Hassobjekt: Der Jein-Sager

Blick vom Berg

Vor ein paar Jahren hat eine Marktstudie festgestellt, dass die Deutschen tendenziell ein Volk der Jein-Sager mit Widersprüchlichkeitspotenzial sind. Wer hätte das gedacht. Das wissen nicht nur Fettes Brot seit 19-96, das wissen auch diejenigen, die mal im Einzelhandel oder in der Gastronomie gejobbt haben und mindestens drei Mal pro Schicht den Kopf gegen die Wand schlagen wollten. Und auch im Freundes- und Bekanntenkreis gibt es da immer mal wieder so ein Prachtexemplar, das einem die Sprache raubt – weil man irgendwann im Abschlussplädoyer des großen Zwiespalts eingenickt ist.

 

Ja klar, äh nein, ich mein Jein!

 

Jein-Sager sind diese Menschen, die sich einfach nicht entscheiden können, und wenn sie es dann doch mal nach fünf Kalenderjahren tun, wird der Entschluss mit hoher Wahrscheinlichkeit gleich wieder revidiert. Aber mal ehrlich: Wer legt sich schon gerne auf etwas fest, wo doch die Entscheidung zwischen hell- oder dunkelgrau, Apfel- oder O-Saft den Lauf aller Dinge, der gesamten Menschheit, der Weltgeschichte (rückblickend und zukünftig) beeinflussen kann?

Ich liebe notorische Jein-Sager, ehrlich. Mit ihnen macht Treffen erst so richtig Spaß. Überhaupt sind wir ja auch immer so schrecklich negativ eingestellt und sehen nicht, dass solche Menschen mit ihrer permanenten Unentschlossenheit unser Leben einfach bereichern. Wetten?

 

Situation 1: In der Öffentlichkeit

 

Der Jein-Sager schwankt auch nach 30 Minuten Speisekarten-Analyse und einem fast abgeschlossenen Bachelor of Science in Zutaten-Erkennung noch zwischen seinen zwei (erfahrungsgemäß immer nur in Frage kommenden) Optionen Pizza Margherita und Spaghetti Bolo. Während der Kellner schon mit den Augen rollt und den Gratis-Grappa von der Liste streicht, kann man selbst endlich die Dinge erledigen, die sonst so viel Zeit in Anspruch nehmen: die Steuererklärung der letzten fünf Jahre, Online-Shopping für die nächsten 20 Weihnachten, die 72-Stunden-lange Sprachnachricht der Freundin anhören, Tolstois Krieg und Frieden… Oder wollte man nicht schon immer mal den Nobelpreis in Medizin gewinnen? Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um schnell noch ein Studium zu absolvieren, ein paar Jahre zu forschen und dann mit einem neuen Gegenmittel zu kommen.

 

Situation 2: Gruppenaktivitäten

 

Der Jein-Sager ist bei gemeinschaftlichen Aktivitäten immer gerne dabei, tut sich allerdings mit einer klaren Meinung ein bisschen schwer und lebt ganz nach dem Motto: Wer die Wahl hat, hat die Qual. Die Planung in der Gruppe endet also meist mit zwei Äußerungen aus seinem Repertoire: „Hmmmmm“ und das berühmt berüchtigte „Entscheide du“. Oft werten wir das als Unentschlossenheit: Weil er sich ja eh nicht festlegen kann, gibt er die Verantwortung lieber gleich ab. Falsch! Es ist vielmehr ein Zeichen für unsere grenzenlose Kompetenz und Professionalität. Wir sind nämlich so gut darin, zu bestimmen, hellzusehen und für das Allgemeinwohl der anderen zu sorgen, dass wir auf dem nächsten Bewerbungsfoto unbedingt mit Krönchen und Zepter posieren und den Jein-Sager um ein Empfehlungsschreiben bitten sollten. Vorbei sind die Zeiten der scheinbar grundlosen Absagen, des niedrigen Selbstwertgefühls, der eigenen Infragestellung – mit diesem Machtpotenzial steht unserer Weltherrschaft nichts mehr im Wege!

 

Situation 3: Meinungsbildung

 

Richtig tricky wird es allerdings, wenn wirklich wichtige Dinge unseren Sachverstand fordern, meistens in Verbindung mit Herzschmerz und alles verändernden Lebensetappen. Denn in dem Moment, in dem wir dem Jein-Sager die (auf allgemeiner Logik basierende) Entscheidung schließlich abringen und die Welt sich nun endlich wieder für alle gleichermaßen weiterdrehen darf, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass er doch das Gegenteil macht, bei 99,9 Prozent. Im Bruchteil einer Sekunde ist damit eine fünfstündige Diskussion beendet und wir lernen, dass unsere Meinung im Grunde genommen so nützlich ist wie Fliegenschiss an der Windschutzscheibe. Das hat ja auch seine Vorteile, so bleiben wir immer schön bescheiden und bilden uns nicht ein, unsere kostbare Zeit und unser Verstand könnten auch nur ansatzweise dabei helfen, die Selbstliebe und Achtung des anderen aufrechtzuerhalten.

 

Situation 4: Erörterung für Anfänger

 

Last but not least: Vom Profi lernen! Auch nach jahrelangem Quälen mit schulischen Erörterungen und so heiteren Fragestellungen wie “Ist die Todesstrafe sinnvoll?” oder “Soll Sterbehilfe erlaubt werden?” schaffen wir es immer noch nicht, unsere Meinung in Diskussionen strukturiert, argumentativ und rhetorisch anspruchsvoll wiederzugeben. Doch wer würde nicht gerne auf dem Siegertreppchen stehen und mit Stilmitteln brillieren? Keine Sorge, durch ein sprachwissenschaftliches Coaching bei einem zertifizierten Jein-Sager lernen wir in kürzester Zeit Pro-Contra-Listen zu schreiben, Aber-doch-wiederum-Konstruktionen zu bilden, Gegenthesen zu erstellen und die so sorgsam erarbeiteten logischen Schlüsse der eigenen Argumentation in Nullkommanix in die Mülltonne zu kloppen. Na, wenn das nicht erfolgsversprechend ist!

 

Wer also einen notorischen Jein-Sager kennt und Zeit mit ihm verbringen darf, der hat – herzlichen Glückwunsch und Chapeau! – wirklich das ganz große Los gezogen. Und wer noch keinen hat, der findet schon noch sein Glück. Jein-Sager gibt es in Deutschland schließlich en masse, wie Sand am Meer (oder wie Schnee im April). Auf manche Dinge ist und bleibt eben Verlass.

 

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Bildquelle: Justin Luebke via Unsplash

In meinen Kolumnen finden alltägliche Dinge, Erfahrungen und Geschichten, Reisefetzen und Zitate, Neologismen und vom Aussterben bedrohte Wörter ein Zuhause. Gesammelt mithilfe der unterschiedlichsten Koordinaten, erlebt in ganz schön vielen Akten, mitgenommen jetzt und vorerst nach Madrid. Hier bin ich (frei)beruflich ins kalte Wasser gesprungen und jongliere seitdem mit Sprachen und Texten. Aber die Hummeln im Hintern, die bleiben vielleicht für immer.