Eine Rückkehr zur Langsamkeit

Ein Zug verlässt den Münchner Hauptbahnhof

„Ich finde auch, dass der Radius, in dem man sich bewegt, nur mit dem Zug erreicht werden sollte. Wozu soll ich denn weiter weg? Jetzt im Sommer fahre ich mit meiner Freundin im Schlafwagen nach Venedig. Da müssen wir erst nach München und da steigen wir dann um. Da ist eine Reise noch ein Abenteuer und nicht so eine Jetset-Scheiße.“ Das Thema scheint Phillip am Herzen zu liegen. Man kann ihm ansehen, wie es in ihm arbeitet, wie er versucht seine Gedanken in Worte zu fassen. Er lässt seine wachen, blauen Augen durch das Innere des Wagens wandern, als suche er nach etwas, woran er sich festhalten könne. „Ich bin Vergolder. Ich verstehe schon, dass nicht jeder so leben kann. Aber ich wünsche mir halt eine Rückkehr zur Langsamkeit. Das hat für mich auch etwas mit Wertschätzung zu tun. Wenn ich so durch mein Leben rase, kann ich doch nichts genießen. Sich Zeit zu lassen. Darum geht es für mich auch beim Zugfahren.“ In den übrigen Abteilen dieses Zuges, der sich von Bahnhof zu Bahnhof in die Dunkelheit eines winterlichen Vorabends hangelt, erklingt die Musik des Alltags: Zeitungen rascheln, manche murmeln in ihr Mobiltelefon, ein Kleinkind weint. An einem Tisch ist eine Gruppe Reisender in ein Kartenspiel vertieft, während am gegenüberliegenden Tisch mit gerunzelter Stirn Zahlen in eine Excel-Tabelle eingetippt werden. Hier herrscht kein Stillstand. Aufgaben werden erfüllt, Beziehungen gepflegt.

Phillip hat sein Bier inzwischen leer getrunken und packt 1913 von Florian Illies aus, lehnt sich entspannt zurück und beginnt zu lesen. Hier, irgendwo auf den Schienen zwischen Augsburg und Stuttgart, liegt sie in der Luft: die viel beschworene Langsamkeit. Und vielleicht lässt sich ja, durch das bewusste Einlassen auf diese Langsamkeit, ein fast schon vergessenes Lebensgefühl zurückgewinnen: die abenteuerliche Gelassenheit des Reisens. Und wer weiß, vielleicht lässt sich ja dann auch, hinter all den offensichtlichen Unannehmlichkeiten des Bahnfahrens, auch das kleine Glück sehen, das sich auf den Schienen durch die Länder schiebt.

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Bildquelle: Pixabay; CCO-Lizenz

Während meines Philosophiestudiums und später in der Werbeagentur war ich vor allem immer eins: Ein staunender Beobachter. Am liebsten staune ich über die schönen, kleinen Dinge des Lebens, in denen nicht selten eine Antwort zu den großen Fragen liegt.