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Génération perdue: Frankreichs verlorene Jugend

Jung, arbeitslos und ohne Perspektive: die französische Gen-Y scheint verloren. Unser Autor hat sich mit ihr unterhalten.

Dieser Tage treffen sich Mathilde und die anderen oft im Café Babylone in der Rue des Dames. Von außen sieht es mit dem vielen Rot und dem Erkerfenster aus wie ein Irish Pub irgendwo vor Dublin. Dabei gibt es hier nicht mal Guinness. Und selbst wenn es ihn gäbe, bei ihren Treffen trinken alle Kaffee. Gegen die Müdigkeit, die die einen vom nächtlichen Lernen haben und die anderen vom Feiern in der Nacht zuvor. Als Mathilde mir von ihren Zusammenkünften im Café Babylone erzählt, kann man sich vorstellen, wie sie alle nach und nach eintreffen, die Männer mit gegen den bretonischen Wind hochgeschlagenen Mantelkrägen, die Frauen mit dicken Schals.

Sie sitzen dann am Fenster, auf den Korbstühlen, die es hier gibt, rühren in ihren Latte Macchiattos und reden. Während draußen das Grau dieser verregneten Apriltage das rot-verwunschene Café einhüllt, werden drinnen, im warmen Licht der über der Bar hängenden Lampen, Gespräche geführt, die ebenso traurig-dunkel anmuten wie das Wetter. Denn sie, die Gruppe der Mittzwanziger, reden fast immer über Politik. Und irgendwie über sich selbst. Denn in Frankreich wird gewählt. Im ersten Wahlgang setzte sich Emmanuel Macron knapp gegen Marine Le Pen durch, am 7. Mai kommt es zur Stichwahl.

 

Ein Viertel der U-25-Jährigen arbeitslos

 

Dass Macron, der Liberale und Europa-Freund, sich gegen Le Pen und den Front National durchsetzen konnte, wäre eigentlich Grund zur Freude. Dass das Gemüt dennoch schwer ist, wie ein beschwerter Gegenstand, der in einem See versenkt wurde, liegt daran, dass es ihnen nicht gut geht, ihnen, den Protagonisten der „verlorenen Jugend“ (Tagesspiegel), der „Baby-Loser“ (Louis Chauvel in der ZEIT). Ein Viertel der unter-25-Jährigen ist ohne Job, vielen fehlt die Perspektive. Die großangelegte Studie „Génération quoi?“ (Generation warum?), in der France Télévision und das Meinungsforschungsinstitut INSEE 210.000 Jugendliche zwischen 18 und 25 befragten, ist erschreckend. 70 Prozent gaben an, sie glaubten, es sei ihnen nicht möglich, ihre Fähigkeiten zu zeigen, „verloren“ und „desillusionierend“ waren die häufigsten Beschreibungen ihres Zustands. Und es ist keineswegs so, dass vor allem die schlecht ausgebildete Landjugend leidet und Bildung für eine sichere Zukunft steht.

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Da wäre zum Beispiel Jérémy, der Architektur in Paris studiert hat. Er ist ein Kumpel von Mathildes Freund Thibault. Seit über einem Jahr arbeitslos. Zurzeit jobbt er als Bürokraft in einem Unternehmen für zahnmedizinische Ausrüstung. Anstatt Gebäude am PC zu entwerfen, sitzt er vor dem Bildschirm und legt Excel-Tabellen an. „Es ist schwer für uns junge Leute“, sagt er. „Einen Job zu finden ist sehr hart. Vor allem mit meinen Noten.“ Jérémy hat ein Erasmus-Semester absolviert, auf Facebook zeigt er sich mit vielen Freunden. An Stränden oder beim Feiern. Er ist mit Europa aufgewachsen, spricht mehr Sprachen als alle Generationen vor ihm – und doch ist er arbeitslos und wieder zurückgezogen. Nach Rennes, weg von Paris und den 800 Euro Miete.

„Seit 1984 ist das Lebensniveau der 30-Jährigen im Vergleich zu den 60-Jährigen um 17 Prozent gesunken“, so Louis Chauvel, Professor an der Universität Luxemburg, in einem Interview mit Le Monde. „Das wachsende Niveau der Universitätsabschlüsse hat eine Generation hervorgebracht, die eigentlich der oberen Mittelschicht angehört, doch deren Einkünfte unter jenen der unteren Mittelschicht der Elterngeneration gesunken sind.“ Chauvel zeichnet ein Bild der Trostlosigkeit, der befristeten Arbeitsverträge, der schlechten Bezahlung, der Unsicherheit. Von Zeiten des Terrors ganz zu schweigen. Denn selbst Mathilde und ihr Freund, mit dem sie seit über sechs Jahren zusammen ist, stimmen ein in die Erzählungen von Jungs wie Jeremy ein. Dabei studieren sie beide Medizin.

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