Warum wir nicht immer stark sein müssen

warum wir nicht immer stark sein müssen

Als wäre das Leben nicht schon schwer genug – so stehen wir regelmäßig vor neuen Scherben und neuen Ängsten, gleichzeitig vor offenen Türen und Entscheidungen. Und wer begleitet uns immer dabei? Zu jedem Zeitpunkt immer diese verdammte eigene Befindlichkeit. Diese Verletzlichkeit, die uns schon selbst nervt, die auch immer wieder dafür sorgt, dass wir aufrüsten und uns nach außen stark machen. Und dass wir schlechte Gefühle mal beiseite stellen und uns gefälligst mal nicht so haben.

Beziehungen, Uni, Job, Familie und ja, der Kontostand – miteinander kombiniert schaffen es diese Komponenten uns ins größte Rage- und Stresslevel zu katapultieren. Und nochmal ja, es geht uns allen so. Jeder hat diesen Stress und keiner trägt dabei einen wesentlich kleineren Rucksack an Ballast auf dem Rücken als der andere. Deshalb sagt man: „Stark bleiben! Da haben andere schon viel schlimmeres durch gemacht.“ Erwartungen gibt es viele an uns: Wir sollen tough sein, jedes Mal wieder aufstehen und uns berappeln. Mit jedem Hochhiefen aus der Scheiße macht uns das ja nur noch stärker.

Vielleicht ist das aber der falsche Ansatzpunkt. Vielleicht haben wir da die gesamte Zeit etwas missverstanden und die Antwort auf all unsere Sorgen ist nicht „werde stärker“ sondern „werde weicher!“ Manchmal müssen wir sehr ehrlich zu uns und den anderen sein und sagen: Hier ist Stop! Es geht nicht weiter! Es fühlt sich scheiße an, ich fühle mich klein und vor allem mag ich nicht die Starke spielen.

 

Soft is the new hard

 

Wir könnten öfter loslassen. So lange wir dabei niemandem weh tun oder unser Leben gleich in Gefahr bringen, ist es doch eigentlich mehr als gesund, mal locker zu lassen und Dinge schleifen zu lassen. Man muss nicht gleich unverantwortlich handeln, nur weil man Verantwortung abgibt. Wenn sich etwas in unserem Leben anfühlt wie ein Ziegelstein und wir nur noch darunter leiden, dann müssen wir etwas dagegen tun.

Und was auch immer dieses etwas ist, das Resultat soll sich dann bitte anfühlen wie der Ausbruch aus einem Gefängnis durch eine eingeschmuggelte Feile im Baguette oder zumindest wie der erste Flug des Vogels aus einem Wohnzimmerkäfig mit hässlicher Einrichtung. Manchmal muss man ein kalkuliertes Risiko eingehen, um sich selbst wieder nahe zu kommen. Trennung, Kündigung oder das „Ja“-Sagen zu etwas, vor dem wir Angst haben. Wir sollten uns erlauben zu straucheln, mal keinen Plan zu haben. Und nur für uns und unseren Quatsch verantwortlich zu sein, was für ein befreiendes Gefühl!

 

Hätten wir es leichter gehabt, hätten wir Hilfe angenommen?

 

Leichter gesagt als getan: Gefühle zulassen. Igitt. Um Himmels Willen! Uns verletzbar zu zeigen macht uns angreifbar und menschlich, deshalb fürchten wir uns so sehr davor. Zuzugeben, dass unsere Beziehung vielleicht beschissen läuft, die Uni gerade so richtig am abkacken ist und dass wir glauben, der Chef kann uns nicht leiden – fühlt sich nicht gut an. Zeigt, dass unser Leben nicht perfekt läuft.

Vielleicht sollte man am Ende eines Gesprächs mit Freunden nicht mehr sagen „Ach, aber das packe ich schon…“. Weil natürlich wirst du es packen, irgendwie kommen wir ja immer aus unserem Trouble raus. Die Frage ist eher, wie und in welchem Zustand schaffen wir es da raus zukommen? Wie kaputt ist unser Seelchen, was haben wir aufgegeben? Und die große Frage schwingt mit: Hätten wir es leichter gehabt, hätten wir nur etwas abgegeben? Weichheit wirkt wie eine Schwäche – dabei ist es eigentlich einer der stärksten Eigenschaften.

 

Keine Welt, in der uns Vögel beim Anziehen helfen

 

Wenn du glaubst, eine Situation erfordert es super stark zu sein, dein Brustgefieder aufzuplustern und etwas schwierigem oder vielleicht sogar traumatischem entgegen zublicken – dann frage dich: Habe ich auch eine andere Option? Wenn ja, wie sieht diese aus? Diesen Situationen begegnen wir jeden Tag. Wenn wir verletzt werden. Wenn wir Freunden verzeihen sollen. Wenn wir etwas schon tausendmal gesagt haben und es der andere um´s Verrecken nicht umsetzt. Es sollte eigentlich selten um Stolz gehen, sondern viel mehr um Menschlichkeit. Zu überlegen, was umreißt den anderen gerade und warum könnte er gerade so handeln, wie er es tut?

Gieren wir immer nur nach Stolz und Stärke, dann verschließen wir uns eine Welt, in der wir uns emotional weiter entwickeln können. Versuchen wir dieses Bild nach außen zu gestalten, dann werden wir uns auf Dauer das Leben schwer machen. Und eine weiche Perspektive auf Dinge zu haben bedeutet nicht, einen wunderbaren Filter darüber zu legen, bei dem dir Vögel beim Anziehen helfen.

Dich auf die emotionale und empathische Ebene zu begeben wird spannend: Nicht nur, dass wir andere Menschen besser verstehen – nein. Unser eigenes Schmerzempfinden wir sehr wahrscheinlich heftiger und intensiver. Wir entdecken Gefühle, die wir davor gar nicht in uns kannten. Aber es bedeutet auch: Wir lachen mehr und lauter. Wir fühlen uns geliebter und inspirierter. Wir tanzen wilder.
Denn Weichheit ist keine Schwäche! Es ist eine unserer größten Stärken!

 

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Bildnachweis: Christopher Campbell via unsplash

Autorin: Worte sind mein liebstes Spielzeug, schon seit ich denken kann. Vielleicht möchte ich auch deshalb meine Gedanken-Tube auf dem virtuellen Blatt immer wieder leer drücken, um meine Worte von allen Seiten zu betrachten und mit schönen Adjektiven zu versehen.