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Frag Joanna: „Mein Freund kann nur auf meinen Brüsten zum Orgasmus kommen“

Dem Freund unserer Leserin muss beim Sex immer mit der Hand nachgeholfen werden. Was kann sie tun?

Birds do it, bees do it, even educated fleas do it… Wir Menschen machen es auch, denn mal ehrlich, wir sind alle sexuelle Wesen. Wir können gar nicht anders. Blöderweise kommt uns aber manchmal die von Cole Porter beschriebene Leichtigkeit abhanden, wenn wir mit nackten Tatsachen konfrontiert sind. Plötzlich sind da Unsicherheiten, Untiefen, Situationen; Dinge sind nicht mehr taghell oder nachtschwarz. Oft bewegen wir uns in den grauen, schattigen Zwischenräumen. Und dann? Für Dr. Sommer sind wir zu alt, unsere Freunde wissen auch nicht alles und manches wollen wir sie lieber nicht fragen. Pornos beantworten einige Fragen, können aber auch neue aufwerfen. 

Geht’s dir auch so, ab und an? Wir haben uns Sexualpädagogin Joanna Stein ins Team geholt. Von nun an wird sie in ihrer Serie eure Fragen rund um die schönste Sache der Welt beantworten. 

 

Frage: Mein Freund und ich verhüten schon seit einiger Zeit (ich hab die Pille abgesetzt, weil ich keine Hormone mehr schlucken wollte) mit Rausziehen, vor allem an den Tagen rund um meinen Eisprung. Sonst nehmen wir das nicht so genau, allerdings kann mein Freund meistens trotzdem nicht in mir kommen, weil es irgendwie nicht klappt. Eigentlich muss immer noch einer von uns mit der Hand nachhelfen und er spritzt dann auf meinen Bauch oder meine Brüste. Wir haben schon alles mögliche probiert, hat aber alles nicht wirklich was gebracht. Kannst du uns da weiterhelfen?

Antwort: Also, ganz zu Beginn noch mal für alle zum Mitschreiben: Rausziehen ist keine Verhütungsmethode! Vor dem eigentlichen Orgasmus gibt es schließlich schon den Lusttropfen, der das ganze System durchspülen soll, und der kann schon Spermien enthalten. Obwohl es unwahrscheinlich ist, reicht ein Spermium für eine Schwangerschaft. Außerdem kann es ja durchaus passieren, dass ihr doch nicht rechtzeitig aufhört und dann habt ihr den Salat. Und wenn man diese Methode nur während den Tagen anwendet, bei denen man annimmt, dass man seinen Eisprung hat, erhöht man die Unsicherheit noch mehr. Einige Frauen schwören zwar, dass ihr Zyklus so genau läuft wie eine Atomuhr, trotzdem kann dieser, z.B. durch einen grippalen Infekt oder Stress, verzögert werden – und das Ei springt zu einem anderen Zeitpunkt. Eignet sich eigentlich nur für Paare, denen egal ist, ob und wann sie ein Kind machen. Kalkuliertes Risiko quasi. Wenn man bereit ist, das einzugehen, dann bitte gerne.

 

Vielleicht will dein Freund gerade noch kein Kind?

 

Und da schließt sich direkt eine möglich Erklärung für das Nichtkommen deines Freundes an: Vielleicht kennt er die beschriebenen Risiken. Vielleicht ist es ihm nicht so egal. Vielleicht will er einfach kein Kind, jetzt gerade. Mit einer Gedankenschleife im Kopf, die ihm wie eine Platte mit Sprung immer wieder vorspielt „Ich darf nicht kommen“, während er genau das eigentlich tun will, ejakuliert es sich einfach nicht besonders gut. Angst ist ein fieser Lustkiller. Dir scheint das weniger Probleme zu bereiten, aber frag ihn mal, was er darüber denkt. Wenn das tatsächlich der Grund ist, warum es nicht hinhaut, dann solltet ihr euch eventuell doch ein ernsthafteres Verhütungsmittel überlegen, das ihm einen sorgenfreien Orgasmus möglich macht. Weil Hormone für dich wohl nicht mehr in Frage kommen, bleibt eigentlich nur noch das Kondom oder die Kupferspiral bzw. -kette. Zugegebener Maßen haben beide ihre Macken, es gibt leider nicht DAS ideale Verhütungsmittel, aber beide haben auch echt viel für sich. Denk mal drüber nach.

