufen. Was vor allem für die Dinge gilt, die einen gewissen Luxus darstellen. Darunter fallen beispielsweise Klamotten, die etwa Anhänger der „Capsule Wardrobe“-Philosophie auf eine maximale Stückzahl beschränken.

Tatsächlich lässt sich auch kollektiver Konsum unter dieses Konzept fassen – er vereint die Grundidee der Sharing Economy, dass nicht jeder alles besitzen muss, mit dem Wunsch nach einem reduzierten Konsum. Nur diese wenigen Beispiele zeigen bereits, wie vielfältig und facettenreich der Minimalismus tatsächlich sein kann. Unterm Strich geht es aber in allen Varianten darum, das menschliche Wohlergehen (sowohl das eigene wie auch das der Mitmenschen) wieder mehr in den Vordergrund zu rücken. Lebensqualität wird dabei eben in anderen Werten als den materiellen gesucht.

Mehr als Konsumverzicht

Konsumentscheidungen sind daher ein zentraler Bestandteil des einfachen Lebens, vielfach drehen sie sich in diesem Zusammenhang um einen bewussten Verzicht. Diese Feststellung wird dem Simplify-Prinzip aber gleichzeitig auch nicht vollends gerecht. Tatsächlich liegt der Fokus mehr darauf, bewusste Entscheidungen zu treffen – nicht nur beim Einkaufen.

Status, Erwartungen und die Freiheit davon

Im Grunde verlangt das einfache Leben ein beachtliches Umdenken. Denn immer noch wird Konsum und werden Konsumgüter als sichtbares Zeichen des Erfolgs beurteilt. Das gilt in gleicher Weise für Stress: Wer beruflichen Stress hat, muss viel Verantwortung tragen, muss wichtige Entscheidungen treffen, muss demnach selbst sehr wichtig sein – und damit im Normalfall auf den höheren Stufen der Karriereleiter rangieren.

Kaum anders verhält es sich übrigens im Privaten. Je mehr Termine im Privatleben zu koordinieren sind, je mehr private Verpflichtungen bestehen, desto beliebter die Person, die sich mit diesem Dilemma auseinandersetzen muss.

Alle Bereiche des Lebens, materielle wie soziale, sind auf den Status ausgelegt und der ist umso bedeutsamer, je mehr Erfolg der Einzelne vorweisen kann. Statt „weniger ist mehr“ also eher ein „mehr ist nicht genug“. Entsprechend hoch sind im Umkehrschluss aber dann die Erwartungen. Erfolg auf einem gewissen Niveau – um bei diesem Denkmodell zu bleiben – verlangt nach Leistungen, um dort gehalten zu werden. Wer noch erfolgreicher sein will, seinen Status noch weiter aufbessern will, muss folgerichtig noch mehr leisten.

So kann allein der Erwartungsdruck schon für Stress sorgen. Zumal die Erwartungen nicht allein aus einem selbst, sondern genauso über den Vergleich mit dem Umfeld entstehen. Für den minimalistischen Lebenswandel ist daher nicht nur eine andere Einstellung zum Materialismus, sondern genauso zu den damit zusammenhängenden Erwartungen notwendig. Es läuft auf die (nur auf den ersten Blick) einfache Frage hinaus:

Macht mein Erfolg mich wirklich glücklich?

Denn möglicherweise dient er nur dem Status, nicht aber dir selbst und nimmt dir am Ende die Zeit für all die Dinge, die dir womöglich wichtiger sind. Die aber in den Hintergrund geraten sind. Die gute Nachricht in diesem Zusammenhang: Auch Statussymbole sind einem steten Wandel unterworfen und zumindest die materiellen unter ihnen verlieren heutzutage wenigstens teilweise an Bedeutung. Ein Grund mehr, ihnen gar nicht erst hinterherzujagen.

Achtsamkeit und Resonanz

Die Wende im Denken und Handeln lässt sich dabei – selbst bei moderaten Formen des Karrierismus – nicht umgehend und ohne Schwierigkeiten umsetzen. Du solltest dich deshalb ebenso von der Erwartung befreien, dass die Umstellung quasi per Knopfdruck funktioniert.

