Banksy-Ausstellung in München: Ein Widerspruch in sich?

Banksy Künstler Ausstellung München

Wenn alles schläft ist seine Zeit gekommen: Dann zieht er wieder los, akribisch darauf bedacht, sich nicht erwischen zu lassen, und hinterlässt auf Mauern, Wänden, Brücken seine kleinen Botschaften, die mal provokant, mal sozialkritisch, aber niemals humorlos sind. Banksy ist der berühmteste Sprayer der Welt und hat mit seiner Kunst, die das aktuelle Zeitgeschehen ein ums andere Mal treffend dokumentiert und analysiert, längst Kultstatus erreicht.

Zu Beginn hatte es tatsächlich rein praktische Gründe, dass der Street-Art Künstler seine Identität geheim hielt (Graffitis sprühen ist nach wie vor illegal) – doch mittlerweile heizt es vor allem den Mythos um seine Person an, oder vielmehr um diesen rätselhaften Schatten, der jahrelang durch die nächtlichen Straßen Londons streifte. Immer wieder hört man davon, dass er nun endgültig enttarnt wurde – doch Banksy bleibt anonym, und etliche Kunstliebhaber begehren nichts so sehr wie die Kunst des geheimnisumwitterten, britischen Ausnahmetalents, der für seine Werke mittlerweile absurd hohe Preise verlangen könnte.

 

Kommerz? Ja, zumindest ein bisschen

 

Doch Banksy distanziert sich öffentlich immer wieder vom Kunsthandel, spricht sich gegen Auktionen und kommerzielle Galerien aus und bleibt der altbekannte Verfechter kostenloser Street-Art, der seine Werke auf gewohnt provokante Art auch mal illegal in Museen aufhängt. Auch wenn er seine Ansichten zwar ein wenig gelockert haben könnte – immerhin hat er eine eigene Firma namens „Pest Control“ und verkauft auf seiner gleichnamigen Homepage eigene Werke – war es trotzdem eine Überraschung, als Anfang diesen Jahres eine Münchner Galerie eine Ausstellung mit zahlreichen Werken des Ausnahme-Künstlers ankündigte. Steckt tatsächlich der geheimnisumwobene Banksy hinter der Ausstellung Banksy: King of Urban Art @ Munich“ Nein, natürlich nicht.

Es handelt sich dabei um eine Privatsammlung der Galerieinhaber Kronsbein. „Mein Vater ist drei Jahre lang in der Weltgeschichte herumgereist und hat die Werke, die hier nun ausgestellt sind, zusammengetragen“, erklärt seine Tochter Sarah Kronsbein im Interview mit ZEITjUNG.de „Das war natürlich sehr schwierig, weil Banksy ja immer noch anonym unterwegs ist. Das Ganze lief dann vor allem über den Sekundärmarkt, also über andere Sammler, die Banksys Ausnahmetalent schon früher erkannt hatten.“

Etwa 40 Werke zieren nun die weißen Wände in der Galerie Kronsbein. All die Siebdruckblätter, um die es sich hier überwiegend handelt, sind mit dem „Pest Control-Zertifikat“ versehen und original signiert. Das Zertifikat steht für die Echtheit einer Arbeit und besteht aus der einen Hälfte einer durchlaufenden Nummer (die andere Hälfte besitzt die Firma) und einer darauf getackterten durchgerissenen 10-Pfund-Note mit einem Abbild Dianas. Dieser Echtheitsnachweis ist Frau Kronsbein zufolge äußerst schwer zu fälschen.

 

Eine Mischung aus ikonischen und dokumentarischen Motiven

 

Die beiden relativ kleinen Ausstellungsräume mit weißen Wänden und hellen Holzböden sind zwar schnell durchschritten, überzeugen aber trotzdem doch durch die erstaunliche Vielfalt an Werken. Dirk Kronsbein hat während seiner Reisen offensichtlich sorgfältig darauf geachtet, dass er am Ende eine stattliche Sammlung mit einer sinnvollen Mischung aus sowohl treffend dokumentarischen als auch typisch ikonischen Motiven beisammen hat. Und tatsächlich ist er nun stolzer Besitzer von berühmten Motiven wie „Choose your Weapon“, „Nola“, „Rude Copper“ oder „Girl with Balloon“, die in München erstmalig bestaunt werden können.

Es ist tatsächlich die größte Privatsammlung mit Werken des Künstlers, die in Deutschland je ausgestellt wurde. Da ist der Andrang natürlich groß – Banksy ist schließlich auch den größten Kunstbanausen ein Begriff: „Wir haben ein unglaublich vielschichtes Publikum. Ein Publikum, dass sich nicht in eine Zielgruppe packen lässt. Da ist alles dabei, von jungen Schulklassen über Besucher der Bundeswehr bishin zu Senioren – und zwar aus allen Bildungsschichten. Es ist wirklich sehr faszinierend, das zu erleben“, erklärt Sarah Kronsbein.

