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6 Fragen, 6 Antworten: Was ist Muße?

Ein ZEITjUNG-Interview mit Markus Tauschek über produktive Unproduktivität.

„Muße, nicht Arbeit, ist das Ziel des Menschen“ – diesen klugen Satz sagte schon Oscar Wilde. Aber könntest du in einem Satz beschreiben, was Muße eigentlich ist? Ich auch nicht. Und wenn sie, so sagt zumindest Wilde, das Ziel von uns allen ist- wie erreichen wir es dann? Schopenhauer, Hölderlin, Wilde oder Hannah Arendt – sie alle zerbrachen sich den Kopf über Muße. Aber was ist das eigentlich genau? Was für ein Zustand ist Muße überhaupt? Und wieso ist das so erstrebenswert? Fragen über Fragen.

Markus Tauschek ist Professor für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie an der Uni Freiburg. Er betreut den kulturanthropologischen Teil des interdispziplinären Forschungsprojektes „Muße lernen?„. Die ForscherInnen untersuchen aus der Perspektive von 14 verschiedenen akademischen Disziplinen das Phänomen „Muße“. Mit ZEITjUNG hat Markus Tauschek darüber gesprochen, was Muße jetzt eigentlich ist, ob wir Muße lernen können und ob Entschleunigung à la Yoga, Slow Food, Waldbaden und Co. überhaupt etwas mit Muße zu tun.

Muße lernen?

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Ihr Forschungsprojekt heißt „Muße lernen“ – was ist Muße genau?

Prof. Dr. Markus Tauschek: Wir als Forschende verstehen Muße als komplexes Zusammenspiel von Tätigkeit und Untätigkeit; Muße könnte man verstehen als produktive Unproduktivität. Mit diesem geradezu paradoxen Charakter unterscheidet sie sich von anderen Zeiterfahrungen. Sie wird von Menschen anders erfahren als die Langeweile, die wir mitunter ja sehr negativ bewerten, oder die Freizeit. In unserem Projekt untersuchen wir Kurse – vom Waldbaden über Achtsamkeitskurse bis hin zu Kursen, die sich mit dem Thema Work-Life-Balance befassen –, in denen Menschen feststellen, dass sie in ihren Alltagen über zu wenig Muße verfügen. Muße ist für viele Menschen enorm attraktiv: Sie hat etwas mit Loslassen und Entschleunigung, mit Kreativität und einer positiv bestimmten Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben zu tun.

Bildquelle: Unsplash mit CCO Lizenz.

Muße.

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Wenn wir das Gefühl haben, über zu wenig Muße, also zu wenige kreative, aber im herkömmlichen Sinne unproduktive Freiräume, zu verfügen- haben wir dann im Grunde verlernt Muße zu erfahren?

Viele unserer Interviewpartner haben das Gefühl, Muße verlernt zu haben oder nicht über ausreichend Muße im Alltag zu verfügen. Das hat sicher etwas mit den Veränderungen in unseren Arbeitswelten zu tun: Die Arbeit, die immer mehr auf die Freizeit übergreift; die ständige Rede von der Leistungsgesellschaft oder auch das Gefühl, man müsse im Sinne der Selbstoptimierung permanent an sich selbst arbeiten. Auch die Freizeit ist ja oft sehr stark nach Kriterien der Leistung organisiert – Stichwort Freizeitstress – und wird selbst als herausfordernd empfunden. Darauf reagiert inzwischen eine gut aufgestellte Freizeit- und Kulturindustrie. Muße, so könnte man zugespitzt argumentieren, ist ein heiß umkämpfter Markt, mit dem sich Geld verdienen lässt. Dabei ist die Rede vom Verlust von Muße natürlich ein schlagkräftiges Argument. Das soll natürlich nicht heißen, dass Menschen nicht unter den Anforderungen in Arbeit, Partnerschaft oder Freizeit leiden. Mir geht es darum zu verstehen, wie Muße hier als Versprechen genutzt wird und wie das Gefühl von zu wenig oder eben genug Muße sozial und kulturell wirkt.

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Muße und Kreativität.

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Wie kann ich Muße erfahren und auch in meinem hektischen Alltag etablieren?

