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Igitt Verantwortung? Warum wir keine Führungspositionen mehr übernehmen

Wer Chef wird, muss seine Freizeit opfern. Und dazu sind immer weniger Menschen bereit.

Immer weniger junge Leute wollen eine Führungsaufgabe in einem Unternehmen übernehmen, so kürzlich ein Artikel von Zeit Online. Die These dahinter: Wer Chef wird, muss einen Großteil der Freizeit opfern. Und dazu sind immer weniger Berufseinsteiger und Young Professionals zwischen 20 und 34 bereit. Unsere Ziele stattdessen, so eine Studie des Personaldienstleisters Manpower Group: Mit großartigen Menschen zusammenarbeiten, viel Geld verdienen, einen positiven Impact erreichen oder Fachexperte werden – in absteigender Reihenfolge.

Warum das so ist? Vielleicht, weil wir gesehen haben, was aus Menschen wird, die für die Karriere alles opfern. Und weil wir erkannt haben, dass unsere Generation in punkto Arbeitseinsatz die Generationen davor nicht mehr wirklich übertrumpfen könnte – mehr als 60/70 Wochenstunden sind für keinen Menschen drin. Vielleicht auch, weil wir viel mehr Möglichkeiten haben, Sinn zu finden, weil unsere Ziele breiter gefächert sind. Aber wie ist das mit der Verantwortung? Sind wir eine Generation von Selbstverwirklichern, voller Freizeitflausen im Kopf, zu unstet für Verantwortung?

 

Verantwortung tragen als Führungskraft: Was bedeutet das?

 

In meinem Bekanntenkreis haben drei Leute ganz unterschiedliche Erfahrungen damit gemacht, Teamleiter oder Teamleiterin zu sein. Und tatsächlich, anscheinend voll im Trend liegend, haben sich Caro und Thomas inzwischen für einen Job ohne Führungsverantwortung entschieden. Nur Anne leitet weiterhin richtig gerne ihr achtköpfiges Team. Doch noch ist nichts sicher: Thomas hat auch ein Jobangebot vorliegen, das schon bald wieder an die Spitze eines Teams führen würde.

Sinnstiftend war die Führungsverantwortung für alle drei. „Begleiten zu dürfen, wie ein Team wächst und wie einzelne Menschen wachsen, das ist eine unglaublich schöne Aufgabe“, erzählt mir Anne. Viel positives Feedback und die Chance, Dinge mitzugestalten, waren die Highlights der Führungsrolle für Caro: „Wenn ich Maßnahmen eingeführt habe, die für alle einen Mehrwert brachten und wenn wir dann als Team plötzlich auch besser wurden, das war schon super.“ Ähnlich ging es auch Thomas, der damals ohne große Vorbereitung in die Teamleiterrolle rutschte: „Ich bin gerne so eine Art Coach für Andere und bringe sie dazu, gute Ergebnisse zu bringen.“ Stimmten die Ergebnisse nicht, dann war das umgekehrt aber eben nicht einfach für ihn – denn nur selbst etwas Gutes abzuliefern fällt ihm deutlich leichter.

Und noch ein paar mehr unangenehme Erfahrungen: „Da kriegst es von oben und von unten“, erzählt mir Caro. Und erinnert sich damit an Ärger vom Geschäftsführer und Beschwerden aus dem Team, die grundsätzlich immer bei ihr auf dem Tisch landeten. Zusätzlich zu unzähligen unbezahlten Überstunden, nahm sie solche Probleme dann auch noch abends mit nach Hause. „Abschalten fällt als Teamleiterin noch viel schwerer“, findet sie rückblickend. Und Thomas stellte sich immer wieder die Frage, wo er überhaupt stehe, so à la: „Bin ich noch ich selbst? Darf ich jetzt zum Beispiel noch über den Chef lästern?“ Und er ergänzt: „Ich konnte einfach nicht so gut trennen zwischen der Rolle als Vorgesetzter und der Rolle als Freund.“ Was er ziemlich schnell lernen musste: „Es gibt da das Prinzip von disagree and commit.“ Es stammt unter anderem von Amazon und besagt: Lieber Teamleiter, bringe deine Meinung in die Diskussion mit anderen Teamleitern ein, lehne dich gerne mal auf. Aber, so Tom: „Wenn dann eine Entscheidung getroffen ist, musst du aber zu 100% hinter der Entscheidung stehen und sie vertreten.“ Und, ja, zu diesen unangenehmen Entscheidungen und neuen persönlichen Herausforderungen gehörte für alle drei auch schon mal die Aufgabe, einem Teammitglied zum Ende der Probezeit zu kündigen.