Ein weiterer Aspekt, der vielleicht auch eine Rolle spielen könnte, ist die Lust daran, auf diese Art und Weise zu kommen. Leider schreibst du nicht, ob ihn das Ganze auch frustriert, ob’s ihm nichts ausmacht oder ob er gar Spaß dran hat, eher auf als in dir zu kommen.Tatsächlich gibt es Leute, die an speziellen Sachen, ähnlich wie bei Fetischen, besonders viel Freude haben. Kann sein, dass ihn die Aussicht, sein Sperma auf deinen Brüsten zu sehen, geiler macht als alle anderen Optionen. Dann kann es ihm zwar schwer fallen, seinen Orgasmus in dir zu haben, weil er es anders vorzieht – aber technisch sollte es eigentlich klappen. Auch hier bleibt dir ein Gespräch, um das herauszufinden, nicht erspart. Weiß er, dass dich das so stört, bzw. dass dir was fehlt?

 

Der Mensch gewöhnt sich an seine Art, einen Orgasmus zu haben

 

Zu guter Letzt könnte auch noch ein Lernprozess dahinter stecken. Einige Menschen – Frauen und Männer gleichermaßen – sind so an ein bestimmtes Vorgehen, ihren Höhepunkt zu erreichen, gewöhnt, dass alle anderen Optionen nicht mehr richtig funktionieren. Hier hat dann eine Art Konditionierung stattgefunden, im Fall deines Freundes möglicherweise eben auf „Ich kann nur mit der Hand auf die Brust kommen“. Andere Wege dauern dann länger, beinhalten das Risiko, dass es überhaupt nicht hinhaut, und dann macht man halt das, was immer klappt. Tatsächlich kann man das aber gut wieder hinkriegen indem man die Konditionierung gewissermaßen löscht. Dafür muss dein Freund allerdings bereit sein, ein paar Wochen komplett auf Orgasmen zu verzichten, die auf dem gängigen Weg zustande kommen. Also kein Weitermachen nach dem Rausziehen! Das mag hart klingen, führt aber dazu, dass sein Penis wieder lernt, auch andere Empfindungen wahrzunehmen. Alles andere ist nämlich erlaubt und sollte ausgiebig zelebriert werden!

Vermutlich ist es eine Mischung aus dem ersten und dritten Punkt, die euch aber ja ein paar Handlungsoptionen geben, wie ihr mit eurer Situation klarkommen könnt. Gutes Gelingen!

 

Über Joanna:

Joanna hat die Weisheit auch nicht mit Löffeln gefressen, aber während sie sich im Studium eigentlich mit der Theorie von Erziehung und Bildung hätte auseinander setzen sollen, hat sie sich lieber mit Gender Studies rumgeschlagen. Nach der Uni hat sie dieses Thema zum Beruf gemacht und arbeitet nun seit 5 Jahren als Sexualpädagogin bei einer Aidsberatungsstelle. Bald wird sie Kinder- und Jugendpsychotherapeutin, aber der Sex lässt sie nicht los.

Was sie in Bezug auf Sex gut findet: Alles geht, solange alle Beteiligten okay damit sind.

Außerdem: Wild sein und Dinge ausprobieren.

Was sie nicht so geil findet, wenn’s um Sex geht: Wenn Menschen, die sich abseits des sexuellen Mainstreams bewegen, das nicht in gleichem Maße ausleben können, weil unsere verdammte heteronormative Gesellschaft das nicht zulässt.

Außerdem: Langweilige Routinen.

Sexpositionen und -fetische, STIs und sexuelle Gesundheit, Verhütung, Körpergefühl, sexuelle Identität und Orientierung – Hau raus! Frag, was du schon immer wissen wolltest, oder hol dir den Rat den du jetzt grade dringend brauchst. Deine Fragen gerne an chefredaktion@zeitjung.de oder gleich hier als Kommentar! Alle Mails werden natürlich streng vertraulich gehandhabt.

 

 Bildquellepexels unter cc0 Lizenz

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