Hassobjekt: Invasion der Buddha-Figuren

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Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum Atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann – da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe „Hassobjekt“ einfach freien Lauf und geraten ab sofort immer montags in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: „dekorative Buddha-Figuren“.

 

Langsam und schleichend vollzieht sich ein Machtwechsel in den deutschen Vorgärten. Der niedliche Gartenzwerg verliert seine einst so unzweifelhafte Vormachtstellung und muss einem anderen putzigen Kerlchen weichen: dem Buddha.

Doch im Gegensatz zu den kleinen Gartengnomen bleibt der Buddha nicht allein im fein gestutzten Rasen stehen, sondern ist zur universell einsetzbaren Dekofigur mutiert. Ganz gleich ob er im Wohnzimmer dekorativ neben der alten Vintage Vase vom letzten Flohmarkt fleißig all jenen Staub, den der automatische Staubsauger nicht einzusaugen vermag, sammelt, oder im Schlafzimmer auf dem Nachttischchen über deinen Schlaf wacht: Der Buddha ist überall! Und repräsentiert, was in unserem Alltag so oft keinen Platz findet: Entspannung, Ruhe und die Einkehr zu uns selbst. Doch lächelt der Buddha nicht nur zwischen Deos und Parfums hervor, nein er findet sich inzwischen auch schon auf Klobrillen wieder. Du hoffst auf Erleuchtung beim Stuhlgang? So sorry, dass wird nicht plötzlich eintreten, nur weil deine Klobrille mit kleinen Buddha-Figuren verziert ist.

Und genau hier sind wir an dem Moment, wo sich meine Wut nicht mehr im Zaum halten lässt und sich in meinem inneren Hasstiraden gegen die WC-Brillen-Designer dieser Erde entfaltet und all jene, die das dann auch noch käuflich erwerben. Westliche Konsumwut kennt wohl keine Grenzen und auch Geschmacklosigkeit scheint ein großes Fremdwort zu sein.

 

Wo liegt das Problem?

 

Nun stell‘ dir einmal vor in tibetischen Vorgärten, stünden Kruzifixe rum. Einfach so, ohne dass die Hausbewohner christlich sind, ohne das jemand in die Kirche geht, allein aus dem Grund, weil sie genug von den spießigen Gartenzwergen haben. Man muss an dieser Stelle ehrlicherweise sagen, dass es gar keine tibetischen Vorgärten gibt. Was es aber gibt, sind thailändische Bars, die mit allerlei Kitsch geschmückt werden. Male dir mal aus, hier würden goldene Madonnadarstellungen die Wände zieren, wie es hierzulande in so manchen Shisha Bars mit allen möglichen Gottheiten des Buddhismus und Hinduismus üblich ist. Wobei für einen anständigen Weinkeller wäre Jesus eigentlich ein super Motiv, Wein statt Wasser, was ein Lebensmotto. Wo aber bitte bleibt der Zusammenhang zwischen Wasserpfeifen und buddhistischen Gottheiten? Ich wette, kein einziger Bar-Besitzer kann mir das erklären. Also hört verdammt noch mal auf Buddhas an die Wände zu pinseln – oder noch besser – sie als Wandtattoos, eine ebenso bereichernde Modeerscheinung, die mir nicht weniger auf die Nerven geht.

Nein, ich möchte mich nicht als moralische Instanz aufblasen und groß rumtönen von wegen Unantastbarkeit der Religion. Das ist nicht mein Punkt. Selbst bei Satire und der gleichen sehe ich immerhin einen Sinn hinter dem vermeintlichen Blödsinn. Mal geht es um Kritik und mal um Unterhaltung. Dennocherschließt sich mir nicht, warum wir eine spirituelle Figur wie der Buddha aus seinem kulturellen Kontext reißen und ihn zur popkulturellen Dekofigur zu stilisieren. Wenn im Supermarkt ein kleiner goldener Buddha zwischen Physalis, Avocado und Granatapfel thront, dann wird hier weder auf ein gesellschaftliches Problem aufmerksam gemacht, noch trägt es zur Unterhaltung bei. Was ein Schwachsinn! Vielleicht werde ich mir im nächsten Esoterik-Shop ein Dutzend Mariastatuen holen und sie im nächsten Thailand-Urlaub zwischen Salatköpfe stecken, möglicherweise erschließt sich mir dann, was es damit auf sich hat.

