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Hassobjekt: Menschen, die Rollkoffer benutzen

Wer diese Ausgeburten der Scheußlichkeit wählt, hat jegliche Form des Reisens nicht verstanden.

Jeder kennt sie, jeder hasst sie und doch brauchen wir sie wie die Luft zum Atmen: Nervige Klientele und unnütze Gegenstände des Alltags, über die man sich so richtig schön echauffieren kann – da geht es den ZEITjUNG-Autoren nicht anders. Deshalb lassen wir unserer Wut in der Reihe „Hassobjekt“ einfach freien Lauf und geraten überspitzt in Rage. Eins ist sicher: Nichts ist uns heilig und keiner wird verschont. Dieses Mal auf der Abschussliste: Menschen, die Rollkoffer benutzen.

Ich werde sie nie verstehen. Diese Unmenschen, die es tatsächlich für eine glorreiche Idee halten, einen verdammten Rollkoffer mit auf ihre Reise zu nehmen. Menschen, die Zuhause einen Blick auf den Rucksack werfen, mit verdrehten Augen den Kopf schütteln und beherzt zu einem gefühlt zwei Quadratmeter großen Ungetüm greifen, das nur noch dadurch getoppt werden kann, in dem man es mit einer knapp 50 Zentimeter langen Manifestierung des Stresses – dem Ausziehgriff – verlängert.

Nein, kommt mir hier nicht mit Pragmatismus oder Rückenproblemen. Wer den Rollkoffer wählt, hat jegliche Form des Reisens nicht verstanden. Da mögen meine jungspundhaften 28 Jahre auf dem Buckel aus mir sprechen – aber ey, wie oft sehe ich ebenfalls junge Menschen an Bahnhöfen, die diese Ausgeburten der Scheußlichkeit hinter sich her ziehen? Ihr fleißigen Rollkofferanten, eure vermeintlich praktischen Scheusale sind nicht nur grässlich anzusehen, sie sind auch sperrig und vor allem eines: absolut unpraktikabel.

 

Der Koffer nervt euch doch selbst!

 

Ich sehe doch eure genervten Gesichtausdrücke, während ihr verkrampft-galant versucht, diese Monster die Bahnhofstreppe hinauf zu bugsieren, scharfe Kurven zum Dunkin‘ Donuts mit nur drei funktionierenden Rollen (eine ist immer kaputt!) zu bewältigen und – Ha! Das Witzigste von allen – dieses Ausziehgerät aus dem Koffer heraus oder wieder in den Koffer hinein zu bekommen. Meistens klappt das ja eh nicht, dann hievt ihr diese Dinger halt doch an den ausgefahrenen Stangen hoch, rennt wild schnaufend die Treppen zu Gleis 3 nach oben und habt schon schlechte Laune, bevor ihr im Zug sitzt. Im Zug selbst versperrt ihr allen Reisenden den Weg damit, panisch und labil lächelt ihr die anderen Personen im Waggon an, in der leisen Hoffnung, dass sie euch nicht anbrüllen.

Es mag polemisch und der Tatsache geschuldet sein, dass ich gerade selbst am Bahnhof war und über dutzende schleichende Rollkofferfahrer gestolpert bin, die selbstbewusst den ganzen Meter hinter sich für ihre monströsen Hartschalenauswüchse beanspruchen. Doppelt so viel Platz verbraucht ihr damit, und dann befindet sich eure bösartige Aura der Vereinnahmung auch noch auf fiesester Beinhöhe. Prädestiniert zum Hinfallen, hat man euch Schlawiner nicht ständig im Blick.

 

Alt, ok. Aber warum auch ihr, junge Leute?

 

Mein geballter Hass über diese aufgezwungenen Stolperfallen ist aber viel mehr als das: Es ist auch die leise Verzweiflung über den jungen Mensch, der seinen Rücken nicht für den Rucksack hinhalten möchte. Verzweiflung über den Wunsch, die Reise mit knitterfreien Klamotten und gefalteten Unterhosen anzutreten. Wo ist die junge Wildheit, die Spontaneität und die ständige Option, vielleicht nach links zu gehen anstatt nach rechts? Welche Mauern wollt ihr mit dem Rollkoffer überwinden? Welche Hürden überspringen? Wohin wollt ihr mit einem schleifenden Ungetüm? Auch wenn ich hier in dramatischen Metaphern rede, ist es nicht von der Hand zu weisen, dass der Reisekoffer unfrei macht. Und genau das will ich nicht auf Reisen. Unfrei sein.

Der Rollkoffer ist vor allem das, was gleichzeitig sein größter Vor- und Nachteil ist: genormt. Ja, er passt in dieses ominöse Handgepäckfach im Billigflieger – aber genau so nichtssagend wie die Maße des Handgepäcks scheint mir auch die Aussage des Rollkofferbesitzers: Wer ein solches Gerät hinter sich herzieht, hat keine wilden Auswüchse. Keinen Tatendrang, keine Abenteuerlust. Harte Schale, knitterfreier Kern. Oder viel schlimmer: Ein teures Firmen-Notebook, das im Koffer an der Hand eines jovialen und Anzug tragenden Businesstypen verweilt. Graus!

 

Befreit eure Seele von den ollen Rollkoffern!

 

Leute, holt euch einen Rucksack. Keinen billigen, der sofort aufreißt – Nein! Einen stabilen mit Hüftgurt, der viel fassen kann und es euch möglich macht, wild und frei(er) zu sein. Denn wenn wir ehrlich sind, sehen wir: Der Rollkoffer ist nicht anders als ein großer, nicht stubenreiner Hund. Einer, auf den ihr ständig aufpassen müsst, dass er nicht Fremden zwischen die Beine rennt oder gar verloren geht.

 

Bildquelle: Sascha Kohlmann unter CC BY-SA 2.0

 

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