Sie selbst führt Schulklassen und Senioren durch die Ausstellung, geht dabei aber vor allem auf generelle Eigenheiten des Künstlers wie immer wiederkehrende Symbolik und spezielle Farbkompositionen ein: „Das Schönste an der Ausstellung ist ja, dass wir Raum für Eigeninterpretationen lassen. Die Kunden gehen den Weg selbst, jeder hat eine andere Herangehensweise, einen anderen Bezug zu dem Bild. Uns ist wichtig, dem Betrachter da nichts vorwegzunehmen.“

 

Der Sprayer ist einer der einflussreichsten Menschen der Welt

 

Kronsbein hat kein bestimmtes Lieblingswerk in der Ausstellung – das ist nach eigener Aussage tages- und launenabhängig. Momentan gefällt ihr zum Beispiel der „Ruder Copper“ am besten – ausgerechnet der Polizist, der den Stinkefinger zeigt: „Ich finde es nicht gut, dass einem in dieser Gesellschaft immer eine bestimmte Rolle zugeteilt wird. Natürlich hat ein Polizist irgendwo eine Vorbildfunktion, aber es ist doch menschlich, auch mal die Fassung zu verlieren.“

Es sind jene Doppeldeutigkeiten und tiefgründigen Subkontexte, aber auch sein unnachahmlich schwarzer Humor die es so schwer machen, sich diesem Künstler zu entziehen. Banksy bearbeitet Themen, die das Zeitgeschehen widerspiegeln –  universal verständlich und generationsübergreifend. Deshalb ist der Street Art-Künstler, der dem Time Magazin zufolge zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt zählt, seit langem nicht mehr nur Kunstinteressierten ein Begriff.

Banksys Kunst ist Massenware – Plakate, Buttons und Taschen mit gefälschten Banksy-Arbeiten sind mittlerweile fester Bestandteil im Repertoire jedes Londoner Straßenverkäufers. Der Brite ist vor langer Zeit im Mainstream angekommen  – doch jeder, der sich schon Mal näher mit dem immer unangepassten Provokateur befasst hat, kann sich vorstellen, dass dem das möglicherweise gar nicht so recht ist. Banksy hatte sich von dem Hype um seine Person immer distanziert. Er hatte nicht nur kein Verständnis dafür, wenn Kunstliebhaber gut und gerne 100.000 Pfund für eines seiner Werke hinblätterten – er machte sich über die Käufer sogar lustig.

 

Der antikapitalistische Street-Art Verfechter

 

Und auch wenn es offensichtlich keinem Künstler – so auch Banksy – möglich ist, dem kommerziellen Handel gänzlich abzuschwören, so erscheint diese Münchner Ausstellung, in der wohl teuersten Gegend Münchens nahe der Maximilianstraße, Banksys Philosophie doch in vielerlei Hinsicht zu widersprechen.

Denn noch immer entsteht seine Arbeit überwiegend nachts, im Geheimen. Und nun werden die Werke nahe der Maximilianstraße gut sichtbar an weißen, sterilen Wänden ausgehängt. Sarah Kronbsein erkennt darin allerdings keinen Widerspruch. „Er hat Sachen schließlich geschaffen, um sie zu veräußern und der Öffentlichkeit zu zeigen“, meint sie lapidar.

Doch vor allem der happige Preis von 20 Euro, den die Ausstellungsbetreiber verlangen, mag den einen oder anderen erstaunt, höchstwahrscheinlich sogar verärgert haben. Denn einerseits scheint dieser Preis in völligem Kontrast zum nachdrücklichem Antikapitalismus des vielbesungenen Streetart-Verfechters zu stehen und andererseits tatsächlich auch unangemessen hoch zu sein, für diese vergleichsweise kleine Galerie mit zwei Ausstellungsräumen. Sarah Kronsbein ist da anderer Meinung. „Wir mussten eben einen moderaten Weg finden, um das hier umzusetzen. Wir stellen die Räumlichkeiten, die Kunst und unsere Zeit zur Verfügung und müssen für die Versicherung und Fixkosten aufkommen. Und wenn wir nicht alles aus eigener Tasche bezahlen wollen, müssen wir eben Eintritt verlangen“, erklärt sie. „Wir waren diejenigen, die das alles zusammengetragen haben, uns gekümmert haben. Jetzt muss eben jeder selbst entscheiden, ob es das wert ist, ob er sich damit auseinandersetzen und etwas für sich mitnehmen will.“

 

Finanziell lohnt sich die Ausstellung nicht

 

Tatsächlich verdienen Sarah Kronsbein und ihr Vater an der Ausstellung nichts – im Gegenteil.  Trotz des kostenpflichten Eintritts machen die Galeristen ein ziemliches Minusgeschäft – die Werke der halbjährigen Ausstellung stehen nicht zum Verkauf, die Fixkosten sind teuer. Trotzdem war den beiden Kunstliebhabern wichtig, diese Ausstellung auszurichten, weil sie am Ende vor allem eins mit ihren Kunden verbindet: Die Faszination für Banksy und seine Werke, die sie der Öffentlichkeit nicht vorenthalten wollen. Deshalb wird es am 25. August auch einen Tag der offenen Tür geben, an dem der Eintritt frei ist. Studenten und Senioren zahlen auch an den übrigen Tagen nur den halben Preis und bekommen nach Terminvereinbarung eine Führung durch die Ausstellung.

Würde Banksy wirklich gefallen, was Kronsbein da tut? Diese Frage stellt sich Galeristin sich schon lange nicht mehr. Denn wegen all dem positiven Feedback, das sie tagtäglich erhält, ist sie so oder so sicher, dass es die richtige Entscheidung war: „Immer, wenn ich jemanden sehe, der hier mit einem Lächeln rausgeht, denke ich: Banksys Kunst bewirkt hier so viel Positives bei den Menschen. Das kann doch nur im Sinne des Künstlers sein.“

Tja, ob das wirklich so ist, werden wir wohl nie erfahren. Mit solchen Rätseln muss man sich wohl abfinden, wenn man einen Mythos verehrt. Das ist einerseits schade, andererseits genau das, was das Phänomen Banksy ausmacht – und kann deshalb bitte gerne so bleiben.