 

Überteuertes Essen in Schüsseln

 

Apropos Salat. Der letzte Essenshype, der in hippen Großstadtcafés und angesagten Lokalen unsere Republik erfreut, bedient sich natürlich auch an dem netten Herrn Buddha. Es geht um Buddha Bowls. Ja genau, Essen wird einfach in Schälchen gepackt und kann dann mal locker für das doppelte verkauft werden. Schließlich ist das dann kein einfacher Salat, der mit Chia Samen, Avocado, Granatapfel und sonstigen Schnickschnack aufgemotzt wurde. Nein das ist eine Buddha-Bowl. Leise Zweifel überkommen mich, ob der gute Siddharta Gautama, Begründer des Buddhismus gerne Namenspate für Essen in Schüsseln geworden wäre.

Doch damit nicht genug, ist der Buddha auch ebenso Vorbild für zuckersüße Gartenfiguren. Tatsächlich kann man bei Tchibo, ganz nebenbei bemerkt, ein Laden mit Marketingstrategen, die einen super Humor haben (Du willst Kaffee kaufen? – Super, dann nimm doch noch einen Eierschalensollbruchstellenverursacher und eine aufblasbare Schwimminsel mit!) einen Buddha Frosch erwerben. Ja genau einen Frosch in meditierender Haltung, wie die des Buddhas. Halt stop! Was ist da los? Reicht es nicht, dass die halbe Nation dank Achtsamkeitsapps mit so kreativen Namen wie Calm, sich meditierend in Pose setzt? Nein, Frösche sollten das ganz dringend auch. Total unausgeglichen, wie die immer rumhüpfen und quaken, ist das ja auch absolut nachvollziehbar. Nicht nur in den Kaffeeläden mit dem wohl kreativsten Sortiment finden sich die Figuren der Erleuchtung. Auch vor Baumärkten, wo man eigentlich erwarten dürfte, solide und praktische Waren zu bekommen, wie Holzbalken, Badewannen und Bohrmaschinen macht die Buddha-Invasion keinen Halt. Zwischen blauen Orchideen und Blumenerde finden sich Buddha-Zierbrunnen, Buddha-Wandtatoos und alles, was die Welt sonst nicht braucht.

 

Ein Buddha für deinen Lifestyle

 

Achso, du stellst dir einen Buddha auf, weil der Buddhismus so eine entscheidende Rolle in deinem Leben eingenommen hat? Natürlich, Buddhismus passt ja auch so super gut in deinen fancy Yoga-Achtsamkeits-Lifestyle. Schwierig sich dem zu entziehen: Möchte ich mir etwa in der Buchhandlung meines Vertrauens Inspiration aus den Kochbüchern holen, grinst niemand geringeres als Buddha selbst von vielen Covern. Man kann sich Buddhismus in sein Leben holen, wie ein weiteres Paar Sneakers.

Wahrscheinlich auch weil den Islam zum Schreckensgespenst stilisieren, die christliche Kirche Schlagzeilen mit pädophilen Priestern und steigenden Kirchenaustrittszahlen macht. Der Buddhismus aber scheint friedlich zu sein. Damit sind wir neben Fair Trade und Bioprodukten auf der moralischen richtigen Seite. Aber der Schein trügt! Ein Blick nach Myanmar und die Illusion der Friedensreligion zerplatzt ebenso schnell wie Luftballons im Rosenbeet. Nichtsdestoweniger ist es absolut in Ordnung eine Religion zu praktizieren, schließlich hat jeder das Recht eben jene Narrheit zu glauben, die am besten in das eigene Weltbild passt, völlig egal ob das Buddhismus, Christentum, Islam oder das fliegende Spaghettimonster sein mag. Nur zu bitte, wenn es dir Halt in der so unübersichtlichen gewordenen Welt aus Globalisierung und Digitalisierung gibt- Ab in die Synagoge, die Moschee, den Tempel oder die Kirche. Wenn du dich dann nach ausgiebiger Recherche und Studium des Pali-Kanons, der heiligen Schrift der Buddhisten, für die Religion entschieden hast, dann freue ich mich in deiner Wohnung dem lächelnden Buddha einen Besuch abzustatten. Bis dahin, findet sich ja vielleicht auch einfach eine andere Deko Figur, die nicht gerade das Sinnbild einer Weltreligion ist. Versuch es doch mal mit Ottern, die sehen auch super niedlich aus.

 

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