Hassobjekt: Leute, die nur von sich reden

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Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum Atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann – da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe „Hassobjekt“ einfach freien Lauf und geraten immer montags in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: „Leute, die nur von sich reden“.

Ein Hassobjekt von Sophie Lobenhofer. Illustriert von Alike Schwarz

 

Noch nie war die Metapher vom gläsernen Menschen so passend wie in Zeiten sozialer Netzwerke: Auf der „virtuellen Bühne“ Facebook bestimmt jeder Nutzer seine eigene Rolle – die einen geben intimste Geheimnisse von sich preis, andere stellen nur die eigenen Vorzüge in den Vordergrund. Die digitale Selbstdarstellung ist allerdings schon vor Jahren zum gesellschaftlichen Usus avanciert und kaum mehr einen Aufreger oder gar ein Hassobjekt wert.

Schließlich haben wir uns längst an jene Insta-Girlies gewöhnt, die ihr Lebensglück vom 100. Like ihrer neuen #NikeAirs abhängig machen und mit ungebrochener Leidenschaft ihre selbstgemachte Chia-Acai Bowl posten. Anstatt kostbare Zeit damit zu verschwenden, uns über ihre albernen oder allzu freizügigen Posts aufzuregen, freuen wir uns mittlerweile über die willkommene Abwechslung, die es erlaubt, uns ein amüsantes, kleines Lästerpäuschen zu gönnen. Aber: Der digitale Ego-Trip hat einen grausamen Nebeneffekt, der mittlerweile alle möglichen Lebensbereiche beeinflusst und WIRKLICH nervt. Denn leider beschränkt sich jener von vielen Menschen tief empfundene Wunsch, sich selbst als strahlenden Mittelpunkt der Erde zu präsentieren, offenbar nicht mehr nur auf die virtuelle Welt. Mir begegnen sie inzwischen auch im realen Leben –  und zwar immer und überall: Auf Partys, beim Sport, in der Arbeit und sogar im alteingesessenen Freundeskreis.

 

Alles dreht sich nur um dich

 

Ich kann ihnen nicht entkommen, diesen Menschen, die zunächst ihren Zielpunkt (in den meisten, traurigen Fällen: Sie selbst) fixieren, schnurstracks auf mich zusteuern und anschließend ihren Monolog beginnen. Und der ist leider nie besonders abwechslungsreich, denn er oder sie spricht  – und darauf liegt die ausdrückliche Betonung – ausschließlich und uneingeschränkt von sich selbst. Bevor ich meinen geballten Hass aber so richtig ausweite, möchte ich vorab noch eines klären: Ich höre gerne zu. Wahnsinnig gern. Überdurchschnittlich gern. Mich interessieren die oft völlig überflüssigen Details im Leben anderer Menschen und wenn mich ein Thema wirklich reizt, kann ich nicht aufhören, mein Gegenüber mit Fragen zu bombardieren.

Aber selbst für Menschen wie mich, die berufsbedingt wohl dafür ausgelegt sind, eine gewisse Neugier an den Tag zu legen, gibt es Grenzen. Die absolute Schmerzgrenze ist unter anderem dann erreicht, wenn mir auf einer Party einer der folgenden drei Monolog-Typen begegnet: Der Draufgänger, der Frustrierte oder der Krisenbewältiger.

Der „Draufgänger“ legt alles daran, mir zu beweisen, was für ein toller Typ er doch ist. Scheinbar spielend, lenkt er das Gesprächsthema sogleich auf eines seiner einzigartigen und vor allem unglaublich spannenden Projekte – obwohl ich doch eigentlich nur wissen wollte, was er studiert. Tja, Empathie ist aber leider nicht so das Ding des Draufgängers, dafür kennt er sich umso besser mit dem Programmieren von Websites und Apps („Zum Glück war mir schon zu Schulzeiten klar, dass ein BWL-Studium allein niemals ausreicht!“) und Alpenüberquerungen mit dem Mountainbike („Nur beim Extremsport krieg ich den Kopf so richtig frei!“) aus. Nach einem circa halbstündigen Geplapper, kenne ich seine gesamte  Lebensgeschichte – während er noch nicht mal weiß, ob ich studiere, zur Schule gehe oder von Hartz4 lebe.

