Versos al paso: Madrids Straßen werden poetisch

Madrid

Wenn der Herbst erst mal Einzug hält, der Regen die Peitsche rausholt und es gefühlt schon kurz nach dem Mittagessen dunkel wird, dann verengen sich unsere Scheuklappen noch ein wenig mehr. Während man über die Straße hastet, um sich bloß nicht eine Sekunde länger als wirklich nötig die Beine in den Bauch zu stehen, klebt der Blick entweder am Handy oder am roten Ampelmännchen. Und das wird dann mit den Augen still verflucht, angepöbelt oder hypnotisiert, weil es wieder mal nicht schnell genug umschaltet und den Weg für die vielen To-dos freigibt.

Seit ein paar Wochen bleiben die Menschen in Madrid allerdings immer öfter an der Ampel stehen und starren auf den Boden – obwohl schon längst Grün ist. Der Grund: Die Straßen sind voller Poesie. Im Sommer rief die Stadt in Zusammenarbeit mit den kreativen Graffiti-Köpfen von Boa Mistura zum zweiten Mal dazu auf, mit Versen an der kulturellen Initiative Versos al paso teilzunehmen. Dabei kamen 21.000 Verse zusammen; 400 stammen von bekannten spanischen Künstlern wie Vetusta Morla oder Bunbury, die direkt angefragt wurden. Im Oktober und November haben dann fleißige Mainzelmännchen zu später Stunde die insgesamt 1.100 ausgewählten Sprüche über die ganze Stadt verteilt. Literarisch, gesellschaftskritisch, humorvoll – Madrids Ampelübergänge sind plötzlich mehr als nur trister Asphalt.

Das Projekt zeigt, dass es sich lohnt, öfter mal den Schritt zu verlangsamen und genau hinzusehen. Denn manchmal findet man Überraschungen dann, wenn man sie am wenigsten erwartet. Und manchmal sind diese Überraschungen vielleicht Antworten auf Fragen, Botschaften, die zum Nachdenken anregen, Wortspiele, die uns inspirieren – oder einfach nur so kleine und dringend notwendige Weisheiten wie „Herzlichen Glückwunsch, du schaust gerade mal nicht aufs Handy“.

 

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(Lass das Gepäck am Ufer, so seh ich dich, wie du von mir gesehen werden willst)

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(Lesen ist der Weg)

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(Schon im Voraus bist du Nostalgie)

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(Wenn ich mich nicht verliere, dann finde ich mich auch nicht)

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(Wenn sie dir den Vortritt lassen, lass du ihnen ein Lächeln da)

 

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(Überquere deine Ängste, wenn dein Kopf auf Grün schaltet)

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(Was weiß ich, ob ich tatsächlich auch das Gebeichtete erlebt habe)

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(Du bist noch immer in den Worten, die ich schreibe, und auch in denen, die ungeschrieben sind)

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(Was bedeutet dir schon die Stadt, wenn niemand in ihr auf dich wartet)

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(Du erwischst mich dabei, wie ich die Reste eines Abends aufsammle)

(Möge jede Grenze ein Zebrastreifen sein)

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(Letzte Runde und dann ab nach Hause)

(Was für ein Geräusch macht ein Mensch, der sich vor Einsamkeit krümmt)

 

 

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Bildquelle: Unsplash unter CCO Lizenz

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