Gedankenspiel: Was, wenn Tschernobyl bei uns passiert wäre?

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Mindestens 100.000 Tote, gefährlich verseuchte Landstriche und eine verlassene Geisterstadt: Vor genau 30 Jahren ereignete sich die bis dato schlimmste Atom-Katastrophe in der Geschichte der Kernenergie. Es war die Nacht vom 25. auf den 26. April, als im Kernkraftwerk Tschernobyl ein folgenschwerer Fehler begangen wurde. Im Zuge eines Experiments simulierten Mitarbeiter unter der Leitung von Anatoli Stepanowitsch Djatlow einen kompletten Stromausfall, um herauszufinden, was passiert, wenn sie den Reaktor 4 vollständig abschalten müssen.

 

Ein Fehler, der alles veränderte

 

Leider senkten die Ingenieure die Leistung des Atomreaktors entgegen der offiziellen Sicherheitsvorkehrungen zu schnell und zu stark. Die Temperatur im Reaktor stieg deshalb schwindelerregend schnell an und als die Wissenschaftler ihren Fehler bemerkten, war es bereits zu spät: Es kam zur verheerenden, vollständigen Kernschmelze. Explosionsartig wurde radioaktives Material in die Luft gestoßen, das mit einer zerstörerischen Kraft von mindestens hundert Atombomben die gesamte Umgebung kontaminierte. Bei dem Unfall wurden Strahlungen mit einer geschätzten Menge von 50 bis 250 Millionen Curie freigesetzt.

 

Kann eine solche Katastrophe verjähren?

 

30 Jahre später erinnern wir uns zwar an dieses  Ausnahme-Desaster zurück, das das Leben Tausender Menschen auf einen Schlag änderte oder für immer auslöschte. Trotzdem scheint das alles sehr weit weg – zu weit, um uns wirklich zu berühren oder gar Angst einzujagen. Schließlich ist das alles schon lange her und es fällt schwer, uns vor etwas ängstigen, das scheinbar nicht greifbar ist. Auch Demonstrationen gegen Atomenergie sind eine Rarität geworden. Und das, obwohl sich die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl noch immer auf ganz Europa auswirkt und sich in Japan vor ein paar Jahren ein ähnlich erschütternder Unfall ereignete: Im Jahr 2011 kam es in Folge schwerer Erdbeben und einem Tsunami in gleich drei Reaktoren des Kraftwerks Fukushima zur Kernschmelze. Zahlreiche Gebiete wurden nach der Freisetzung radioaktiver Stoffe evakuiert.

Auch eine Katastrophe wie Tschernobyl verjährt nicht: Jahrzehnte später leiden Betroffene noch immer an den Spätfolgen. Auch in Deutschland gibt es zahlreiche Atomkraftwerke und trotzdem fühlen wir uns hier sicher, die Ereignisse in Tschernobyl erscheinen uns meilenweit entfernt, wie Geschehnisse aus einer anderen Welt. Für uns sind es Zahlen.

 

Tschernobyl vor der Haustür

 

Doch was wäre, wenn sich der Unfall von vor 30 Jahren nicht in der Ukraine, sondern im Herzen Deutschlands ereignet hätte? Wenn wir mit den Auswirkungen leben müssten – auch heute noch? Würden dann aus den stummen Zahlen Geschichten; Geschichten von einem Leben, das nie wieder unbeschwert und einfach ist? In unserem Szenario liegt Tschernobyl also nicht bei Prypjat, sondern bei Kassel und wurde am 26. April 1986 von der Atom-Katastrophe erschüttert.

Wir alle wüssten um die direkten Folgen des Super-GAUs: Die Bilder der längst vergangenen Schreckensmomente hätten sich für immer in unser Gehirn eingebrannt. Diese Zeit, als das Gebiet von rund 60 mal 60 Kilometern rund um Tschernobyl zur absoluten Sperrzone erklärt wird. Das 106,8km² große Kassel ist also bald eine verlassene Geisterstadt – doch am schlimmsten trifft es nicht die tausenden Heimatvertriebenen, sondern die Liquidatoren von Tschernobyl, die die Aufräumarbeiten nach dem Reaktorunfall verrichten müssen. Mindestens 250.00 deutsche Arbeiter sterben in Folge der Arbeit, die sie unter tödlicher Strahlung verrichteten.

 

Auswirkungen, die wir tagtäglich spüren

 

Noch immer ist unklar, wie viele Unschuldige an den Folgen des Reaktorunfalls tatsächlich ihr Leben ließen –  in ganz Deutschland erkranken die Menschen, die radioaktive Strahlung führt dabei zu ganz unterschiedlichen Krankheitsbildern: Das geht vom Haarausfall über unkontrollierte Blutungen bis zum zerstörten Knochenmark. Eine der verheerendsten Spätfolgen ist der Krebs: 20 Jahre nach der Katastrophe ist die Anzahl der Krebserkrankten im Vergleich um 40 Prozent gestiegen.

Nicht nur Deutschland leidet unter den Folgen der Katastrophe – auch seine direkten Nachbarländer sind maßgeblich betroffen. Vor allem aber die deutsche Umwelt ist nicht mehr das, was sie vor dem Unfall einmal war: Mindestens 20 Prozent des Bodens ist verstrahlt, leidet unter dem Zerfallsprozess der radioaktiven Isotope. Auch viele Gewässer wurden durch den Reaktorunfall irreparabel verseucht, freigesetzte Strontium stellt dabei auch eine Bedrohung für das Grundwasser dar. Außerdem wurden etwa 40 Prozent der Wälder und Pflanzen wie Beeren, Pilze, Heidekraut, Flechten und Farne von den radioaktiven Stoffen vergiftet und sind seitdem ungenießbar. Es sind Auswirkungen, die wohl niemals verblassen. Auch 30 Jahre später sind uns die Geschehnisse von damals schmerzlich bewusst – denn sie sind tagtäglich präsent.

Und so geht es den Menschen in Tschernobyl, das in der Ukraine liegt und nicht bei Kassel.

 

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Bildquelle: Kevin Young unter CC 0 Lizenz