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Hassobjekt: Der Insta-Post vom Fahrersitz

Don’t Instagram and Drive. Please. Just don’t.

Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum Atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann – da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe „Hassobjekt“ einfach freien Lauf und geraten überspitzt in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: Dein Insta-Post vom Fahrersitz.

 

Wow, ein Lenkrad. Beeindruckend. Auch noch schwarzer Kunststoff, edel seid ihr heute unterwegs. Nahezu dekadent, wie ihr mit 130 Sachen auf der Autobahn entlangzuschweben scheint. Dazu beschallen euch ausgewählte, feinste Klänge aus dem Autoradio. Und ihr habt mich auserwählt, diesen besonderen Moment mit mir über Social Media zu teilen. Ich bin sprachlos.

 

Ihr lasst mich ratlos zurück

 

Sprachlos darüber, wie wenig Verantwortungsbewusstsein wohl einige meiner Mitmenschen zu haben scheinen. Was in aller Welt bewegt euch dazu, euer Handy in die Hand zu nehmen, während ihr am Steuer sitzt? Was geht in euren Köpfen vor? „Oh, eine Straße, wie hübsch der Asphalt heute wieder aussieht. Kein Vergleich zu gestern. Das muss ich gleich mal meinen Freunden zeigen, das glauben die mir nie!“ Come on. Eine Straße ist in Deutschland keine Seltenheit. Jeder weiß, was eine Autobahn ist, wir leben schließlich in einem Land, das eine Autobahn-Gesamtlänge von rund 13.000 Kilometern hat. Wenn ihr von mir dafür Bewunderung erwartet, muss ich euch leider enttäuschen. Ich werde euch nicht gratulieren, ihr bekommt kein Like, sondern für euch habe ich nur ein verständnisloses Kopfschütteln übrig.

Profiliert ihr euch ausschließlich darüber, wie schnell und weit ihr fahrt? Ist euer Selbstbewusstsein so gering, dass ihr denkt: Mist, Marco ist letztens mit seinem Mazda nach Nürnberg gefahren! Da muss ich aufholen, schnell mal mit Papas BMW nach München heizen. Jetzt kommt der Moment der Wahrheit: Geo-Tag setzen, Tacho muss auf jeden Fall gut zu sehen sein, Check. Puh, gerade noch rechtzeitig. Was sollen sonst die Leute denken!

 

Herzlichen Glückwunsch zur Verantwortungslosigkeit!

 

Ihr beweist damit doch nicht, wie cool und lässig ihr fahren und fotografieren könnt – ihr stellt nur eure eigene Dummheit unter Beweis. Und zwar so, dass das in der Instagram-Story all eure 1301 Follower sehen können. Mal im Ernst: Nobody cares! Es interessiert mich nicht, wohin und mit wem ihr unterwegs seid und welche Musik ihr dabei hört. Ich will bloß wissen, ob ihr sicher angekommen seid. Und dann könnt ihr mir auch gerne alle Details eurer atemberaubenden Reise erzählen, doch früher möchte ich davon wirklich nichts hören oder sehen.

Bei einer Geschwindigkeit von 120 Kilometern pro Stunde legen wir pro Sekunde rund 33 Meter zurück. Bis aber das Handy entsperrt, die App geöffnet und das Foto gemacht wird, braucht das seine Zeit. Und fünf Sekunden und mindestens 165 Meter später kracht es dann. Ja, auf der Autobahn mag es sehr unwahrscheinlich sein, dass da plötzlich ein Baum auf der Fahrbahn steht. Aber denkt ihr eigentlich daran, dass ihr durch die Ablenkung von der Fahrbahn abkommen könnt? Oder dass das Auto vor euch unerwartet bremsen könnte? Es reicht ein leichter Schlenker nach links oder rechts und ihr hängt mit dem Kotflügel an einem anderen Auto. Und im schlimmsten Fall klebt ihr an der Windschutzscheibe und werdet unfreiwillig zu Organspendern.

 

Scheißt doch mal auf YOLO

 

Wenn ihr schon nicht an eurem eigenen Leben hängt, dann denkt doch mal an die anderen Autofahrer um euch herum: Die Oma vor euch ist vielleicht auf dem Weg zu ihrer Enkelin, der Kerl neben euch fährt gerade zu seiner Traumfrau und die Mutter dahinter freut sich, nach der Arbeit endlich wieder ihre Kinder zu sehen. Dass euch egal wäre, wenn ihr diese Leute einfach über den Haufen fahrt, glaube ich euch nicht. So weit kann euer Hass auf die Menschheit nicht gehen.

Prinzipiell ist es ja lieb von euch, dass ihr die Schönheiten dieser Welt möglichst Vielen zugänglich machen möchtet. Und es ist sicher ganz aufregend, frisch seinen Führerschein zu haben und jede noch so weit entfernte Ecke erkunden zu können. Aber Schönheit liegt immer noch im Auge des Betrachters und kein Sonnenuntergang am Horizont kann so toll sein, dass ihr dafür eventuell mit eurem Leben bezahlt. Oder mit dem eines anderen. Ich möchte euch nicht zum letzten Mal in einen Unfall verwickelt sehen. Ich möchte nicht, dass ihr euren eigenen Tod filmt.

Liebe Queens and Kings of Social Media, bitte erspart euch selbst und mir das und hört auf damit. Zumindest solange, bis euer vierrädriger Schatz komplett von alleine fahren kann.

 

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Bildquelle: Unsplash unter CC0 Lizenz

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