Dünne Frau

„Thin Privilege“: Ist es ein Privileg, dünn zu sein?

Der Begriff „Thin Privilege“ suggeriert, dass es ein Privileg ist, dünn zu sein. Aber ist es das wirklich?

Disclaimer: Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Meinungsbeitrag, der subjektive Standpunkte der Autorin enthält.

Viele Menschen halten es für ein Geschenk, dünn zu sein – vor allem jene, die es selbst nicht sind. Und irgendwo haben sie damit auch recht. Denn die meisten dünnen Menschen haben nichts Besonderes dafür getan, dass sie dünn sind. Es ist eine Veranlagung. Ein Geschenk.

Allerdings gibt es auch ungewollte Geschenke. Solche, bei denen man höflich lächelt, wenn man sie überreicht bekommt und auspackt, die man aber eigentlich gar nicht haben will. Ich hab es nie als Privileg betrachtet, wenn mich jemand „dünn“ genannt hat. Vielmehr bin ich damit aufgewachsen, mir verschiedenste dumme Kommentare, „gut gemeinte Ratschläge“ und Vorwürfe anhören zu müssen.

Strukturelle Diskriminierung Übergewichtiger

Dass ich es nicht als Privileg empfinde, dünn zu sein, bedeutet übrigens nicht, dass ich glaube, meine Erfahrungen seien auch nur ansatzweise vergleichbar mit den Erfahrungen übergewichtiger Menschen. Anzuerkennen, dass Fat Shaming existiert und dass dicke Menschen strukturell diskriminiert werden, steht nicht im Widerspruch dazu, sagen zu dürfen, dass man sich auch als dünner Mensch mit unschönen Kommentaren auseinandersetzen muss.

Massiv übergewichtige Menschen erfahren im Alltag Ausgrenzungen auf ziemlich vielen Gebieten. „Die Sitzplätze im Bus oder in der Bahn sind einfach viel zu schmal“, höre ich immer wieder von übergewichtigen Freund*innen und Bekannten. Gurte in Autos seien zu kurz, Gänge oder Türen häufig zu schmal, die Kleidergrößen bei den gängigen Anbietern zu klein.

Menschen mit Übergewicht werden bei gesundheitlichen Problemen oft nicht ernst genommen: „Egal welche Beschwerden ich habe, mir wird immer nur gesagt, dass es am Gewicht liegt“, meint eine Freundin. Richtig untersucht wird sie selten. Auch berufstechnisch haben es Übergewichtige laut dieser DAK-Studie oft schwerer.

Ich bin mir dessen bewusst, dass sich dünne Menschen mit keinem dieser Probleme herumschlagen müssen, weil keine strukturelle Diskriminierung gegen sie existiert. Das heißt aber nicht, dass es ein Privileg ist, dünn zu sein. Das eigentliche Privileg besteht meiner Meinung nach darin, einen Körper zu haben, der gemeinhin nicht als „zu irgendwas“ empfunden wird.

Was bedeutet „dünn“ überhaupt?

Wenn man als „dünn“ nun alles definiert, was nicht dick ist, dann wäre es wohl wahr: „Dünne“ Menschen hätten ein Privileg gegenüber denen, die es nicht sind. Aber ist man denn automatisch dünn, wenn man nicht übergewichtig ist? Meiner Definition und meiner Erfahrung nach nicht.

Beispielsweise werden Freundinnen von mir, die eine Größe 40 tragen, so gut wie nie als dünn bezeichnet. Ihre Körper werden irgendwie als „normal“ wahrgenommen. Körper, die man nicht kommentieren muss, weil sie der Norm entsprechen. Dem Standard. Körper, die einfach da sind – genau das, was alle anderen Körper eigentlich auch sein dürfen sollten.