Einerseits ist Muße nur bedingt plan- und vorhersagbar. Sie kann sich häufig völlig unverhofft einstellen – auch in ganz alltäglichen, routinierten Praktiken; oft dann, wenn man gar nicht mit ihr rechnet. Wie etwa beim Warten auf den verspäteten Zug, wenn sich plötzlich kreative Freiräume auftun. Auf der anderen Seite versprechen verschiedenste Kurse ja gerade, dass man Muße auch lernen könne. Hier sehen wir immer wieder, dass Muße sicher auch mit innerer Haltung zu tun hat – zu sich selbst und zur Welt um einen herum. Diese Haltung hat etwas mit Atmosphäre zu tun, aber auch mit konkreten Körperpraktiken, die man ohne jeden Zweifel erlernen kann. Ich würde aber schon sagen, dass die Fähigkeit, die Zeit als mußevoll zu charakterisieren, viel mit unserer Erziehung, mit unseren Lebenswelten, etwa unserem Arbeitsplatz und der Art und Weise, wie wir die restliche Alltagszeit füllen, und letztlich auch mit harten Fakten wie sozialen Milieus oder ökonomischem Kapital zu tun hat.

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Muße lernen.

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Haben wir heutzutage ein anderes Verständnis von Muße als zum Beispiel die Menschen vor 100 Jahren?

Auf jeden Fall. Wer konnte oder durfte denn historisch überhaupt über Muße, also über eine Art zeitlichen Freiraum, der zwar kreativ-schöpferisch produktiv aber zugleich auch unproduktiv ist, verfügen? In der Antike verfügten die Unfreien zum Beispiel auch nicht über Muße. Oder in der Industrialisierung hat der Arbeiter am Fließband mit wesentlich längeren Arbeitszeiten wohl sehr eingeschränkt Muße erfahren. Muße hat immer auch mit Klasse oder Milieu, auf jeden Fall auch mit ökonomischem Kapital zu tun. Es ist eine spannende Frage, ob unterschiedliche Klassen oder Milieus Muße verschieden erfahren. Nicht jede*r erfährt ein Konzert mit Fünftonmusik als mußevoll und umgekehrt empfinden nicht alle die Großraumdisko als mußeaffin. Es ist sehr spannend, dass Muße heute eine Renaissance erlebt. Dass sie vielversprechend ist, zeigt sich unter anderem auch in Debatten um das bedingungslose Grundeinkommen, in denen immer wieder auch über Muße debattiert wird. Werden Menschen dann in ihrer Freizeit faul sein oder werden sie durch Muße kreative und schöpferische Potenziale freisetzen? Muße ist dann regelrecht ein politisch brisantes und relevantes Thema.

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Muße und Yoga.

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Aktuell sind Achtsamkeit, Yoga, Slow Food oder Autogenes Training Schlagwörter, die überall in unserer Gesellschaft herumgeistern – ist Muße wieder in?

In bestimmten Milieus ist Muße auf jeden Fall „in“ und ein absolut erstrebenswertes Ziel. Das hat natürlich auch mit bestimmten Selbstbildern zu tun und sicher auch mit unserer Sozialisation. Auf jeden Fall wird mit manchen Angeboten auch ein spezifischer Lifestyle vermarktet, der Sportlichkeit, Jugendlichkeit, Fitness und so weiter transportiert. Oft haben diese Angebote auch mit Sinnsuche zu tun und erinnern sogar an das, was die Forschung als populäre Religion bezeichnet. Dass es einen großen Markt rund um die Muße gibt, schließt aber nicht aus, dass Muße positives Potenzial hat. Zum Beispiel dann, wenn Menschen über die Strukturen kritisch nachdenken, die ihnen Freiheit nehmen, oder wenn sie diese Strukturen sogar verändern.

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Muße.

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Führt ein Kult um Muße nicht auch wieder zu Stress? Ist das dann nicht eigentlich ein Muße-Killer?

In unserer Forschung begegnet uns genau das immer wieder. Nämlich dann, wenn mit den erstrebenswerten Erfahrungen von Muße, Optimierung oder Leistungsdruck verbunden sind. In jedem Fall hängt Muße immer mit ihrem Gegenbild zusammen. Es ist eine spannende Frage, in welcher Beziehung Muße etwa zu Stress, zu Arbeit oder zu Langweile steht. So streng sind diese Bereiche vermutlich gar nicht voneinander zu trennen. Es gibt vielmehr unglaublich viele Verquickungen und Graubereiche, die man erst einmal gründlich untersuchen muss, um besser zu verstehen, wie Muße als Begriff, als Versprechen oder als Praxisform funktioniert.

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Kommentare

  1. Dieses Muse-Projekt ist wirklich spannend

    Olaf / Antworten

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