Die schon angesprochene Befreiung von den Dingen, die vornehmlich für Status und Materialismus stehen, ist nämlich in diesem Zusammenhang oftmals bereits Herausforderung genug. Immerhin ist selbst beim größten Materialisten nicht aller Konsum sinnentleert, sondern hängen häufig sentimentale Werte an den Dingen.

Trotzdem lassen sich die Schränke daheim sehr viel leichter Entrümpeln, als der eigene Geist und der bekommt auf diese Weise immerhin einen Ansporn, weil er nicht ständig mit der materialistischen Vergangenheit konfrontiert ist. Dennoch verhält es sich mit dem Einstieg in den Minimalismus wie mit dem Ablegen alter, unerwünschter Gewohnheiten: Es handelt sich dabei um einen Prozess, den du schrittweise wirst gehen müssen – manchmal sogar zurück.

Das sollte dich weder irritieren noch entmutigen. Bis sich die neuen Gewohnheiten durchgesetzt haben, wird es sicher eine Weile brauchen. Zeit genug, um sich mit den Grundlagen der minimalistischen, einfachen Lebensweise auseinanderzusetzen. Das Frankfurter Zukunftsinstitut sieht dabei zwei Perspektiven, nach denen du dein neues Leben als Minimalist ausrichten kannst:

Achtsamkeit

Was beim Streben nach (zukünftigem) Erfolg leicht vernachlässigt wird, ist der Wert des Hier und Jetzt. Das wiederum steht für einen achtsamen Menschen aber im Vordergrund. Was es dazu braucht, ist die Fähigkeit, sich mehr zu fokussieren. Im Alltag ist das oft schwierig genug, alles verlangt deine Aufmerksamkeit, am besten sofort, am besten jetzt, am besten hättest du deine Augen, Ohren und anderen Sinne überall gleichzeitig.

Das Wesentliche – als Ziel nicht nur einer achtsamen, sondern zugleich einer minimalistischen Lebensweise – geht in diesem Durcheinander verschiedener Verpflichtungen, Verantwortungen und Verbindungen unter. Um es wieder in den Mittelpunkt zu rücken, ist bewusstes Handeln erforderlich. Manchmal auch bewusstes Nicht-Handeln, wenn beispielsweise die x-te WhatsApp-Nachricht reingeflattert kommt, die du ansonsten sofort, und ohne groß darüber nachzudenken, beantwortet hättest.

Als achtsamer Mensch ruhst du viel mehr in dir selbst, weil du die ganzen üblichen Ablenkungen einfach nicht an dich heranlässt. Achtsam handeln bedeutet aber eben nicht allein, einen Ruhepol für sich in der allgemeinen Hektik zu finden. Es bedeutet gleichzeitig, dein Verhalten und dein Denken mehr, bewusster zu hinterfragen. Deswegen ist Achtsamkeit eine wichtige Grundlage für den postmodernen Minimalismus, der sich ja unter anderem im bewussten Verzicht ausdrückt.

Resonanz

Einen Schritt weiter als die Achtsamkeit geht das Resonanz-Prinzip. Während es beim Achtsamkeitsansatz in erster Linie um den Selbstbezug geht, über den sich dann wiederum das Verhältnis zur Umwelt regelt (also prinzipiell ein bewusstes Nach-innen-Kehren), ist mit Resonanz eine bewusste Auseinandersetzung mit der Umwelt gemeint.

Die Grundannahme ist dabei zunächst die gleiche: Die Welt beschleunigt sich zusehends, Informationsaustausch, Innovation, Produktion etc. – alles läuft immer schneller ab und soll nach Möglichkeit noch schneller werden. Die Lehre der Achtsamkeit sagt unter solchen Bedingungen, dass du dich aus dieser ganzen Beschleunigung herausnehmen, dich entschleunigen sollst, um wieder bewusste Erfahrungen machen zu können.

Der Soziologe Hartmut Rosa bietet unter dem Begriff der Resonanz eine andere Form des Herangehens und Umgehens mit einer beschleunigten Umwelt an. Die zentrale Frage lautet dabei nicht, wie du dich der Beschleunigung entziehen kannst, sondern wie genau du auf diese reagieren willst.

