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Was bedeutet Heimat und wo ist mein Zuhause?

Ich bin Weltbürger. Ich reise um die Welt und bin immer mobil. Was bedeutet da eigentlich noch Heimat für mich und was ist mein Zuhause?

Wenn ich „Zuhause“ sage, sind meine Freunde – ich ab und zu eingeschlossen – nicht selten verwirrt. Ich komme aus Würzburg, studiere seit drei Jahren in Stuttgart, wohne gerade aber für ein Semester in München. Man kann mir echt nicht vorwerfen, nicht flexibel oder mobil zu sein. Aber wo bin ich eigentlich mein Zuhause? Oder sollte ich statt Zuhause vielleicht das Wort „Heimat“ öfter verwenden, denn dann ist zumindest klar, wovon ich rede. Oder?

Ich stelle mir die Frage, ob es einen Unterschied gibt zwischen den Begriffen „Heimat“ und „Zuhause“. Was ich weiß, ist: Heimat bleibt Heimat, Zuhause ändert sich. Heimat ist Vergangenheit und Erinnerung, Zuhause ist Gegenwart. Heimat ist für mich ein bestimmter Ort, Zuhause sind verschiedene Orte, Zeiten, Menschen und Gefühle. Das sind meine Gedanken, die ich allerdings selbst hinterfrage.

 

Was ist Heimat?

 

Ich bin für mein Studium ausgezogen. Wie du vielleicht auch. Und vielleicht geht es dir auch so, dass du seitdem – von außen, von weiter weg betrachtet – besser sagen kannst, was deine Heimat ausmacht. Wir kennen alle das Phänomen, dass wir erkennen, wie schön die Heimat ist, wenn wir sie verlassen. Wir schätzen etwas erst richtig, wenn wir es nicht mehr haben. So geht es bei mir mit Würzburg.

Heimat ist für mich diese Stadt mit ihren Kirchtürmen und Weinbergen. Mit ihrem Festungsgraben, in dem ich im Dunkeln geknutscht habe, ihrem dreckigem Fluss, in dem wir trotzdem gebadet haben, ihren Jungs, denen ich hinterher geheult habe, ihren schönen Cafés, in denen ich von Zeit zu Zeit alte Schulfreundinnen treffe, ihren vielen alten, konservativen, spießigen Einwohnern und ihrer ebenso konservativen Zeitung, bei der ich ein Praktikum gemacht habe. Und schnell merke ich, dass meine Heimat von meinen Erinnerungen geprägt, wenn nicht sogar definiert, ist. Jedes Mal, wenn ich am Ortsschild vorbeifahre, um mal wieder meine Familie zu besuchen, laufen wie auf Knopfdruck Erinnerungen vor meinem Auge ab. Ist Heimat dann etwas, das bloß in unserer Vorstellung existiert? Ein Schwall von Erinnerungen und Vergangenem, das in der Gegenwart keinen Platz mehr hat?

Ich finde nicht. Ich kann komplett eintauchen in diese Welt, in der sich nichts zu verändern scheint. Die existiert nicht nur in meiner Vorstellung, die gibt es wirklich. Meine Heimat ist dieses feste, stabile Konstrukt, das ich mir nicht ausgesucht habe, das mich aber trägt, wenn alles andere zu zerbrechen droht. Das Konstrukt ist gebaut aus Sicherheit, Verlässlichkeit und Vertrauen.

Also ist Heimat dieser bestehende Ort, den ich mit wohligen Gefühlen, die sich aus Erinnerungen zusammensetzen, und lieben Menschen assoziiere. Und wird es immer bleiben.

 

Was ist Zuhause?

 

Erst als ich auszog, trennten sich die Begriffe Heimat und Zuhause voneinander. Danach hing ich erst einmal in der Schwebe. Ich habe mich räumlich von meinen Liebsten entfernt und musste mir erst einmal neue Vertraute suchen. So habe ich mich auch von dem festen, gewohnten Ort getrennt und musste mir ein Zuhause aufbauen. Da war erstmal kein fester Boden, keine sichere Mauer. Weil es dauert, bis ich einen Ort mein „Zuhause“ nenne. Aber wieso eigentlich?

Weil Zuhause mit Wohlfühlen zu tun hat. Wenn ich mich wohlfühle, bin ich zuhause. Zuhause ist da, wo ich mich zurückziehen und auch mal zwei Tage ungestört vor mich hin gammeln kann. Zuhause ist da, wo der BH in die Ecke fliegt und die Jogginghose regiert. Zuhause ist da, wo ich nicht an mir zweifle, einen ganzen Tag schweige oder lauthals singe. Zuhause ist da, wo ich sein kann wie ich bin. Zuhause ist eben nicht nur da, wo mein Bett schläft, meine Waschmaschine wäscht und mein Kühlschrankinhalt schimmelt. Es ist nicht nur ein Ort. Genauso kann Zuhause auch ein Mensch sein. Ein Mensch, bei dem ich mich wohlfühle. Ich kann mich während eines Wochenendes bei meiner besten Freundin genauso zuhause fühlen wie in einem VW-Bus im Urlaub mit meinem Freund.

Also ist Zuhause ein Gefühl, das ich in jedem Moment empfinden kann. Es ist nicht an Raum und Zeit gebunden. Es ist nicht beständig sondern variabel. Es ist nicht mit Erinnerungen verknüpft, sondern baut sich immer wieder neu auf.

 

Heimat und Zuhause sind gleich wichtig

 

Wir – meine Gedanken und ich – sind uns einig: Es gibt einen Unterschied zwischen „Zuhause“ und „Heimat“. Das eine ist die Konstante in meinem Leben, das andere die spannende Variable. Doch es gibt keinen Unterschied in ihrer Bedeutung für mein Leben. Konstante und Variable sind mir gleich wichtig. Und trotzdem gelingt mir die Balance von Sicherheit im geschützten Raum „Heimat“ und Abwechslung im grenzenlosen Gefühl „Zuhause“ nicht immer.

Denn mir kommen die Ansprüche der Gesellschaft und meine eigenen in die Quere. Wir – meine Generation und ich – nennen uns Weltbürger. Immer flexibel, immer mobil, immer offen bewegen wir uns durch eine grenzenlose Welt. Ganz selbstverständlich pendeln wir für den Job zwischen Stockholm und Kapstadt und gehen vier Monate auf Weltreise statt eine Woche an den Gardasee. Nicht immer stellt sich da das Gefühl von Zuhause ein und von der Heimat entfernen wir uns sowieso immer weiter. Wenn wir Pech haben, stehen wir am Ende ohne Heimat und ohne Zuhause da.

Wenn wir also erkannt haben, dass Heimat und Zuhause etwas Unterschiedliches bedeuten, müssen wir im nächsten Schritt deren unersetzbare Qualität für unser Leben begreifen. Und dann für Balance sorgen. Denn keine gesellschaftliche Anforderung ist so wichtig wie die Sicherheit und die Verlässlichkeit einer Heimat und das unendliche Wohlbefinden eines Zuhauses.

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Bildquelle: Pexels unter CC0 Lizenz

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