Von Lucas Gros

Letztens hat mir jemand erzählt, sein Vater sei Philosophie-Professor an einer deutschen Universität. Die Geschichte, die jetzt kommt, ist nicht so insidermäßig, dass ich sie hier nicht getrost erzählen könnte. Denn sie ist unterhaltsam. Also: Er sprach von Leuten, die auf komplexeste Klausurfragen mit einem Satz oder gar einem Wort antworten.

So etwas, wie: „Plausibilisieren Sie die von Platon in der Politeia insinuierte Analogie zwischen Seele und Polis unter Berücksichtigung des von Karl Popper gegen Platon vorgebrachten Totalitarismus-Vorwurfs.“ Auf eine derartige Frage mit „Platon rockt.“ zu antworten, grenzt an Dummheit. Fand zumindest mein Gesprächspartner – er ist damit sicher nicht allein. Man kann aber auch von purer Genialität sprechen. Ich meine, das ist kurz und knapp ein Standpunkt zu der Frage. Der Antwortende redet nicht drumrum, kommt auf den Punkt: Popper = Epic Fail. Platon = Win. Ende der Diskussion. Fast.

Das Beispiel zeigt kurioserweise, dass sich der Diskurs zu dieser Frage tatsächlich auf zwei Worte verdichten lässt. Denn gemeinhin ist man der Ansicht, die Vorwürfe Poppers seien zwar im Grunde richtig, sie seien aber auch etwas übertrieben, sowie in einem zweifelhaften Zusammenhang geäußert worden.

 

Ein Blog treibt’s auf die Spitze

 

Na gut, genug dieses einleitenden, theoretischen Krams. Worauf ich hinaus will: Eine Studentin aus Harvard hat sich den Spaß jetzt mit ganzen Abschlussarbeiten gemacht. Angela Frankel studiert Biologie. Sie ist seit einiger Zeit mit ihrer Abschlussarbeit über ein Protein bei Zebrafisch-Embryonen beschäftigt, als sie sich gefragt hat, was der ganze Quatsch eigentlich soll. Irgendwie ist das doch lächerlich. Täglich beschießt sie Fische mit Laserstrahlen. Die armen Dinger.

Deshalb gründet sie den Blog lolmythesis.com, auf dem sie ihre Arbeit wie folgt zusammenfasst: „I have killed so many fish.“ Seither sind hunderte Studenten ihrem Beispiel gefolgt und haben ihre tiefgründigen Inhalte an Angela gesandt. Einer vertritt beispielsweise die These: „Pigs suck, because they can“. Ein anderer wagt sogar zu behaupten: „Moby Dick is the hero of ‘Moby Dick’“. Und ein dritter lässt uns wissen: „Russians, on average, prefer not to die or be conquered“.

Das entspannt doch, wenn man hochtrabende, wissenschaftliche Inhalte so einfach nahegebracht bekommt. Es kocht die ganze Angelegenheit auf Normalmaß runter und macht deutlich, dass auch in der Wissenschaft – um beim Kochen zu bleiben – nur mit Wasser gekocht wird. Womit wir wieder bei Karl Popper wären.

 

Einfaches kompliziert formuliert

 

Der hat nämlich eine ganz ähnliche Idee wie Angela Frankel gehabt. In seinem Aufsatz „Gegen die großen Worte“ setzt er sich für eine klare Ausdrucksweise und die Abschaffung des Geschwafels in der Wissenschaft ein. Sein Credo: Sagt, was ihr sagen wollt und verkompliziert nicht unnötig, was in wenigen Worten zu sagen wäre. Ein Beispiel gefällig?

Theodor W. Adorno schrieb einst: „Die gesellschaftliche Totalität führt kein Eigenleben oberhalb des von ihr Zusammengefassten, aus dem sie selbst besteht.“ Hä, denkt ihr jetzt. Popper übersetzt: „Die Gesellschaft besteht aus den gesellschaftlichen Beziehungen.“ Ah, jetzt, ja.

Also geht hinaus, tötet keine kleinen Fische, lasst die Russen in Ruhe und redet nicht so geschwollen. Und falls ihr gerade an einer Abschlussarbeit schreibt, schickt eure Gedanken doch an Angela. Sie hat’s vorgemacht: das kann erleichternd wirken.