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Vintage: Warum lieben wir die Modernität der Vergangenheit?

Wir lieben Vintage, Retro und Antiquitäten. Aber was genau erhoffen wir uns eigentlich von den Schätzen der Vergangenheit?

Von Anke Waschneck

„I’ma take your grandpa’s style, I’ma take your grandpa’s style, No for real – ask your grandpa – can I have his hand-me-downs? (Thank you) Velour jumspusit and some house slippers, Dookie brown leather jacket that I found diggin’.“ (Macklemore and Ryan Lewis „Thrift Shop“, 2012)

 

Es ist nicht nur Kleidung, die wir – wie Macklemore – plötzlich von unseren Großeltern haben wollen, es sind Gegenstände wie Schreibmaschinen, Plattenspieler, ein Fahrrad oder der Toaster, der bei Oma seit 40 Jahren in der Küche steht. Es sind Gegenstände, die nicht mehr produziert werden und dadurch einzigartig sind, die sich absetzen vom Massentrend und der Massenproduktion.

Dabei gibt es natürlich einen feinen Unterschied zwischen wirklich alten, gebrauchten Gegenständen, die man in Second-Hand-Geschäften, auf dem Flohmarkt oder eben bei den Großeltern auf dem Speicher findet, und neu produzierten Gegenständen und Kleidungsstücken, die „Retro“ (lat. rückwärts) gestylt sind. Viele Produkte werden in einem bestimmten, schon da gewesenen Stil produziert und gelten damit als „Retro“. Vintage (engl. etwa alt, erlesen) bezeichnet da schon eher die Produkte, die eben nicht neu hergestellt sind, sondern „wirklich alt“.

 

Wo wir Vintage suchen und finden

 

Um Vintage oder auch Retro zu verkaufen, gibt es ganz unterschiedliche Konzepte. Das wohl älteste davon ist der Flohmarkt. Hier findet man vom alten Küchenschranküber ein Fahrrad bis zur alten Polaroid Kamera wohl alles. Inzwischen muss man das Haus allerdings gar nicht mehr verlassen, um auf den Flohmarkt zu „gehen“. Dank der wohlbekannten Plattform Ebay und nun auch Apps wie z.B. „Shpock“ kann man ganz bequem von der Couch aus gebrauchte Ware kaufen.

Bei Kleidung gibt es schon weit mehr Möglichkeiten: Natürlich finden sich auch hier Apps wie Kleiderkreisel oder auch Asos Marketplace usw., doch auch Second-Hand-Geschäfte gibt es reichlich. Dabei kann entweder pro Kilo gezahlt werden, man kann Regalfächer mieten und darin alte Sachen verkaufen, oder auch ganz klassisch die eigene Kleidung in ein Geschäft bringen, die dann dort verkauft wird. Dazu gibt es Flohmärkte, die ausschließlich für Kleidung sind, oder auch Märkte, bei denen man pro Teil, das man mitbringt, ein Teil mitnehmen darf – eine live Tauschbörse.

 

Doch nun die eigentliche Frage: Warum ist Vintage so beliebt?

 

Darauf gibt es sicherlich verschiedene Antworten. Allem voran leben wir in einem Zeitalter, in dem es in jeder Stadt die gleichen Geschäfte gibt: Zara, Promod, H&M, Esprit, Abercrombie&Fitch…. Bei einer derartigen Einheit ist es verlockend, aus der Masse herauszustechen – anhand von Kleidungsstücken, die eben nicht jeder Zweite besitzt, sondern die ein Unikat sind und dem Träger das Gefühl von Einzigartigkeit geben.

Unsere Generation ist jedoch auch immer umweltbewusster und ökologisch verantwortungsvoller. Cameron Silver, der Gründer der „Decardes“ Vintage Boutiquen, der Stars wie Julia Roberts oder Chloe Sevigny einkleidete, sagt gegenüber der Süddeutschen Zeitung: „Vintage ist Recycling. Wir sind Teil der Ökobewegung“. Ein weiterer Grund also, warum wir Vintage so gerne mögen: unser Gewissen.

Dazu kommt auch noch, dass es von alten Produkten oft heißt, sie hätten eine bessere und langlebigere Qualität. Wir müssen unser Gewissen nicht damit belasten, dass Kleidung in einem fremden Land unter zweifelhaften Konditionen produziert wurde, sondern entweder der Käufer weiß nicht, woher das Vintage Produkt kommt und wie es hergestellt wurde oder man kann mit gutem Gewissen ein Produkt kaufen, dass noch im eigenen oder im Nachbarland mit guter Qualität produziert wurde. Dabei muss man allerdings auch anmerken, dass diese Qualität oft ihren Preis hat – dazu später aber mehr.