Es geht um eine bewusstere Wahrnehmung deiner Beziehung zu deiner Umwelt, der (gegenseitigen) Beeinflussung – und um die Möglichkeiten, in dieser gegenseitigen Beeinflussung (denn nichts Anderes heißt Resonanz letztendlich) gestalterisches Potenzial zu entdecken und zu nutzen.

Auf die minimalistische Lebensweise bezogen, kann das beispielsweise bedeuten, deine Beziehung zu deinem materiellen Besitz zu hinterfragen, zu dessen Wert für dich und dein Leben. Es kann ebenso gut bedeuten, die Auswirkungen deines Verhaltens zu hinterfragen. Welche Folgen hat etwa dein Konsum, auf sozialer, auf ökologischer Ebene?

Letzten Endes ist in beiden Fällen ein stärkeres Bewusstsein das Ziel, das wiederum die Grundvoraussetzung für das Simplify-Prinzip darstellt: Denn nur so findest du zurück zu den wirklich wichtigen Dingen im Leben.

Der immaterielle Luxus – und warum manche Dinge immer noch wichtig für dich sein können

Die sind üblicherweise nicht mit Geld zu kaufen. Mehr Zeit mit deiner Familie, deinen Freunden etwa ist unbezahlbar. Wie so viele andere Lebensentwürfe ist auch das Simplify-Prinzip ein möglicher Weg auf der Suche nach dem Glück. Je weniger Hindernisse sich auf diesem Weg befinden – seien es nun unnütze Konsumgüter oder ein zu angestrengtes Streben nach einem anerkannten Status – desto größer die Wahrscheinlichkeit, darauf all die Dinge zu finden, die dich tatsächlich glücklich machen. Danach bleibt auch sicherlich genügend Zeit um herauszufinden was das „Glücklichsein“ so geil macht.

Mit weniger materiellem Ballast und geringeren Anstrengungen, noch mehr davon anzuhäufen, hast du ja dann auch die Zeit dafür. Insofern ist der Simplify-Trend eine „Lebensphilosophie des Essenziellen“, wie Giger es nennt.

In der gibt es auch durchaus noch Platz für das eine oder andere Stück, das du nicht aus bloßer Notwendigkeit besitzt. Erinnerungsstücke an wichtige Menschen etwa, an wichtige Ereignisse, die dir dabei helfen, dir immer wieder die Dinge ins Bewusstsein zu rufen, die in deinem Leben wirklich bedeutsam sind.

Besitz spiegelt in gewisser Weise deine Persönlichkeit wider – ganz im Geiste von keinem Geringeren als Jean-Paul Sartre. Denn schon der wusste, dass wir unsere Identität auch aus den Dingen beziehen, die wir besitzen. Bei weniger Dingen, so könnte man weiter argumentieren, fällt es uns dann aber womöglich leichter, den Blick auf unser Ich zu werfen und zu erkennen, wer wir sind.

In jedem Fall solltest du das, was du hast, keineswegs geringschätzen. Denn „richtiger“ Konsum hat durchaus das Potenzial, zu deinem persönlichen Glück beizutragen. Unter den entsprechenden Voraussetzungen jedenfalls.

Die vielen Wege zum einfachen Leben

Deine Bude auszumisten ist auf jeden Fall ein guter Anfang für dein neues, schlichteres – und hoffentlich besseres – Leben. Der Schlusspunkt ist es nämlich auf gar keinen Fall, Ablenkungen und Überfluss warten schließlich in vielen Lebensbereichen. Die gute Nachricht: Die Lösungen sind kaum weniger zahlreich.

Alternativen zum Konsum

Wie schon verschiedentlich erwähnt, ist der mit dem Minimalismus verbundene Konsumverzicht keine absolute Forderung. Konsum ist selbstverständlich erlaubt, aber innerhalb selbst gesteckter Grenzen. Das können beispielsweise rein finanzielle Grenzen sein, also eine Einschränkung bei der Höhe der Ausgaben.