 

Herausforderungen? Danke, die such ich momentan woanders!

 

Caro zog vor zwei Jahren wieder näher zu ihren Eltern und suchte sich einen neuen Job. Dass sie immer noch ohne Führungsrolle arbeitet, liegt daran, dass sie sich seit einem Jahr verstärkt um ihren Vater kümmern muss. „Mir neues Fachwissen anzueignen, ist momentan genau die richtige Herausforderung für mich. Ich brauche planbare Arbeitszeiten und einen freien Kopf, weil ich nebenher zuhause fast einen zweiten Vollzeitjob habe.“ Thomas genießt es derzeit, zwar in seinem Job hohe Leistung zu bringen, aber sich eben nicht um noch mehr kümmern zu müssen. Und er zählt auf: „Meetings vorbereiten, Planungen machen, Teammitglieder bewerten, brennende Eisen aus dem Feuer holen.“ Er trat vom Teamleiterposten zurück, als er Vater wurde und sich dazu entschied, an zwei Nachmittagen pro Woche seine Tochter selbst zu betreuen. Eine verringerte Arbeitszeit passte für die Firma nicht zu hoher Verantwortung.

Klingt das nach einer Generation von Menschen, die nicht mehr gerne Verantwortung übernehmen? Wohl nur, wenn man den Begriff von Verantwortung nur auf den Job überträgt. Denn wir übernehmen Verantwortung außerhalb – und wer nicht gerade Kinder erzieht oder Eltern pflegt, der engagiert sich nicht selten anderweitig oder trägt, gar nicht mal so banal, Verantwortung für ein eigenes, gutes Leben.

 

Wir brauchen mehr Verständnis und einen ganz anderen Blick

 

Und das Jobangebot mit Führungsposition für Thomas? Er wird ablehnen. Für seine Familie zur Verfügung zu stehen hat für ihn momentan die höchste Priorität. Bis sich in den Köpfen der Menschen durchsetzt, dass auch ein Vater einen guten Job als Führungskraft machen kann, wenn er nur zu 80% arbeitet, wird es noch dauern, meint er. „Bis dahin geben wir uns mal weiter der Illusion hin, dass Führungskräfte mit 40 Wochenstunden und mehr rund um die Uhr zur Verfügung stehen“, sagt er schmunzelnd. Sollte Caro wieder mal eine Teamleiterstelle annehmen, dann würde sie sich vor allem eins wünschen: „Verständnis von den Kollegen. Verständnis dafür, dass man auch ein Mensch mit privaten Verpflichtungen und schlechten Tagen ist.“

Genau das sind die Themen, denen sich unsere Arbeitgeber stellen müssen. Weil sie nicht mehr darauf setzen können, dass weiterhin Tausende junger Menschen darauf brennen, eine Führungsrolle zu übernehmen. Dass es immer weniger Menschen gibt, die einfach aus Ehrgeiz an die Spitze wollen und aus Pflichtbewusstsein dort bleiben. Und dass die Verantwortung im Job nicht mehr unser höchstes Ziel ist, sondern, wenn schon, dann bitte auch mit unserem Leben vereinbar sein muss.

Und mal aus einer anderen Perspektive betrachtet: Als Angestellte brauchen wir Menschen, die uns zuhören, uns verstehen, die uns dazu bringen, unser Bestes zu geben und uns weiterzuentwickeln. Die uns darin unterstützen, uns als Team gut zu organisieren. Geht das immer am besten mit den superehrgeizigen Menschen vor Augen, die ackern bis zum Umfallen? Ich denke nicht. Da braucht es eher kreative Köpfe, die wissen, worauf sie sich einlassen und auch eine Idee vom Leben außerhalb der Bürofenster haben.

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Bildquelle: Danny Kekspro über Unsplash

Kommentare

  1. Ordentlich strukturieren und delegieren, dann geht es auch halbwegs pünktlich Heim.

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