Warum es uns fertig macht, wenn wir auf Facebook entfreundet werden

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Wer macht die aufregendsten Reisen, ist auf den coolsten Partys eingeladen und hat die attraktivste Figur? Auf sozialen Netzwerken liefern sich Millionen Nutzer tagtäglich einen regelrechten Wettstreit um die alles entscheidende Frage: Wer hat das tollste Leben?

Der Zwang der Selbstidealisierung im Internet ist ein weit verbreitetes Phänomen in unserer Gesellschaft. Doch es geht nicht nur darum, sich selbst in ein optimales Licht zu rücken: Viele geben auch ihre Sorgen, Ängste und innigsten Wünschen preis; breiten praktisch ihr gesamtes Innenleben vor Facebook-Freunden und Instagram-Followern aus. Warum vertrauen wir uns so vielen Menschen an, die wir auf der Straße nicht mal grüßen würden?

 

Wir alle sind auf Identitätssuche

 

Spezialisten zufolge hat dieser Drang mit einer Suche zu tun, der jeder Mensch früher oder später nachgeht: Der Suche nach dem eigenen Selbst. Vor allem wenn uns ein Gefühl der Unsicherheit belastet, beschäftigen und „arbeiten“ wir an unserer Identität. Unsere Unsicherheit führt zu dem unbedingten Wunsch, unseren Lebensstil von anderen bestätigt zu sehen: „Man ist nicht sicher, wie man sich selbst in der evidenten Vielfalt der Verhaltensstile und Muster einordnen soll und wie man sicherstellen kann, dass die Leute um einen herum diese Einordnung als richtig und angemessen akzeptieren.“, schreibt der Soziologe Zygmunt Bauman in seinem Buch „Flaneure, Spieler und Touristen: Essays zu postmodernen Lebensformen“.

Mit der Inszenierung des eigenen Ichs im Internet gibt es nun einen Weg, um genau das herauszufinden – wo wir eigentlich stehen. Tatsächlich sind verunsicherte Menschen anfälliger dafür, ihr Leben vor der gesamten Social-Media-Gemeinschaft auszubreiten. Schon Max Weber fand zu Beginn des 20. Jahrhunderts heraus, dass besonders unsichere Menschen einen starken Drang entwickeln, sich verstärkt mit sich selbst auseinandersetzen. Für sie ist es umso wichtiger, Bestätigung zu erfahren – da kann schon ein einziges „Like“ Wunder bewirken.

Auch unabhängig davon ist es in unserer Welt, die immer unübersichtlicher und intransparenter scheint, unglaublich wichtig, sich zumindest seiner eigenen Identität sicher zu sein. Für viele ist die Selbstdarstellung im Internet deshalb eine Art Fixpunkt – eine der letzten Dinge, auf die sie sich verlassen können. Wir zeigen, wer wir sind und erfahren Wertschätzung und Bestätigung wie an kaum einem anderen Ort. Und genau deshalb – auch wenn es kaum jemand öffentlich zugeben würde – tut es so unglaublich weh, von einem Facebook-Freund aus der Liste gelöscht zu werden. Es hat viele Gründe, wieso uns virtuelle Verluste so nahe gehen.

 

Es ist wie das schmerzvolle Ende einer Beziehung

 

Zum einen ist die Kündigung der Online-Freundschaft immer dann ein besonderer Schlag ins Gesicht, wenn man häufig auf der Facebook-Seite des betreffenden Freundes unterwegs war. Dann fühlt es sich an, wie das Ende einer Beziehung und das altbekannte, bittere Gefühl stellt sich ein, übergangen worden zu sein, kein Mitspracherecht gehabt zu haben. Rausgerissen aus dem Leben des anderen, von dem man noch so gerne ein Teil gewesen wäre. Denn tatsächlich kann man sich einer Person allein durch Stalking ihrer intensiv betriebenen Facebook-Pinnwand schon sehr nahe fühlen.

Eine gekündigte Facebook-Freundschaft bedeutet für den aktiven Facebook-Nutzer außerdem Missachtung und Zurückweisung. „Likes“ sind Balsam für die Seele – umso schlimmer ist es dann genau von den Leuten gelöscht zu werden, die früher eifrig die eigenen Posts geliked haben. Und dann kommen sich natürlich hoch, zerfressende Selbstzweifel und Fragen über Fragen: Liegt es an mir? Sind meine Posts nervig? Hab‘ ich vielleicht übertrieben? Und wieder sehen wir uns mit der eigenen Unsicherheit konfrontiert.

Natürlich ist es falsch, sich von virtuell gekündigten Freundschaften fertigmachen zu lassen. Oder sich über die Beliebtheit oder Unbeliebtheit der eigenen Facebook-Pinnwand zu definieren. Aber manchmal ist die Flucht in dieses simulierte, soziale Netzwerk eben eine willkommene Alternative im grauen Alltag. Und Ärger oder Trauer über Zurückweisung – auch, wenn sie nur virtuell erfolgt –  sind legitim und vor allem eines: menschlich.

 

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Bildquelle: OVAN unter CC 0 Lizenz