Eine Rückkehr zur Langsamkeit

Ein Zug verlässt den Münchner Hauptbahnhof

Die Meinungen zur Deutschen Bahn scheinen alle in eine Richtung zu wehen: lange Wartezeiten, Weichen aus der Kaiserzeit, wuchernde Ticketpreise. Und dann fallen auch noch ständig die Klimaanlagen aus. Über eines ist man sich jedoch einig: Es läuft vieles schlecht und das wenige Gute könnte besser laufen.

Es ist ein Freitagnachmittag im Dezember. Am Gleis 12 des Münchener Hauptbahnhofs steigen einige Reisende in den ICE ein, der von München nach Münster fährt. Es ist ein geschäftiges, aber unaufgeregtes Treiben. Passagiere hieven ihre Koffer in den Zug, Schaffner pfeifen – er rollt an. Eine Gruppe junger Männer mit norddeutschem Dialekt findet sich im Bordbistro ein. „Endlich muss ich diesen Isargestank nicht mehr riechen“, sagt einer und alle lachen. Ein junger Mann läuft lachend an der Gruppe, die mittlerweile mit Bier versorgt ist, vorbei und setzt sich an einen Tisch. Sein Name ist Phillip Probst, er ist 27 Jahre alt und geht in München zur Berufsschule. „Für mich ist Zugfahren die mit Abstand entspannteste Art des Reisens“ sagt er, nimmt seine Brille von der Nase und hält sie prüfend ins Licht. Phillip trägt einen dicken, grauen Wollpullover und eine runde Brille, die er im Lauf des Gesprächs immer wieder seinen Nasenrücken hochschiebt. Er ist in der Lehre zum Vergolder und man merkt ihm die Ruhe und Bedächtigkeit an, die dieses Handwerk mit sich bringt. „Die einzige Berufsschule, die es für Vergolder in Deutschland gibt, ist in München. Weißt du, ich sitze da in der Schule mit Wachsziehern und Kirchenmalern aus ganz Deutschland. Das ist schon was Besonderes.“ Seine Lehre macht Phillip in einer kleinen Galerie in Mannheim, wo er maßgeblich Bilderrahmen vergoldet. Zweimal im Jahr ist er für ein paar Wochen in München, wo er zur Schule geht. „Ich fahre dann jedes Wochenende mit dem Zug nach Mannheim und montagmorgens wieder nach München. Grade in der Vorweihnachtszeit braucht mich mein Chef. Eigentlich sollte ich gar nicht weg, aber ich muss halt zur Schule.“

Auch Philipp hat mittlerweile ein Weißbier vor sich stehen und nimmt einen beherzten Schluck. Sichtlich zufrieden wischt er sich mit dem Handrücken den Schaum von der Oberlippe. „Für mich hat Zugfahren einfach etwas Romantisches“, sagt er, „allein wegen dieser natürlichen Geschwindigkeit. Manchmal schaue ich eine ganze Zugfahrt lang nur aus dem Fenster und kann förmlich spüren, wie das Land an mir vorbeizieht. Man merkt, dass man Strecke macht. Wenn ich fliege, habe ich das nicht. Da fehlt jedes Gespür für die Reise und die Strecke, die man zurücklegt.“ Die norddeutsche Reisegruppe versucht, begleitet von kehligem Gelächter, den Kellner zu einem gemeinsamen Bier zu überreden. Er wiegelt sie bestimmt aber freundlich, auf seinen Feierabend vertröstend, ab, wobei er einem von ihnen jovial die Hand auf die Schulter legt. Es herrscht eine heimelige Ausgelassenheit.

Während meines Philosophiestudiums und später in der Werbeagentur war ich vor allem immer eins: Ein staunender Beobachter. Am liebsten staune ich über die schönen, kleinen Dinge des Lebens, in denen nicht selten eine Antwort zu den großen Fragen liegt.