Selbst meine späteren Versuche, ihn in seinen Litaneien unwirsch zu unterbrechen und die Sprache unaufgefordert auf mich zu bringen, scheitern: Welchen Gesprächsbrocken ich dem Draufgänger auch hinwerfe – er nutzt ihn elegant, um wieder die eigenen Erfahrungen und Sichtweisen ins Spiel zu bringen. Und schon melden sich meine Selbstzweifel: Ist dieser Typ einfach nur unhöflich –  oder ich einfach nur unglaublich uninteressant? Meine Meinung ist und bleibt jedenfalls nicht gefragt. Im wahrsten Sinne des Wortes.

 

Eindeutig. Zu. Viel. Information

 

Das genau Gegenteil und dennoch ein ähnlich ernüchterndes „Gesprächs“-Erlebnis erwartet mich bei einer Begegnung mit dem „Frustrierten“. Ich brauche ihn oder sie nur darauf anzusprechen, woher er denn den Gastgeber kennt – und werde unaufgefordert darüber erhellt, dass dieser ein enger Freund ist. Ohne ihn hätte der Frustrierte die wohl schwierigste Zeit seines Lebens (das kann wahlweise eine Krankheit/ das plötzliche Aus nach einer langjährigen Beziehung oder auch die nicht enden wollende Prüfungsphase sein) wohl kaum überstanden. Seitdem weiß er zwar, wer seine echten Freunde sind, trotzdem kann er dem Gefühl der Einsamkeit, das ihn dann und wann noch immer überkommt, nicht entfliehen.

Mir wird immer unwohler, als mein Gegenüber sein gesamtes Innenleben mitsamt seelischer Abgründe vor mir aufrollt und sich nur durch Kopfnicken oder müde zwischengeworfene Halbsätze wie „Oh nein, wie schrecklich!“ oder „Kann‘ ich mir vorstellen…“ zum Weiterreden animieren lässt. Es ist völlig absurd, aber obwohl ich diese Person erst seit ein paar Minuten kenne, könnte ich am Ende unseres Gesprächs ihren Lebenslauf mitsamt all ihren therapeutischen Zwischenstationen runterrattern. Rückfragen ihrerseits? Fehlanzeige.

 

Wir haben den Smalltalk verlernt

 

Der dritte und letzte Typus ist der sogenannte „Krisenbewältiger“ und sozusagen eine Mischung aus Typ 1 und 2. Er dümpelt nicht mehr – wie der Frustrierte –  in einer verzweifelten Selbstfindungs-Phase, sondern hat „die Krise bereits gemeistert“, wie er mir mit stolzer Stimme erklärt. Er war zwar am Boden und hatte den absoluten Tiefpunkt erreicht – doch am Ende ging er aus dieser harten Zeit gestärkt hervor, die ihn damit „zu der Person gemacht hat“, die er heute ist. Wie schön für dich, denke ich und freue mich ein paar Minuten ehrlich mit ihm. Bis ich irgendwann merke, dass mein Gegenüber leider viel zu sehr damit beschäftigt ist, sich selbst für seine Ausdauer und Widerstandsfähigkeit zu feiern, um sich ernsthaft für den unwichtigen Nebencharakter alias meine Wenigkeit zu interessieren, der sich sein „Gesprächspartner“ nennt.

Ja, „Gesprächspartner“. Eine Partnerschaft ist das also, die bekanntlich aus einer Art Austausch, also  „Geben“ und „Nehmen“ bestehen sollte. Doch dieses Wechselspiel aus Fragen und Gegenfragen scheinen die meisten leider völlig verlernt zu haben – obwohl es doch genau das ist, was einen gewinnbringenden Dialog ausmacht. Was bringt es uns, anderen Menschen, die wir kaum kennen, all das auf die Nase zu binden, was wir ohnehin wissen? Weiter jedenfalls nicht.

Der gute alte Smalltalk ist tatsächlich zu einer Fähigkeit verkommen, die kaum noch jemand beherrscht. Dabei bräuchte es nicht viel, um mich in dieser Hinsicht glücklich zu machen – ein einziges, erhellendes Gespräch oder auch nur ein kurzes, bündiges „Und wie geht‘s dir?“  – und der Abend wäre gerettet.

 

Mehr von Alike Schwarz bekommt Ihr per Mail unter a.schwarz@tradesign.de !

Alike Schwarz ist eine junge Illustratorin, die in der wunderbaren Schwarzwaldstadt Freiburg lebt und studiert. Nun verbildlicht sie in unverkennbarem Stil für ZEITjUNG.de das wöchentliche Hassobjekt –  mit ganz viel Witz und Liebe. Danke!