Der schmale Grat zwischen verletzender Wahrheit und Lüge

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Vor ein paar Jahren, an einem grauen verkaterten Sonntag, ruft mich mein damaliger Freund von seiner kleinen Studentenstadt aus an. Voller Reue beichtet er mir, er wurde von einer Frau geküsst, aber er habe es doch gar nicht gewollt.

Wisst ihr, wie das ist? Die Knie werden weich, der Magen dreht sich einmal um und man weiß erstmal nicht, ob man Gift sprühen soll, oder gleich anfangen kann zu weinen. Mit Frosch im Hals hake ich nach, will genau wissen, wie das abgelaufen ist. Die Geschichte beginnt relativ normal: Er und seine Jungs in einer Bar, viele Biere im Spiel und eine Blondine. Und los geht der Film: Ich stelle mir Barbie vor, wie sie ihm, im schummerigen Licht der Bar, einen Lovesong im Hintergrund laufend, die Zunge in den Hals schiebt. Die grausame Vorstellung des Betrogenwerdens hält ziemlich abrupt an, als er mir den eigentlichen Verlauf der Geschichte schildert: Sie ist super betrunken und nervig, stürzt sich aus dem Nichts auf ihn und erwischt bei ihrem Kussversuch nichts als seinen Mundwinkel.

„Na, und jetzt?“, schießt es mir durch den Kopf. „Wegen dieser tollpatschigen Geschichte hast du mir die letzten 10 Minuten meines Lebens zur Hölle gemacht?“ Die ehrliche Seele am anderen Ende der Leitung stottert etwas verdattert ins Telefon, er wolle doch nur ehrlich sein, er hatte ein schlechtes Gewissen und würde so etwas doch auch immer wissen wollen. Ich höre es gar nicht, denn ich bin sauer.

 

Verletzende Wahrheit

 

Ganz nach dem Motto „Was du nicht weißt, macht dich nicht heiß“, hätte ich lieber gar nichts von diesem Kussunfall erfahren. Als wäre der große Schreck nämlich nicht schon groß genug, fange ich an zu grübeln. „Wie konnte es soweit kommen?“, „Erzählt er mir überhaupt die ganze Wahrheit?“ Lauter Gedanken, auf die ich gerne verzichtet hätte. Seiner Aussage nach war er nicht interessiert daran, fremd zu kutschen, geschweige denn unglücklich in unserer Beziehung. Weshalb erzählt er es mir also?

Meine Grübelei brachte mich zu einem viel späteren Zeitpunkt auf die Erkenntnis: Er hat sich seines schlechten Gewissens erleichtert. Und auf gut Deutsch seinen Müll bei mir abgeladen. Ist es nicht also eigentlich ungerecht von ihm, mir wegen eines unbedeutenden Knutschunfalls einen so großen Schrecken einzujagen? Ich befand ich mich in der Opferrolle einer übergriffigen, verletzenden Wahrheit. In diesem Falle sogar eher einer überflüssigen Information.

 

Doch lieber Fakten auf den Tisch?

 

Die Meinungen gehen hierbei auseinander, ein Freund von mir schwört auf das Gegenteil: Wahrheit pur, Fakten auf den Tisch. Ohne diese Voraussetzung funktioniert eine Beziehung für ihn nicht. Und zwar, weil es „ohne Ehrlichkeit kein Vertrauen gibt“. Und Vertrauen ist für ihn die absolute Basis einer guten Beziehung. Jede Lüge kommt früher oder später raus und dann schadet sie der Beziehung. Zum Lügen zählt auch Schweigen, denn haltet euch fest: Schweigen ist auch eine Antwort.

Als ich ihn nach den überflüssigen Informationen frage, wie die Knutschattacke, die meiner Meinung nach nichts als Probleme verursacht hat, setzt er mich ziemlich auf den Hosenboden: Keine Information ist überflüssig, denn jede Offenbarung schafft Vertrauen. Wichtig ist dabei lediglich, nicht taktlos zu werden. Hat die Kluft zwischen unseren Meinungen womöglich den Hintergrund, dass er stärker ist als ich? Es verlangt Mut, sich dem Unangenehmen zu stellen und Vertrauen zuzulassen. Man muss sich trauen zu vertrauen. Kann er sich besser fallen lassen? Lebe ich deshalb lieber in der heilen Blase und er in der von Zeit zu Zeit schmerzhaften Realität?

Ich glaube, sein Standpunkt ist das Produkt einer Entwicklung. Je größer das Vertrauen wird, desto weniger schmerzen die Wahrheiten. Er hat es schon geübt, ich nicht.

 

Der schmale Grat

 

Ich bin verunsichert, weil er so bestimmt ist und seinem Kommunikationskonzept in Beziehungen zu hundert Prozent vertraut. Sollte ich vielleicht anfangen, die Wahrheiten an mich ran zu lassen und üben, blindes Vertrauen aufzubauen? Oder bin ich noch nicht bereit dazu und lebe lieber weiterhin in der heilen Welt der Wissenslosen?

Und so stehen wir da, ich der Meinung, von der Knutschattacke zu erzählen, ist eine verletzende Wahrheit – mein Freund der Meinung, nicht davon zu erzählen wäre eine Lüge. Zwischen uns: Der schmale Grat.

Ein Schritt und ich stehe auf dem schmalen Grat. Ich versuche, Halt zu finden und darauf zu balancieren. Ich versuche, meinem jetzigen Partner blind zu vertrauen und dennoch nicht zu neugierig nachzuhaken, weil zu viele Informationen mich verletzen. Ich versuche, ihm von Situationen aus meinem Leben zu erzählen, ohne ihn damit zu ängstigen oder ihm weh zu tun. Und dafür lasse ich kleine – meiner Meinung nach unnötige – Informationen aus.

Mal sehen, wie es sich so geht, auf dem schmalen Grat.

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Bildquelle: Via pexels.com unter CC0-Lizenz

 

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