Von Studierenden unterschätzt und verharmlost – der Alkohol
Warum trinken wir überhaupt?
„Ich hab gar nichts dagegen, wenn Leute trinken. Ich glaube, ich habe weniger Abneigung vor Leuten, die trinken, als Leute, die trinken, eine Abneigung vor mir haben“. Sarah wird auf Partys immer gefragt, warum sie denn nicht trinke. Und das nicht selten mit einem ungläubigen oder sogar verurteilenden Unterton. Aber sollte die Frage bei all diesen Risiken nicht umgedreht werden? Sollten wir nicht fragen: Warum trinkst du?
Im studentischen Milieu ist die Antwort auf diese Frage wohl häufig „weil es so viele Gelegenheiten gibt“. Wohnheime, WG-Partys und andere Veranstaltungen verführen zum Mittrinken. Alle anderen trinken ja auch, es gehört dazu. Auch wer gar nicht so unbedingt trinken möchte, beugt sich dem Gruppenzwang, um sich nicht rechtfertigen zu müssen.
„Trinken ist die leichtere Option“ sagt Sarah.
Vor allem Männer erleben einen sozialen Zwang, viel zu trinken. Durchs Trinken wird ein von der Gesellschaft gegebenes Rollenbild vom starken, harten Kerl erfüllt. Nichttrinker oder die, die wenig vertragen, werden nicht selten als „Schwächlinge“ abgestempelt. Außerdem wird mit Alkohol versucht, Nervosität zu überwinden und sich Mut anzutrinken, um Leute anzusprechen.
Noch mehr Inspiration, dem Alkohol eine Zeit lang zu entsagen, findet ihr hier.
Gefährliche Verharmlosung
„Es ist schon fast ein Statussymbol, was man alles Verrücktes betrunken erlebt hat. Man hört wie Leute erzählen, dass sie hinter einem Busch gepennt haben, weil sie es nicht mehr heimgeschafft haben, das findet man dann witzig. Aber eigentlich ist das ziemlich gefährlich.“
Wie gesagt, Alkohol ist die Kulturdroge schlechthin. Ein Absturz oder zwei, das gehört zu den Erfahrungen des Lebens wie der alljährliche Sommerurlaub. Die Geschichten werden dann immer wieder herzlich lachend erzählt, schockiert ist davon keiner.
Gelegentlich bekommt Sarah für ihr Verhalten auch gute Rückmeldungen. Einmal hat ihr ein Student auf einer Party gesagt, wie sehr er es bewundert, dass sie es schafft, nicht zu trinken. Dass er das total nachvollziehen kann und Respekt davor hat. Auch er würde gern auf Partys weniger oder mal nicht trinken, aber er schafft es nicht, gegen den Strom zu schwimmen.
Nein heißt Nein
Das zeigt uns, wie falsch unser Bild und unser Umgang mit Alkohol ist. Es sollte sich niemand gezwungen fühlen, Alkohol zu trinken, es sollte nicht so schwer sein, die gesündere Entscheidung zu treffen. Was wir unserem eigenen Körper antun oder Gutes tun, ist unsere Entscheidung. Jede*r hat seine guilty pleasures, nobody´s perfect. Wenn wir allerdings andere zum Trinken motivieren, überreden oder sie für ihr Nichttrinken verurteilen, mischen wir uns in Angelegenheiten ihres Körpers und ihrer Gesundheit ein, die uns nichts angehen. Das ist übergriffig. Ob jemand trinken will oder nicht, ist deren eigene Entscheidung und ein „Nein“ muss akzeptiert werden. Beim ersten Mal, ohne Überredungsversuch, ohne Verurteilung und ohne „Wieso?“. Ohne „wenn“ und ohne „aber“.
Wer nun gerne mal eine Trink-Pause einlegen will, für den hat die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mit Beginn der Fastenzeit am 17. Februar die Fastenaktion „Alkohol? Kenn dein Limit.“ ins Leben gerufen.
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Bildquelle: Chris F von Pexels; CCO-Lizenz