 

Vintage und Retro als Festhalten an einer sichereren Zeit

 

Eine ganz andere These stellt Antje Schünemann vom Hamburger Trendbüro auf, die in einem Interview mit der Süddeutschen sagt: „Zu viel Freiheit macht Angst – und Retro-Elemente geben die Verlässlichkeit zurück, die uns fehlt. Gerade die amerikanischen fünfziger und frühen sechziger Jahre stehen für eine heile Welt, für einen festen Rahmen, der das Leben bestimmt“. Vintage und Retro hier also als Festhalten an einer sichereren Zeit, an einer Zeit, die nicht mehr veränderbar ist, da es sich um die Vergangenheit handelt, und die damit eine feste, „verlässliche“ Komponente darstellt.

Auch die Begründung von Sabine Sielke, die das Projekt „Nostalgie“ an der Universität Bonn leitet, wo sie Professorin für Anglistik ist, geht in eine ähnliche Richtung. In der Badischen Zeitung sagt sie: „Retrowellen treten vor allem auf, wenn sich Zeit beschleunigt“. Es gibt Sicherheit, wenn man in einer Welt voll von Computern, Mobiltelefonen und Daten ein Blatt in eine Schreibmaschine spannt und jeden Buchstaben erscheinen sieht. Wir wehren uns gegen die moderne Zeit, indem wir auf etwas Altes, Beständiges zurückgreifen. Sielke bringt es auf den Punkt: „Es ist die Suche nach Authentizität“. Wir wollen einen Gegenstand besitzen und nutzen, der uns das Gefühl von Echtheit vermittelt und der eine Geschichte hat und erzählt.

Dass Vintage auch aus der modischen Sicht gesehen etwas mit Geschichtsverständnis zu tun hat, betont auch Cameron Silver: „Im Übrigen beziehen die Designer ihre Inspiration ja aus der Vergangenheit. Wer sich ein bisschen auskennt, kann bei den heutigen Shows die historischen Vorbilder hinter den modernen Kleidern leicht erkennen. Vintage-Liebhaber wollen das Original. Sie kaufen die Vorbilder für das, was heute in den Läden hängt. Die Vintage-Welle hat viel zu tun mit unserer allgemeinen Geschichtsobsession.“

Die Käufer von Vintage oder Retro setzen sich laut Silver also aktiv mit der (Mode-)Geschichte auseinander. Hier gibt es auch oft Verschmelzungen wie beispielsweise moderne Musik auf Schallplatten oder auch digitale Bilder so zu bearbeiten, dass sie wie Bilder aussehen, die mit einer alten Kamera aufgenommen wurden. Damit werden moderne Elemente historisiert oder historische Elemente modernisiert – wie man es sehen möchte.

 

Vintage hat seinen Preis

 

Vintage hat allerdings auch seinen Preis. Bleiben wir bei dem Beispiel der Schallplatte: Adeles „25“ kostet als CD 13,99 Euro, als Schallplatte 19,99 Euro. Eine alte Polaroid Kamera ist nicht mehr sehr teuer, dafür kosten die Filme überdurchschnittlich viel. Es ist ein Kontrastprogramm zur digitalen Welt, in der man z.B. Tausende von Fotos machen kann, eines auswählen und dieses für 10 Cent ausdrucken.

Doch bei Vintage geht es nicht um den Preis – es geht um das Lebensgefühl. Prominente wie Julia Roberts (in ihrem legendären Vintage Kleid von Valentino bei den Oscars 2001), Beyoncé (bei den Oscars 2005 in einem Vintage Kleid von Versace) oder Natalie Portman (2012 in einem Vintage Dior Kleid bei den Oscars) zeigen, wie modern und gesellschaftsfähig Vintage ist, Stars wie Dita von Teese oder Katy Perry präsentieren mit Stolz und Stil Retro-Looks. Jeder trägt oder nutzt Vintage aus verschiedenen Gründen – Stil, Lebensgefühl, Überzeugung – und wir können froh darüber sein, denn in einer Zeit von Massenproduktion schafft es Diversität und macht Lust darauf, anders zu sein.

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Bildquelle: Pexels unter CC 0 Lizenz

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