Das kannst du natürlich am einfachsten durch Verzicht erreichen oder du nutzt für die Dinge, die du dir zu deinem persönlichen Glück dennoch gönnen möchtest, Rabattaktionen zur Entlastung deines Budgets. Wichtig ist dabei vor allem, solche Angebote bewusst und gezielt zu nutzen. So gerätst du nicht in Konflikt mit den Prinzipien des Minimalismus, der ja eben mehr ist als gewöhnliche Sparsamkeit.

Verbrauch jenseits der irdischen Kapazitäten

Deswegen sind die Beweggründe für ein verändertes Konsumverhalten nach dem Simplify-Prinzip häufig nicht nur finanzieller oder ökonomischer Natur, sondern haben außerdem einen ökologischen Hintergrund. Weniger Konsum bedeutet schließlich, weniger Ressourcen zu benutzen.

Dass der Ressourcenverbrauch global gesehen immer noch viel zu hoch ist, zeigt das Global Footprint Network mit dem Earth Overshoot Day. Der markiert den Zeitpunkt, ab dem mehr natürliche Ressourcen verbraucht werden, als die Biokapazität der Erde eigentlich bereitstellen kann. Besonders alarmierend: Die Beanspruchung der Erde steigt kontinuierlich an, der Earth Overshoot Day steht deswegen in jedem Jahr früher im Kalender.

Nutzen und Wiedernutzen

Ein Ausweg aus diesem Dilemma verspricht die Circular Economy, die Kreislaufwirtschaft. Die zielt darauf ab, die Entstehung von Müll zu vermeiden, indem alle produzierten Güter nach ihrer Nutzung wieder dem Materialkreislauf zugeführt werden. Manche Hersteller praktizieren dieses Prinzip bereits auf die eine oder andere Art und Weise, nehmen ihre Produkte wieder zurück und recyclen sie.

Im Rahmen des europäischen Projekts MOVECO beispielsweise bemühen sich 16 Projektpartner aus zehn Ländern des Donauraums um das Thema Kreislaufwirtschaft. Mit einigem Erfolg wie die Best-Practice-Beispiele aus der (englischsprachigen) Broschüre „Your Trash is my Treasure“ beweisen. Keine Einzelfälle übrigens, denn gerade in der Modebranche wird das Konzept immer häufiger aufgegriffen.

No Spend-Challenges

Einen deutlichen Schritt weiter gehen sogenannte No Spend-Challenges, bei denen die Regeln zwar je nach individuellen Lebensumständen variiert werden können, die aber letztlich auf Folgendes hinauslaufen: Keine unnützen Ausgaben. Was genau du für unnütz befindest, obliegt erst einmal dir. Ein Netflix-Abo ist einerseits nicht lebensnotwendig, kann aber bei einem Verzicht auf konventionelles Fernsehen als annehmbarer kleiner Luxus beurteilt werden.

Grundlage ist also zunächst, einen Kassensturz zu machen, dir alle Ausgaben vor Augen zu führen und dann zu entscheiden, an welchen Stellen der Rotstift am sinnvollsten zum Einsatz kommen kann. Auswärts essen gehen oder bestellen ist dann möglicherweise ein Punkt auf der Liste, der gestrichen werden kann, so wie viele andere, vermeintlich kleine Ausgaben, die du so nebenbei tätigst, die bei genauerer Betrachtung gar nicht notwendig sind.

Mit der No Spend-Challenge als Rahmen hast du auch direkt einen Grund, nicht frühzeitig aufzugeben. Und gleichzeitig genug Zeit – das Zeitfenster liegt hier üblicherweise zwischen einem Monat und einem Jahr –, um dich an das neue Konsumverhalten zu gewöhnen. Mit großer Wahrscheinlichkeit fällt es dir nach einem ausreichend langen Zeitraum sehr viel leichter, die selbst auferlegten Regeln einzuhalten und als Selbstverständlichkeit hinzunehmen.

