ErziehungEssenFrustessenGehirnHeißhungerHungerNahrungSchokolade

Tatort Kühlschrank: Warum wir essen, bis uns schlecht wird

Ob Liebeskummer, Stress oder Trauer: Essen ist immer eine Lösung. Dachten wir zumindest.

Tag für Tag sitzen wir an unserem Schreibtisch und versuchen so viele Formeln, Jahreszahlen und Ideologien in unser kleines Hirn zu quetschen wie möglich. Und wenn wir dann angestrengt versuchen, uns daran zu erinnern, wann wir das letzte Mal die Wohnung verlassen – oder keine Jogginghose getragen haben – verschwimmen all die kostbaren Minuten und Stunden zu einem großen, nebligen Nichts – und dann trifft sie uns plötzlich; schnell, hart und vor allem schmerzhaft: Die Erkenntnis unseres völlig wertlosen und sinnfreien Lebens. Zumindest in der Klausurenphase. Und weil es nichts und niemanden gibt, der uns aus dieser Misere befreien könnte, bleibt nur eins: Frustessen. Wie in einem Rausch schaufeln wir die ungesündesten Lebensmittel in uns hinein, die wir so auftreiben können: Hier eine Tafel Zartbitterschokolade, da ein vor Fett triefendes Pizzastück, dort ein paar heiße, salzige Pommes. Angetrieben von dem innigen Sehnsuchtswunsch, sich nur ein klitzekleines bisschen besser zu fühlen.

 

Manche Lebensmittel sind wahre Glücksbringer

 

Und tatsächlich stellt sich dieses Gefühl ein – zumindest während der Fressorgie. Denn beim Verzehr bestimmter Lebensmittel wird das körpereigene Glückshormon Serotonin ausgeschüttet – und natürlich sind da vor allem ungesunde Köstlichkeiten hoch im Kurs: Schokolade gilt nicht umsonst als strahlender Stimmungsaufheller und Stresskiller. Alle Schokoprodukte enthalten Tryptophan, eine Aminosäure, die die Serotoninproduktion zusätzlich anregt.

Doch natürlich währt die Hochstimmung nicht lang – spätestens, wenn wir innerhalb kürzester Zeit mörderische Mengen verputzt haben, melden sich schlechtes Gewissen, Selbsthass und irgendwann auch unser Magen. Wir wissen es besser und greifen trotzdem immer wieder zu dieser offensichtlich ziellosen Methode. Warum nur?

Möglicherweise ist unser Gehirn schuld an dieser aussichtslosen Lage: Normalerweise wird Energie in Form von Zucker aus unserem Blut zu unseren Nervenzellen im Gehirn transportiert. Doch bei emotionalem Stress, Trauer oder Frust ist der direkte Energiefluss aus dem Blut blockiert. Unser Denkorgan wehrt sich vehement gegen die entstandene Energieunterversorgung und schüttet sofort appetitanregende Hungerhormone aus. Und plötzlich verspüren wir dieses unbändige Verlangen nach Essen.

 

Es ist unsere Seele, die hungert

 

Ob in starker, oder abgeschwächter Form: Wir alle haben dieses Gefühl schon einmal durchlebt. „Jeder hat die Veranlagung, Langeweile oder Frustration kompensieren zu wollen“, erklärt der Psychologe und Psychotherapeut Michael Schellberg der dpa. Es ist zwar natürlich, aber auch gefährlich, dass manche Menschen versuchen, Angst- und Frustgefühle mit Essen zu verdrängen. Denn irgendwann können sie nicht mehr unterscheiden zwischen dem seelischen und dem echten, körperlichen Hunger.

 

Auch die Erziehung spielt eine Rolle

 

Auch wenn dem Heißhunger jeder früher oder später ausgeliefert ist, sind manche überdurchschnittlich anfällig für häufiges Frustessen. Eine Studie von einem britischen Forscherteam der Aston University beweist, dass dies auch mit der Erziehung zusammenhängen kann:  Diejenigen, die in ihrer Kindheit häufig gezielt mit Essen belohnt wurden, haben auch im späteren Leben eine besonders emotionale Beziehung zu Nahrung. Sie sind sogenannte „emotionale Esser“, der Verzehr bestimmter Nahrungsmittel dient ihnen überproportional häufig als emotionaler Ausgleich.

Und das sollte er nicht sein – nur in den seltensten Ausnahmen. Auch wenn jede Körperzelle nach „Essen!“ schreit, sollten wir uns in Frustphasen klar machen: Dieser Heißhunger ist trügerisch und treibt uns in einen nie enden wollenden Teufelskreis. Also lieber präventiv handeln und versuchen,  sich mit Sport oder einem langen Spaziergang von diesem starken, inneren Drang abzulenken. Alles ist besser, als nach einem gehörigen Fress-Flash noch mehr im Selbstmitleid zu versinken. Oder mit Friends gesagt: „Easy on the cookies. They’re food – not love.“

 

Folge ZEITjUNG.de auf FacebookTwitter und Instagram!

 

Bildquelle: Hannah Morgan unter CC 0 Lizenz

 

Kommentare

Sag was dazu

Das könnte Dich auch interessieren