Mikrowohnen

Der Versuch, den eigenen Ressourcenverbrauch zu verringern, führt immer häufiger auch über neue Wohnformate. Das Motto dabei: So klein wie möglich, so groß wie nötig. Das Stichwort lautet „Mikrowohnen“, das vor allem in Städten mit begrenztem Wohnraum eine Alternative darstellen kann. Was wiederum nicht bedeuten muss, dass sich das Konzept allein auf den urbanen Raum beschränkt.

Apropos Beschränkungen: Obwohl Tiny Houses oder Mikro-Appartments nur eine überschaubare Wohnfläche bieten, muss das für den Komfort noch lange nicht gelten. Das beweisen zum Beispiel der Boom sogenannter Serviced Apartments, die eigentlich für Reisende gedacht sind und diesen ein möglichst heimeliges Gefühl bieten sollen. Denkbar allerdings, dass ein solches Konzept auch für reguläres Wohnen in Frage kommt. Immerhin sind möblierte Zimmer keine neue Erfindung.

Digital Detox

Die ist Digital Detox prinzipiell auch nicht, aber der Verzicht auf digitale Hilfsmittel und alles, was mit ihnen zusammenhängt, wird heute immer schwerer. Die Digitalisierung ist nicht einfach ein Teil unseres alltäglichen Lebens, sie bestimmt es auch zusehends – und zwar in allen Bereichen.

Das macht es gleichzeitig schwer und bisweilen notwendig, sich dem zu entziehen. Wenigstens für einen gewissen Zeitraum nicht mehr für alle erreichbar zu sein, nicht mehr den Neuigkeiten und Trends der sozialen Medien zu folgen und stattdessen wieder mehr in der analogen, realen Welt zu verweilen.

Das Paradoxe an der digitalen Entgiftung ist allerdings, dass sie sich vorzüglich in verschiedene Geschäftsmodelle einwickeln lässt. Nicht unbedingt das, was man sich unter einem wahrhaft minimalistischen Konzept vorstellt, aber tatsächlich braucht es auch keine Digital-Detox-Camps, um vorübergehend auf das Smartphone zu verzichten. Vermutlich fällt dir auch ohne Marketing-Vorgaben etwas ein, womit du die Zeit offline sinnvoll gestalten kannst.

Wie Minimalismus auch dein Leben verbessern kann

Eigentlich ist der Minimalismus eine Lebenseinstellung, eine Philosophie, die für inneres Gleichgewicht und einen freien Kopf sorgen soll. Was wiederum nicht heißt, dass auch eher pragmatische Vorteile dabei gar keine Rolle spielen. Im Gegenteil: Das einfache Leben bedeutet nicht nur mehr Wohlbefinden.

Sich für den minimalistischen Weg zu entscheiden, bedeutet …

  • mehr Zeit. Weil du dich nicht um all die Dinge kümmern musst, die du besitzt. Du brauchst weniger Zeit für deren Pflege, Reparatur, Transport, Auswahl etc. und hast am Ende mehr Zeit – für dich.
  • mehr Geld. Weniger Konsum und bewusstere Ausgaben sorgen in der Regel dafür, dass du für deinen minimalistischen Lebenswandel einen deutlich geringeren finanziellen Aufwand betreiben musst. Womit du wiederum ausreichend finanziellen Spielraum hast, um bei deinen Anschaffungen auf bestmögliche Qualität zu achten.
  • mehr Nachhaltigkeit. Was in gewisser Weise mit der angesprochenen Qualität einhergeht. Auf der anderen Seite ist der geringere Verbrauch von Ressourcen ein wichtiger Nachhaltigkeitsaspekt, der sich quasi automatisch mit dem Simplify-Prinzip einstellt.
  • mehr Glück. Mehr Zufriedenheit. Mehr Freude.

Die Liste ließe sich noch um einige Punkte verlängern, doch auch so dürfte der Trend deutlich geworden sein. Weniger Sorge um deinen Besitz lässt dir mehr Freiheit für – alles andere. Für alle Dinge, die dich glücklich machen. Sogar die Freiheit, erst einmal herauszufinden, was genau das eigentlich ist. Das Leben kann wirklich so einfach sein.

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Bildquelle für das Titelbild: © seligaa/Fotolia